Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1881)
- Date
- 1881-05-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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427 Mt aller Macht seines Willens bekämpfte Nerva den Schrecken, der sich seiner bemächtigt hatte. Dann sprach er: „Die Quelle, aus welcher Du Deine Nachricht geschöpft hast, ist eine gute, und ich zweifle nicht an der Wahrheit Deiner Worte. Wehe mir, daß ich sterben muß und daß der Faden meines Lebens gewaltsam durchschnitten werden soll! Doch sage mir, o Fremdling, was veranlaßt Dich, mir diese Nachricht zu überbringen? Ich habe es nicht um Euch verdient, daß mein Leben theuer sein soll in Deinen Augen." „Ich bin ein Jude, Herr," antwortete Rabbi Akiba „ein Nachkomme Abrahams, von dem Gott gesprochen: Und es sollen durch ihn gesegnet werden alle Völker der Erde. — Daher habe ich' die Pflicht, für das Wohl aller meiner Mitmenschen zu sorgen, soweit es in meinen Kräften sieht. — Heute veranlaßt mich jedoch noch ein anderer Grund, Dich zu warnen, damit Du auf Mittel sinnest, Dein Leben vor dem Mordschwerte des Tyrannen zu schützen. Kaiser Domitian plant Schlimmes gegen uns Juden; deßhalb sind seine Feinde unsere Bundesgenossen." „„Und wie meinst Du, daß ich im Stande sei, mein Leben zu schützen?"" „Das, o Herr, mußt Tu besser wissen als ich. Du hast ja viele Freunde, und das Schicksal, das heute Dich bedroht, kann morgen die Andern erreichen." „„Du hast Recht, Fremdling, ich werde mit ineincn Freunden überlegen, was zu thun sei. Ach, ich habe gedacht, die wenigen Tage, die mir noch beschieden sind, in Frieden zu verleben. Ich bin ein alter, einsamer Mann, und die Sterndeuter haben mir geweissagt, daß ich zwar nur kurze Zeit noch leben, aber ruhig in meinem Bette sterben werde."" „Wenn Dir das die Chaldäer prophezeit haben und Du das Horoskop besitzest, in welchem diese Prophezeiung begründet wird/ so kann dies vielleicht Dein Leben retten. Domitian ist sehr abergläubisch, und glaubt fest an die Prophezeiungen der Chaldäer. Du brauchst jenes Horoskop nur zu seiner Kunde zu bringen, und er wird seine Hand nicht mit Deinem Blute beflecken wollen. Es wird ihm lieber sein, wenn Du ohne sein Zuthun stirbst, und er Deinetwegen den Haß und die Rache Deiner Freunde nicht herauszusordern nöthig haben wird." „„Göttliche Weisheit wohnt in Dir, o Fremdling. Dein Rath ist gut, und ich werde ihn befolgen. Wenn ich das Leben erhalte, so werde ich mich Dir dankbar bezeigen."" „0 Herr, mein Leben schwebt in eben so großer Gefahr wie das Deinige. Hilf uns, das drohende Verderben von meiner« Volke abzuwenden, und Du hast die Schuld der Dankbarkeit reichlich abgetragen." „„Was kann ein dem Tode Geweihter Euch nützen?"" „Gar wunderbar sind die Wege der Vorsehung. Der allmächtige Gott kann in einem Augenblicke den gewaltigen Tyrannen stürzen und den Verlorenscheinenden hoch erheben." „„Möge Dein Gott dieses Wunder vollbringen, und ich werde nicht verfehlen. Deinem Volke Gutes zu erweisen."" An demselben Tage wurden die Mitglieder des Staatsraths zum Kaiser entboten. Seiner Gewohnheit gemäß, gegen Diejenigen, die er zum Opfer seiner Tyrannei ausersehen hatte, besonders liebenswürdig zu fein, empfing der Kaiser Coccejus Nerva auf das Freundlichste. Er ging ihm entgegen, umarmte und küßte ihn. „Aber, mein Nerva," fragte Domitian, „Du blickst so finster und traurig! Sollte dem Theuersten meiner Freunde, der meinem Herzen am Nächsten steht, etwas Unangenehmes sich ereignet haben?" „„Ich muß wohl traurig sein,"" antwortete Nerva, „„da die Sterne das baldige Ende meiner Lebenszeit verkünden."" „Deine Worte betrüben mich, mein Nerva. Hoffen wir, daß die Sterne diesmal nicht die Wahrheit verkündet haben, wiewohl sie sonst die Geschicke der Menschen untrüglich vorherzusagen pflegen. Ist Dir auch die Art Deines Todes verkündet worden?" Nerva zog eine Tafel hervor und reichte sie dem Kaiser. „Hier," sagte er, „das Horoskop, welches man an meinem jüngsten Geburtstage in der Stunde meiner Geburt gestellt hat." Domitian nahm die Tafel und betrachtete sie aufmerkam. „In der That," sagte er, „die Sterne verkünden Dein baldiges Ende. Allein Dein Stern geht leuchtend und schön und unverdunkelt nieder. Du wirst in Deinem Bette sterben und ohne Schmerzen die Tage genießen, die Dir noch beschieden sind." Nerva athmete auf. Er kannte den Kaiser genau und hatte aus dessen Worten die Gewißheit geschöpft, daß der Tyrann den Plan, ihn tödten zu lassen, aufgegeben habe. Unterdeß hatten sich die Mitglieder des Staatsraths versammelt. Domitian hatte den Thronsessel bestiegen; zu seinen Füßen, auf niederen Polstern, saßen die Räthe. „Meine Freunde," redete der Kaiser die Versammelten au, „was soll der wohl thun, der ein schmerzhaftes Geschwür an seinem Fuße Ijat? Soll er das Geschwür um sich greifen lassen, bis der ganze Körper von dem Gifte desselben ergriffen ist und dem sichern Tode entgegengeht, oder soll er mit