Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1881)
- Date
- 1881-05-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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423 tern ein treues Bild meines großen Werkes yr, zu geben, habe ich es nunmehr so anzulegen begonnen, daß es auch an und für sich selbst Werth und Bedeutung erhalte, indem es nunmehr nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ mehr bieten soll, als ich ursprünglich beabsichtigte. „War es somit ursprünglich verfaßt, um für das genannte größere Werk als Fürsprecher aufzntreten, damit dasselbe aus seinem Gefängniß befreit und durch die Drucklegung an's Licht der Welt treten werde, so bedarf es nunmehr in Folge seines eigenen größeren Umfanges selbst eines warmen Fürsprechers, um seine Kerkerketten zu lösen und es aus dem handschriftlichen Verließ zu befreien, damit es der Welt durch den Druck zugeführt werden könne. „Wer sollte sich jedoch seiner erbarmen, um bei den Edlen unsres Volkes für es das Wort zu führen? Wer könnte mehr für es zittern, mehr für es fühlen, als ich selber, sein Vater, sein V^fasser, der ich es im Schweiße meines Angesichts und unter unsäglichen Mühen erzeugt und ausgebildet habe? So muß nun ich, der ich mein Werk verfaßt, fertig gestellt, und fo gar Vieles durch dasselbe zu tragen und zu ertragen habe, ich muß nunmehr auch noch diese drückende Last auf mich nehmen, selber sein Fürsprecher zu sein, und das Gefühl des Mitleids für dasselbe in den Herzen meiner Brüder anzufachen! „Jeder, der den Namen Jude trägt, weiß, daß es unsre heilige Thora ist, welche während unsres Exils und in einer Zerstreuung sonder Gleichen das uns vereinigende Band bildet; sie ist es, die uns nnsre Volksthümlichkeit und unsre Nationalität sichert. Es ist ferner wohlbekannt, daß diese Thora nur durch Aufrechterhaltung der Grundlagen uns gesichert ist, auf welchen ihr mündlich überlieferter Theil beruht. Denn die Ueberlieferung ist eng und unzertrennlich mit der geschriebenen Thora verknüpft. Man kann daher mit Fug und Recht sagen: die mündlich überlieferte Thora ist das uns einigende Band, sie ist die Hüterin unsrer unzerstörbaren 'Volksthümlichkeit. „Abgesehen davon, daß diese Behauptung den Beweis der Wahrheit in sich selber trägt, wird sie auch durch die Erfahrung bestätigt. Denn alle Diejenigen, welche sich vom Glauben an die mündlich überlieferte Thora losgesagt haben und der geschriebenen Thora allein Anerkennung zollen, alle diese sind in so fortwährender Abnahme begriffen, daß sie heute nur noch ein geringes Häuflein bilden, dessen Zahl ein Kind feststellen könnte, und diese Wenigen selbst stehen auf schwankendem Boden und sind jeder nationalen Gesinnung bar. Nur wir, das Volk Jcschurun, die wir an der Thora und an der Ueberlieferung festhalten, wir stehen lebenskräftig aufgerichtet, im Vollgefühl unserer Lebenskraft da. „Nun gründet sich aber der mündlich fortzupflanzende Theil der Thora ebenfalls auf heilige Ueberlieferung; denn jeder ihrer Aussprüche ist Ausspruch des lebendigen Gottes. Da aber die erste Stufe der Kenntniß der b'^zeti in der Kenntniß des einfachen Wortsinnes ihrer Bestimmungen besteht, so gibt es viele, die, wenn ihnen in Folge ihrer unzulänglichen Befähigung, das Vcrständniß der Grundlage abgeht, aus denen sich die einzelnen Bestimmungen entwickeln, sie diese Unzulänglichkeit nicht ihrer ungenügenden Einsicht, sondern der vindiciren, und dann in hochmüthiger Sprache, über sie, ihre Heiligkeit und ihren Ursprung aburtheilen und ihr füglich den Rücken kehren. „Seitdem ich dies Alles erwogen habe, ließ es mir keine Ruhe und Rast mehr. Ich sagte mir, die Zeit fordert, für Gottes Sache etwas zu thun, indem man die Resultate der Gedankenarbeit klar darlegt, die in den Worten unsrer Weisen — gesegnet sei ihr Andenken — niedergelegt sind. Es handelt sich darum, die tiefe Weisheit an's Licht zu ziehen, die in ihren Worten niedergelegt ist, wie alle ihre Aussprüche das tiefste, logische Denken zur Grundlage haben und zwar nicht etwa nur in den Partien, welche Verbotenes und Erlaubtes, Unreines und Reines und Aehnliches zum Gegenstände haben, sondern besonders in der Jurisprudenz, jener Wissenschaft, welche die Gelehrten aller Nationen mit besonderer Auszeichnung behandeln, um unter großem Aufwand von Mühe die Gesetze des Rechts und der Billigkeit ru formuliren. Auch hierin soll die tiefe Weisheit der Weisen dargethan werden, wie sie sich in den Geist jedes einzelnen Individuums versenken, wie sie auf alle Seelenkräfte, auf die noch so geheimnißvoll verschleierten Segnungen des menschlichen Denkens und Fühlens Rücksicht zu nehmen verstanden, und wie sie daher gerade in der Regelung des Mein und Dein Bestimmungen trafen, deren staunenswerthe Erhabenheit Jeden zur Bewunderung hinreißt, der auch nur das Glück gehabt hat, einen Theil ihrer heiligen Aussprüche zu erfassen. „(Ich habe bereits damit begonnen, über die „Grundlagen der Rechtsbestimmungen unsrer Weisen iUmt nach dem Geiste der Thora" ein besonderes Buch zu schreiben. Dasselbe ist nach logischen Principien gegliedert und dürfte, wenn Gott mir das Glück gewährt, es zu vollenden, ein werthvolles Buch mit Gottes Hilfe werden. Vielleicht übertrage ich es in eine lebende Sprache, damit man sich allgemein von dem strahlenden Lichtglanze überzeuge, den es auf unsre Weisen zu werfen geeignet ist, wie sie auf Grund ihres reichen psychologi-