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Der Israelit · 1881-05-04 · Heft 18 (4.5.1881) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 18 (4.5.1881)
Date
1881-05-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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ergreifen, doch er ist schneller und entkommt. Bis heute hat man keine Spur von ihm finden können. Memel, 27. Nissan. Auf unserem sonst wenig besuchten Bahnhofe hatte sich heute eine sehr zahlreiche Gesellschaft von über 50 Personen aus unserer jüdischen Gemeinde zusammengefunden, um dem Rabbiner S. A. Wohlaemuth das Geleite zu geben, der zum Rabbiner der Lewin Salomonischen Stiftung zu Hanlburg berufen ist. Herr Rabbiner W. amtirte 42 Jahre am hiesigen Orte. Er hat erlebt, wie die Gemeinde von kleinen Anfängen zu einer der bedeutenderen Gemeinden Deutschlands angewachsen ist; er hat die Gemeinde gesehen in ihrer Blüthe, wie in ihrem Verfalle, den er wohl an sich selbst am lebhaftesten empfunden und erfahren hat. Nur die Noth war es, welche ihn veranlassen konnte, den Ort zu verlassen und die Gemeinde veranlassen konnte, ihn ziehen zu lassen. Rabbiner Wohlgemuth besitzt unter den russischen Rabbinen einen Ruf als einen po^> von außerordentlichem nrpa und sucht besonders in der practischen nenm seines Gleichen. Er hat sich diese Versalität erworben durch einen eiferen Fleiß und eine ununterbrochene Stetigkeit des Thorastudiums. Die vor wenigen Jahren erst verstorbene Mutter desselben erzählte folgende charakteristische Thatsache. Die Lernbegier oes Knaben war nicht zu zähmen. Sein stetiges Studium, besonders sein allzufrühes Aufstehen hatten seine Gesundheit angegriffen. Die Mutter, um ihn am frühen Aufstehen zu hindern, schloß nach dem Schlafengehen seine Kleider ein. Was thut der Knabe? Er geht Abends ins tva amen, lernt die ganze Nacht hindurch und geht gar nicht schlafen. Dieses nächtliche Thorastudiunr gehört zu den Lebensgcwohnheiten des Mannes; bis vor wenigen Jahren war es sein Gebrauch, die Nacht vom Donnerstag auf den Freitag, von nach 3’iye, im Winter also am hiesigen Orte schon von vier Uhr an, bis sieben Uhr Morgens ununterbrochen, immer mit hörbarer Stimme und stehend zu lernen. Herr Rabbiner W. hatte ehemals ein bedeutendes, größtentheils an der sogen. Fleischkorobka resultirendes Einkommen. Er hat es sehr gut verwandt; indem er seinen acht Kindern eine religiöse und wissenschaftliche Erziehung gegeben, welche sie befähigt in jeder gesellschaftlichen Stellung ihren Platz auszusüllen. Er hat ihnen Schätze nicht mitgeben können, aber er hat sie sammt und sonders, selbst die Töchter, erwerbsfähig gemacht. Drei seiner Töchter sind ausgezeichnete Lehrerinnen, eine andere hat sich vor wenigen Wochen, am Sonntag nach Vnjn nur, verheiratet. Sie hat einen vortrefflichen Mann bekommen, den sie sich durch eine genaue Kenntnis; der englischen Umgangssprache erworben hatte. Durch Umgestaltung der Gemeindcvcrhältniffe, durch eine rapide Abnahme des Wohlstandes wurde das Einkommen des Rabbiners immer mehr und zuletzt bis fast auf Null reducirt. Seine m>n und na-p, Gottesgelehrsamkeit und Gottesfurcht, hat ihn nicht im Stich gelassen. Als die Noth am größten, war die Hilfe am nächsten. Das Alles wird gewiß auch alle die zahlreichen Freunde, welche erst in letzter Zeit mit nüioy;6n*n 'i -nmo panm;wan 21 na befennt geworden sind, von ganzem Herzen freuen. Rußland. Wie der „K. Z." aus Petersburg telegraphirt wird, ist es in Odessa während des Osterfestes zu Unruhen gekommen; man hatte dort kleine Judenverfolgungen in Scene gesetzt. Feuilleton. U k i b a. XVIII. Als die Weisen das Landhaus des Artemidorus verlassen hatten, überlegten sie, daß es nicht gut gethan sein würde, wenn sie gemeinsam den Senator Nerva, der sic aus politischen Bedenken aus seinem Hause gewiesen hatte, aufsuchen würden. Rabbi Akiba übernahm es, allein zu ihm zu gehen und ihn von der drohenden Gefahr zu benachrichtigen. Rabbi Akiba ließ den Senator um eine geheime Unterredung bitten. „Herr," sprach er, als er vor Nerva erschien, „Du hast mich und meine Genossen aus Deinem Hause gewiesen, damit Du durch unsre Anwesenheit bei Dir Dich nicht in den Augen des Kaisers compromittirest. Diese Vorsicht war unnöthig. Domitian hat Dich schon, ehe wir nach Rom kamen, auf die Liste der Proscribirten gestellt." Nerva erschrak. „Bist Du ein Prophet," fragte er, „daß Du in die Geheimnisse des Kaisers einzudringen vermagst?" „Ich bin weder ein Prophet," antwortete Rabbi Akiba, „noch ein Prophetenjünger. Es ist ein Geheimnis, welches mir von einem Freunde ist anvertraut worden. Musonius, der Schwiegervater des Artemidorus, hat es von einem der Delatoren des Kaisers erfahren." Als Nerva diese Worte vernahm, erzitterte er; er gcrieth so ins Wanken, daß Rabbi Akiba herbeieilte, um ihn zu stützen. Er führte ihn einem Sopha zu und setzte ihn dort nieder.

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