Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1882)
- Date
- 1882-05-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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432 religiösen Standpunkte aus müssen wir nach Palästina j gravitiren. Wenn unsere unglücklichen Glaubensgenossen nach Amerika gedrängt werden, dann vergessen sie dort den Glauben ihrer Väter." — Herr Feigenbaum erklärt sich unter stürmischem Widerspruch seitens der Versammlung gegen die Bildung des Vereines überhaupt. „Wie solle man die zur Bewerkstelligung des großen Exodus erforderlichen 50 Millionen aufbringen können? Wir in Oesterreich haben es trotz des Bischen Antisemitismus durchaus nicht nöthig, uns mit derlei Plänen herumzutragen." — Rabbiner Spitzer wendete sich gegen die Ausführungen des Vorredners und findet einen solchen Verein ganz vernünftig. Er sagt: „Wir Juden stehen solidarisch für einander ein: Einer für Alle und Alle für Einen! (Bravo!) Wenn unsere Brüder in der weiten Ferne so unsäglich leiden, so fühlen wir den Schmerz mit ihnen. Niemand wird uns dies verargen. Von dem Auszüge der Inden aus Oesterreich habe Niemand gesprochen. Wir Juden Oesterreichs sind die glücklichsten vielleicht unter allen der Welt, da wir unter dem gnädigen Schutze eines überaus freiheitlich gesinnten Monarchen leben, der seine Unterthanen ohne Glaubensunterschied mit gleicher väterlicher Liebe behandelt. (Andauernder Beifall.) Es ist wahr, daß wir die messianische Zeit erwarten, und unser Herz richtet sich nach dem so lange vermißten Zion, aber bis zum Eintreffen der messianischen Zeit bleiben wir hier als treue Unterthanen der erhabenen Dynastie, der wir so viele Wohlthaten verdanken." Hierauf wurde ein fünfgliedriges Comite zu Berathung der Statuten gewählt, welches am 12. d. M. Sitzung halten wird. Budapest im April. Graf Audor Feftetits spendete zum Tempelbau der Särvärer israelitischen Kultusgemeinde 50,000 Bauziegel, welche die durchgehends katholischen Einwohner seiner Domäne Nagy- Oelbö, angeregt von der edlen Toleranz des hochherzigen Spenders, unentgeltlich auf 10 Kilometer Entfernung nach Snrvür frachteten. Zur Charakteristik der religiösen Toleranz des verstorbenen Siebenbürger Bischofs wird uns folgende Episode aus dessen Leben mitgetheilt: Zu Anfang der fünfziger Jahre geschah es, daß der Bischof Fogarciffy bei Gelegenheit eines Spazierganges im Stadtmeierhof auf einer Straßenecke einen Juden bemerkte, dessen Augen mit Thränen gefüllt waren. Mit sichtlicher Theilnahme erkundigte sich der Bischof nach der Ursache seines Kummers, worauf der Angesprochene, ein Ofner Frauenschneider Namens Moriz G., sein Leid klagte, welches darin bestand, daß ihm zur Aussteuer seiner Tochter noch 80 fl. fehlen, welche Summe er auf keine Weise zu beschaffen im Stande sei. Der Kirchenfürst, damals noch Weihbischof, lud den Mann ein, ihn am andern Tag zu besuchen. Inzwischen hatte er sich nach den Verhältnissen des Schneiders erkundigt und sich von der Wahrheit der Aussagen desselben überzeugt. Als der Schneider zur anberaumten Stunde zu ihm kam, gab er ihm nicht nur die fehlenden 80 fl., sondern er schenkte ihm obendrein noch auf „Hochzeitskosten" die Summe von 100 fl. Der Jude ruht schon seit 15 Jahren im Grabe, aber seine Tochter, die damalige Braut, schickt seither an jedem Michaelitage ein Gratulationsschreiben an den hochherzigen Bischof auf dessen Sarg sie jetzt als Zeichen ihrer unvergänglichen Dankbarkeit einen prachtvollen Kranz niederlegen ließ. Vor einiger Zeit hatten einige Mitglieder der akademischen Lesehalle an den Ausschuß der letzteren den Antrag gestellt, daß das antisemitische Witzblatt „Füstölö" für die Lesehalle abonnirt werde. Der Ausschuß verwarf damals den Antrag; demungeachtet wurde jedoch das Blatt der Lesehalle weiter zugeschickt. so daß das Präsidium sich veranlaßt sah, Anstalten zu treffen, damit dieser Zeitung der weitere Eingang in die Lesehalle verwehrt werde. Diese Anordnung erregte nun den Unwillen einiger antisemitisch gesinnten Mitglieder, die ihrem Aerger in einer Reihe von Interpellationen an den Ausschuß und das Präsidium Luft machten. Der Ausschuß beschloß nun in seiner jüngsten Sitzung mit 10 gegen 6 Stimmen auf Antrag Bihari's, „daß die Lesehalle das Schandblatt „Füstölö" in ihren Lokalitäten nicht dulden und dasselbe weder pränumeriren, noch auch unentgeltlich acceptiren werde." Rußland. Unter den russischen Blättern ist es besonders der „Golos", der in energischer Weise gegen die Judenverfolgungen Front gemacht. „Der Staat ist dazu da," sagt das Blatt, „um Jedem und Allen, die sein Territorium bewohnen, gleichen Schutz zu gewähren. Die Juden bilden keine Ausnahme. Sie sind eben solche Bürger wie die Nichtjuden. Sie zahlen dieselben Steuern, tragen dieselben Staatslasten wie alle Nichtjuden. Sie dienen im Heere und vergießen mit allen übrigen Bürgern ihr Blut für den Staat, in dem sie ein Asyl gemnden haben. Der Staat stellt an sie dieselben Anforderungen wie an alle übrigen Bürger. Es scheint demnach, daß sie auch in allen übrigen Beziehungen den Nichtjuden gleichgestellt sein, d. h. daß sie auch Anspruch auf Schutz ihrer Person und ihres Eigenthums haben müßten. Sobald den Juden aber seitens der „Volksmasse Gewalt angethan wird, finden sich bei uns einige Publizisten, die ihrem Vergnügen darüber