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Der Israelit · 1881-05-04 · Heft 18 (4.5.1881) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 18 (4.5.1881)
Date
1881-05-04
Page
– (sequence 19)
Language
German
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489 Einwohnerschaft ist eine ungeheuere. Infolge dieser Borgänge sandte heute der Vorstand der jüdischen Gemeinde an den Oberpräsidenten zu Posen folgende Depesche: „Große Aufregung infolge Aufreizung durch Lehrer Priewe und Bäckermeister Weiß, unter deren Führung bereits eine Demolirung der Wohnungen der Juden heute Nacht ftattgefunden hat und Drohungen zu morden gehört wurden. Kein polizeilicher Schutz. Militärische Hilfe dringend nöthig." Eine Deputation von drei jüdischen Bürgern begab sich heute auch nach Jnowrazlaw. Dort nahm Rechtsanwalt Kleine den Thatbestand zu Protokoll und verfügte sich zum Amtsrath Richter, welcher sogleich telegraphisch von dem Geschehenen an die Staatsanwaltschaft in Bromberg Mittheilung machte. Der erste Staatsanwalt Bartsch aus Bromberg ist demzufolge hierher gekommen und auch der Landrath v. Solms aus Jnowrazlaw hatte sich hierher begeben. Die erwähnten Rädelsführer sind verhaftet; die protokollarische Vernehmungen vieler Theilnehmer an der Revolte und vieler Zeugen hat ftattgefunden und die Untersuchung ist eingeleitet worden. Interessant sind die Vorgänge, welche diese argen Ausschreitungen herbeigeführt haben. Schon vor langer Zeit fing der von Klahrheim nach hier versetzte Lehrer Priewe im Verein mit dem Bäckermeister Weiß und, wie es heißt, von gewisser Seite begünstigt, die Agitation gegen die Juden an und im Jehrke'schen Lokale fanden regelmäßige Versammlungen der Antisemiten statt, welche den bisher so außerordentlich friedlichen, fast freundschaftlichen Verkehr aller Konfessionen sehr beeinträchtigten. Bäckermeister Weiß machte nun im Verein mit einem Berliner Agitator Agitationsreisen gegen die Juden in die Umgegend. Fast alle Gastwirthe wurden eifrig bearbeitet, nicht mehr von den Juden zu kaufen. Der jüdische Kaufmann Friedenthal hier merkte, daß wochenlange seine Kunden ausblieben und er forderte dieselben auf, ihre Rechnungen zu begleichen. Da erschienen die betreffenden Gastwirthe mit der Bitte, ihnen noch Kredit zu gewähren, da sie nicht gleich zahlen könnten, indem sie zugleich erzählten, daß sie von dem Bäckermeister Weiß verleitet feien, nicht mehr von Juden zu kaufen. F. versprach ihnen die Stundung der Schulden, sowie ferneren Kredit, wenn sie nicht mehr von dem Bäckermeister Waaren nähmen. Ties geschah auch wirklich. Als letzterer mit seinen Backwaaren wieder zu den Gastwirthen kam, wollten diese nichts mehr von ihm kaufen und Weiß beschloß nun, da er so um seine Kunden gekommen war, nach Amerika auszuwandern. Vorher aber sollte noch „eine Züchtigung der Juden des Städtchens vollzogen werden." Einem Bericht der „Tribüne" entnehmen wir Folgendes: „In welcher Weise bisher gehetzt wurde, davon liefert folgendes Plakat, welches g^lnz unbeanstandet an den Ecken Argenau's erschien, eme drastische Probe: Ausruf an die Christenheit! Wachet auf ihr Christen alle und schüttelt ab das Judenjoch. Treibt sie heraus nach ihrem Palästina, die Unterdrücker der Christenheit, sammelt, sammelt euch; zu Hülfe Alle, Alle aus Dörfern und Städten, Alle insgesammt. Haut die Juden, haut die Hunde, haut die Betrüger, stürmet die Höllenbrut. Fürchtet nichts, ihr unterjochten Christen, denn ein guter Held geht uns voran. Nun, so seid nicht feig, es gilt ja nur zu retten unser bischen Hab und Gut. Raus mit den Juden. Bismarck lebe hoch, Dr. Henrici lebe Dr. Stöcker lebe hoch!" In Argenau ist eine Verstärkung der Gendarmerie eingetroffen. Militärische Hülfe ist nicht nöthig. Die öffentliche Ordnung ist wieder hergestellt. Die Untersuchungskommission befindet sich am Orte. — Der „Germania" wird aus Argenau (Gniewcowo) gcschriebert: Im Allgemeinen sind cirea 300 Fensterscheiben eingeschlagen worden. Die jüdische Gemeinde hat eine Kaution von 6000 Mark bei dem Magistrate von Gniewcowo deponiren müssen, um die Kosten der Untersuchungskommission, die noch hier verweist, zu bestreiten. Verhaftungen sind bis jetzt noch nicht vorgenommen. Berlin, 8. Mai. Der Kronprinz richtete an Professor Baumgarten als Dank für die Zusendung einer Broschüre wider Herrn Hofprediger Stöcker „eine christliche Stimme über die Judenfrage" folgendes Schreiben: „Ich habe mit besonderem Interesse die kleine Schrift empfangen, welche Sie die Güte hatten, mir zu überreichen und nehme gern Veranlassung, Ihnen für diese willkommene Sendung zu danken." Rußland. Petersburg', l. Mai. Nach amtlicher Mittheilung fand am 27. v. M., in Elisaberhgrad ein Zusammenstoß zwischen Christen und Juden statt, bei welchem einige von Juden bewohnte Häuser und mehrere Juden angchörende Schanklokale geplündert wureen; die Ruhestörungen dauerte bis zum 29. Morgens, wo die Ruhe wiederhergestellr wurde. Bei den stattgehabten Thätlichkeiten wurde ein Jude getödtet; mehrere Personen uub schwer verletzt. Es ist eine strenge Untersuchung des Vorfalls eingeleitet. Petersburg, 2. Mai. Amtlichen Nachrichten aus Odessa vom l.d.M. zufolge ist die Ruhe in Elisabethgrad wieder hergestellt. Währen der Unruhen wurden -400 Personen verhaftet und auf Ansuchen der Stadt Duma der in Elisabethgrad bevorstehende Jahrmarkt abbestellt.

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