Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1882)
- Date
- 1882-11-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1144 Stadt, liegt die große und schöne Kirche. Gar nicht weit entfernt davon rechts von der Straße, aber nicht unmittelbar an dieselbe anstoßend, liegt die Synagoge, sowie das neuerbaute noch gar nicht fertiggestellte Vet- und Lehrhaus der Israel. Gemeinde. Hier in der Nähe der Gotteshäuser hatte der Brand Halt gemacht. Der Kirche schräg gegenüber von Nordwest nach Südost laufend, zweigt sich eine andere Straße ab, welche zumeist nur von einer, der rechten ^eite bebaut ist. Hier wohnen oder wohnten die Bauern und hier war der Brand, man sagt durch daS Umfallen einer Petroleumlampe beim Futterholen, zum Ansbruch gekommen. Jedes dieser kleinen Gehöfte steht mit seinen schlechten Holzgebüuden mitten unter walddichten Bäumen und Sträuchern. Das Alles hat nicht verhindern können, daß das Feuer mit dem Windcszuge, der gerade die Richtung dieser Straße genommen hatte, sich verbreitete, zunächst die in dieser Richtung liegenden Bauernhäuser verzehrte, dann hinwegspringend über eine Rasenfläche von über hundert Schritt die Häuser der Hauptstraße zu beiden Seiten ergriff, links bis fast zu den Synagogen und der Kirche alle Gebäude in Asche legte und dann rechts nach Nordosten, die beiden Häuserreihen immer weiter vernichtend, bis dem Brande Einhalt gethan war. Wir schritten die Branstütten nach allen Richtungen hin ab. Es sah so ziemlich eine aus wie die andere. Im Ganzen ein Bild grauenhafter, elementarer Zerstörung und dazwischen herumwandclnde zerlumpte, hohläugige, von Gram und Elend verzehrte Männer- und Frauengestalten, welche im Schutt wühlten, theilweise um aufzuränmen, oder aber hie und da einen Scherben oder Lumpen, der itod) irgendwie verwendbar, aufziffpüren. ’ Gerettet wurde so gut wie gar nichts. Es war am Freitag Abend sieben Uhr, eben hatte die von den russischen Inden so unverbrüchlich streng gefeierte Sabbatruhe begonnen, die erste und Hauptsabbatmahlzeit war beendet und die für die Winterabende des Sabbatbeginnes bestimmten Lieder (Semiros) wurden von der ganzen Familie gesungen, da erscholl plötzlich der Feuerrus. Die Inden sahen die den Bauernhäusern zunächst liegenden Synagogen, welche sie eben erst besucht hatten, um dort „den Sabbat zu empfangen," in größter Gefahr. Alles eilte dorthin, um zu schützen und zu retten. Man dürfte doch das Gotteshaus und seine heiligen schätze nicht im Stiche lassen und an die Rettung des eigenen Besitzes denken, das thut kein russischer Jude; es würde auch nichts genützt haben. Das Feuer verbreitete sich mit solcher Schnelligkeit, daß im Verlaufe von l1/* Stunden der Brand sein Zer- Üörnngswerk, wenn auch nicht vollbracht, so doch schon alle die jetzt zerstörten Stätten ergriffen hatte. Die Häuser mit ihren Geräthen, Mobilien und Vorräthen, die Läden mit ihren Maaren, die LcMi mit ihren zum Export bestimmten Artikeln an 4-1 treibe, Leinsaat, Flachs rc. waren verloren. Ger der beste Theil der Stadt ist zerstört und viele ehe-I mals nicht unvermögende Menschen sind jetzt bettck arm. Da in Dorbian außer den Abgebrannten noch etwa 200 Familien Israeliten wohnen, so sucHnj und fand jeder für den nächsten Augenblick ein lu; terkommen bei seinen Glaubensgenossen, bis später! das Eomite, zu welchem auch die Behörden dett Ortes und des Kreises gehören, die Verunglückte;;! unter die Bewohner des Ortes wie etwa eine Einquartiernng vertheilten, derart, daß mancher Besitzer I eines großen Hanfes bis vier Familien aufnelmie;; mußte. Verluste erleidet ein Jeder im ganzen Cnq Alle Erwerbsthätigkeit ist gestört und beim finiten;! Ausräumen und Retten der bedrohten Häuser iii sehr vieles verschleppt, zerstört und gestohlen worden. Die herzugeeilten Landbewohner haben sich ungeeignet, z was sie nur eben erlangen konnten. Der sehr h;;-! mane Geistliche des Orts, der auch zum Eomitt gc-! hörte, hat selbst von der Kanzel herab die Bauen; zur Zurückgabe des unrechtmäßig sich ungeeignete;; Gutes gemahnt; ob die Ermahnung gewirkt hat. haben wir nicht erfahren können. Aus den Brandstätten der Bauern ist ina;: schon in voller Bauthatigkeit begriffen. Die Bauen; sind nicht unvermögend, viel vermögender als die Juden, haben ihr Geführt, ihre liegenden GrüM. haben theilweise eigene Waldungen, haben Verwandte und Bekannte, die ihnen Helten und sie mit Bauholz unterstützen, auch Gras Tyszkiewicz hilft mir Bauholz ans seinen eigenen Waldungen — scheu k kurzer Zeit werden die Bauern wieder im Besitze ihrer Wohnungen sein. Mit den Juden steht et viel schlimmer, da dieselben zu einem Neubau aus noch nicht den leisesten Anfang haben. Es hemtt eine schwere Gedrücktheit und Muthlosigkeit mite: den armen Menschen; Niemand weiß, wo er put was er beginnen soll. Als wir uns nach Beneltigung der beiden Gotteshäuser nach unserem;M:- steigequartier begaben, kanten dahin mit dem gleia'- salls verunglückten Rabbiner des Ortes ein graste Theil der brandbeschädigten Familienväter. Ticn Menschen mit ihrer schlechten Bekleidung, mit ihre;: hohlwangigen Gesichtern, ihren Leidensmienen, ibst. schwerverhalteneil Ruhe, ihrer völligen Ergebenst;: in das Gottesgeschick boten einen überaus traurige:: Anblick, den man, einmal ausgenommen, nicht runder los wird. Gegen zwei Uhr Nachmittags, unst bent wir noch demst Geistlichen einen Besuch genmä-: verließen wir den Ort, der mit seinen ärmliche;: Häusern, uugepflasterteu, vor Schmutz fast unpaffw baren Straßen, urtmöglich zu irgend einer Zeit einer freundlichen Anblick auch vor dem Brandunglntt