Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1881)
- Date
- 1881-05-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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425 weil er längere Zeit in Amerika war) standen gegen 10 Uhr Abends eine Gruppe von harmlosen Einwohnern, welche sich unterhielten, als plötzlich aus dem Fenster des jüdischen Einwohners ein Schuß siel. Es scheint dies der berühmte erste Schuß gewesen zu sein, der bei allen Krawallen fällt und alle traurigen Folgen verursacht. Der Schuß hatte keine üblen Folgen, vielleicht war er auch nicht aus frivoler Veranlassung abgefeuert. Man nimmt an, der Schießende sei durch die Unterhaltung der draußen Stehenden zu dem Glaubet! veranlaßt worden, man plane gegen ihn etwas Gewaltthätiges. Der Schuß rief jedoch eine ungeheure Erregung hervor. Die Bewohnerschaft wurde durch den Ruf erschreckt: „Die Juden schießen auf die Christen!" Es sammelten sich darauf Tumultuanten und warfen bei sieben jüdischen Einwohnern, die in der Stadt vertheilt wohnen, die Fensterscheiben ein; zu weiteren Gewaltthätigkeiten kam es nicht. Heute Nacht wurden abermals bei zwei jüdischen Einwohnern die Fenster eingeworfen. Die Häuser der Straße, die man, vom Bahnhofe kommend, passirt, sahen zum Theil recht trübselig aus. Glicht eine Fensterscheibe ist in manchem einstöckigen Hause ganz. Wer nun die Tumultuanten gewesen feien, will hier augenblicklich Niemand wissen. Jedermann erklärt, sich in sein Haus zurückgezogen zu haben, als der Tumult losging. Der Staatsanwalt, der Untersuchungsrichter und der Landrath sind heute gleichzeitig mit mir hier eingetroffen und die Untersuchung ist im vollsten Gange. Es sind hier drei Gendarmen stationirt; wo dieselben während des Krawalls gewesen sind, ist ungewiß. Sie sollen gerade Patrouillengänge gemacht haben. Man kann von einer außerordentlichen Aufregung im hiesigen Orte nicht sprechen. Man faßt hier im Allgemeinen die ganze Affaire viel eher von einer humoristischen als von einer tragischen Seite auf. Es bestehen eben in der hiesigen Provinz andere Verhältnisse als anderwärts. Die maßgebenden Persönlichkeiten zeigen sich auf Befragen sehr zugeknöpft. Nach meiner persönlichen Ueberzeugung verdient der ganze Krawall keine größere Aufmerksamkeit fernstehender Kreise. Soviel steht allerdings fest, daß eine gewisse Animosität gegen die jüdische Bevölkerung herrscht. Militär ist bisher nicht reguirirt worden. Man hält dasselbe nicht für nothwendig. Die drei Gendarmen und der einzige Polizeidiencr dürften allerdings genügen, um den winzig kleinen Ort im Zaume zu halten. Soeben finden hier Volksansammlungen en miniature in der einzigen Straße des Ortes statt. Die richterlichen Beamten und die Gendarmen durchschreiten den Ort, um das Protokoll aufzunehmen. Die Ansanimlungen sind natürlich durch die Neugierde hervorgerufen. In Krefeld setzte sich nach einer Mittheilung der dortigen Zeitung die Bevölkerung zu Beginn des Jahres bezüglich der Confessionen folgendermaßen zusammen: 52,010 Römisch-Katholische, 18,530 Evangelische, 1491 Inden, 949 Mennoniten, 748 Altkatholiken, 125 Dissidenten, 8 Baptisten, 4 Freireligiöse und 1 Apostolisch-Katholischer; in Summa 73,866 Einwohner. Neuftettin, 26. April. Daß die antisemitische Bewegung mitunter köstliche Früchte zeitigt, lehrt eine Gerichtsverhandlung, von der die „Neust. Ztg." Kunde gibt. Als nicht lange nach der Anwesenheit des Agitators Henriei die hiesige Synagoge ein Raub der Flammen wurde und der Cösliner Staatsanwalt die llntcrsuchung einleitete, entdeckte die „Deutsche Landeszeitung" unrühmlichen Angedenkens, daß dieser Staatsanwalt ein Jude sei. Man wollte damit offenbar ein etwaiges für die Antisemitcnagitation unerfreuliches Resultat der Untersuchung von vornherein abschwächen. Jedenfalls ist die Verdächtigung des Staatsanwalts Pinow in Neustettin bekannt geworden und die Nutzanwendung aus den Henriei'schen Worten: „Sollen wir uns von einem jüdischen Richter einen Eid abnehmen lassen'? Ich für meinen Theil möchte dies nicht thun" in handgreiflichster Weise in öffentlicher Gerichtsverhandlung an dem Staatsanwalt Pinow gemacht worden. Wir schicken vorweg, daß Staatsanwalt Pinow römischkatholischer Christ ist. In einer Gerichtsverhandlung am 22. April also fuhr der Angeklagte auf den Staatsanwalt Pinow mit den Worten los: „Von einem Juden soll ich mich vcrurtheilen lassen? Nein, nie und nimmer!" und zog ein Messer hervor, mit welchem er demselben zu Leibe ging. Nachdem ihm das Messer abgenommen, zog er sich plötzlich den Stiefel vom Fuße und drang auf's Neue mit dem Ausrufe: „Was? so ein Jude will mich verurtheilen?" auf den Staatsanwalt ein, so daß er endlich gefesselt fortgebracht werden mußte. Im Allgemeinen muß man Herrn Henrici dankbar sein; er bringt Klarheit in die antisemitische Bewegung. In Schalke erhielt ein jüdischer Kaufmann einen Brief folgenden Inhalts: „Höre Israelis Leg an der Nordseite Deines Hauses unter dem blinden Fenster 60 Mark hin, so daß ich sie um kl Uhr holen kann, oder ich spedire Dich diese Nacht sicher in Abrahams Sclwoß. Kennst Du Dynamit? Ein Unbekannter." Ter Kaufmann bestellte sich zwei handfeste Burschen, welche auf den Strolch aufpassen und ihn dingfest inachen sollten. Um 11 Uhr kam der Strolch auch richtig angeschlichen, nach allen Seiten hin sich umsehend, ob ihn auch keiner sehe. Die beiden Wächter springen hervor und wollen ihn