Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1881)
- Date
- 1881-05-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447866--17485-3519415- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
430 Richter ist ein gerechter Richter, voll Güte und j Milde, der uns nur ans reiner Liebe züchtigt, wie > der Later fein Kind. „Er will nicht, daß der Sün-! der sterbe, sondern nur, daß er zu Ihm znrückkehreud ' seinen sündhaften Weg verlasse^ und lebe." — Gar I Vieles liegt in deni Ton des ^chüfars; wohl dem, der ihn versteht und verstehen will! — Und der i große und heilige Tag, der Versöhnungstag, „an welchem Tage Gr euch Sühne erlangen laßt, euch zu reinigen, daß ihr all' eurer künden ent- . ledigt, rein vor Gott erscheinen tonnt," — er ist kein Tag der Beichte und der Absolution, kein vvag, an deni wir blos unsern Körper kasteien und leeren Wortschwall zum Lümmel senden. 'Rein, ein -vag . des geistigen Schmerzes über unser vergangenes sündhaftes Leben, ein -vag, an dem wir unsre künden aufrichtig bereuen, der: ernstlichen Vor- > satz zur Besserung fassen und Gott im inbrünstigen Gebote bitten, uns zu verzeihen und lumm Geist und Willen stärken, damit wir die Kraft haben, die eben gefaßten Vorsäge auch ansznführcn. -icwn 1222 2'w22.n cm rx xsnx xdhx. Wer da sagt: „Ich sündige wohl, aber ich lhne auch immer wieder Buße, dem bringt der Bersöhnnngstag leine Leriölmnng." So bekundet Alles, Alles im iüdischen Leben ein geistiges Zusammenleben mit Gott, 'Alles mit Ihm, nichts ohne Ihn! Sogar unsre fröhlichen Gastmäbler und Festlichkeiten, sie werden nie die Grenze des Schicklichen überschreiten und mit zügellosen A.usschreilnngen endigen. Unsre Toaste haben nicht „Wein, Weib, Gesang" znm Inhalte, sondern „ein Wörtchen Thora" j findet hier gmen Anklang und erquickt den Gelehrten : wie den Laien, und beim heiteren Sabbatmahle j liefern die schönen rr'’;:; reichlichen Text zu Tischgei sängen. So soll sich unser ganzes Leben, selbst j in seinen kleinsten Nüaneirnngen, um den einen in; himmlischen Glanze strahlenden Punkt, unsre hl. j Thora, coneentrircn. solche Familien, in denen.! noch solch' innig-religiöses Leben, ein Leben der j feurigen Begeisterung, welches zur freudigen Gcsetzesersnllnng anregt, pulsirt, sie sind die Stammhalter unsres Volkes. Und wenn in solchem Geiste Haus und Schule, Theorie und Praxis, sich einander unterstützend, unablässig Zusammenwirken, dann darf Israel getrost der Zukunft eutgegenblicken. Wenn in den Städten das echte jüdische Leben großcntheils aufgehört hat, so haben die Herren „Reformrabbiner" und „Weltaufklärer" ihr Mögliches dabei gethan, und hier ist es am schwersten, den rechten Weg zur Besserung zu finden und wenn er gefunden, ist es immer noch fraglich, ob auf ihm für die Dauer etwas zu erreichen ist. Wie hier die Verhältnisse liegen, schildert Hirsch, der wackere Kämpfer für das orthodoxe Jndenthum in lebhaften Farben (Jeschnrnn); er sagt: „Träte Moses Genius heute in den Kreis unsrer Gemeinden, um einmal nach Jahrtausenden zu sehen, ob wir noch seine Gemeinde wären, da führten ihn freilich Vorstandsdepntationcn zu dem Prachtbau unsrer Synagoge, l den Glanzschreinen unsrer Thora-Hechal, zu den nbelhymnen unsrer Ehöre, in die Ordnnngsbüreanx unsrer Vorstände, zu den Kassen und Grundstücken unsrer Gemeinden, zu den Hnmanitätsanstalten unsrer Wohlthätigkeit — Moses Genius aber ließe die b er Mimten Vorstände stehen und suchte zuerst umre Kinder auf, träte dem ersten besten Indenknaben auf der (Kasse mit der Frage eittgegen: prn-r "ltvDs w, welchen Postuk hast Tn heute gelernt?" Und wenn ihm dann der Knabe lächelnd enuteoerre: „Ich verstehe Dich nicht, alter, fremder Mann! Poßnk? Ich weist nicht, was das ist. Ich habe heute Deiltsch, Französisch und Gag lisch, Geogravhie und Geschichte, Physik und Naturgeschichte gelernt. Ich gehe jetzt in die Neligionsstnnde; ich werde im Sommer eonfirmirt, wir haben darum diesen Winter zwei Religionsstunden beim Docter". — Moses Genius ließe die Borstände stehen mit ihren Synagogen und Ehören, mit ihren Büreanx und Kassen, mit ihren Grundstücken und Anstalten; er schritte kummervoll znm Thore hinaus; seine Gemeinde wäre cs nicht!" Ja, die Eoufirman'on ist eine herzerquickend'' Eroberung für die Herren Resormrabbiuer, und es freut sie nicht wenig, das; sie dieselbe aus dem Ehristev.thnm mir „herübergenommen" haben! Warum auch nickst? — Tie schönen, neuen Goldstücke deutscher Reichswährnng sind dem Eonrs nicht unterworfen, sie geben immer denselben Sinne bestrickenden Klang und ihre harmonischen Töne klingen bezaubernd wie himmlische Musik, wer könnte da sein Ohr verschließen?? Da ich grade von diesem Gegenstände spreche, kann ich mir nicht versagen, den „feierlichen" Act der Eonfirmation durch ein Beispiel zu illuftriren, wie ich ihm einmal in einer größeren Stadt beizuwohnen Gelegenheit hatte. Es war am Schabuoth-Feste — wahrlich besser könnte man dieses Fest nicht verhöhnen — zu nmo des ersten Tages, als der erste Thcil der Confirmation, die Religionsprüfung der Eonfirmation, vor den nur in geringer Zahl erschienenen Synagogenbesuchern vollzogen wurde. Wie diese Prüfung ausgefallen ist, ist schwer zu beurtheilen. Will man jedoch auf die vom Rabbiner stets laut wiederholten Antworten der Confirmanden schließen, die diese äußerst leise und vielleicht mit weisem Vorbedacht leise gaben, so muß man sie als eine ganz vortreffliche bezeichnen! — Der zweite und eigentliche Theil,