Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- Heft 4 (20.6.1860)
- Date
- 1860-06-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2446952-2446957--00050-3519396- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
41 wahre, fromme Jude in jetziger Zeit durch Aneig- : uung allgemeinen Wissens die Thora in Ehren hält : und sie wieder zu Ehren bringen kann, mo ihr Ansehen gesunken ist; weil ferner durch den Aufschwung der Wissenschaft, wie durch ihre Verbreitung über die ganze Welt, der Gottcsglaube sich nothwendig immer mehr heben muß, so wird die Zeit erstehen, die unscrm Galuth das Ende bringen und der ganzen Welt zum Glück und Heile gereicht.! Nicht ohne Grund sagen unsre Weisen: „Schön ist es, Gesetzesstudinm mit allgemeinem Wißen zu verbinden, denn die Bemühungen um diese beiden im Vereine verscheuchen die Sünde." Früher, als die Wissenschaft noch nicht den Punkt erreicht hatte, auf welchem sie jetzt sich befindet, als an ihrem erwärmenden und belebenden Strahle sich noch nicht die ganze Welt sonnte, da war das Wort Gottes, gleichviel wie und auf welche Weise gesprochen, der Menge immer fruchtbringend, wenn es nur aus reinem, vollem Herzen kam. Man verlangte von dem jüdischen Gelehrten nichts weiter, als seine talmudische Gelehrsamkeit. Doch, ist cs jetzt nicht Erfordernis, außer dem talmudischen sich noch allgemeines Wißen anzueigncn, wenn man das göttliche Wort der Menge zugänglich machen, wenn man mit der Erklärung desselben vor die Oeffentlichkeir treten will? Es ist gerade die Ausgabe des jüdischen Gelehrten, zu zeigen, daß, wenn auch unsre Thora mit fremdem Wißen sich nicht innig vermische, sie dennoch dasselbe neben sich dulde und nicht eine Feindin der profanen Wissenschaft sei. Und müssen wir nur exegetisch, müssen wir nicht vielmehr sehr oft apologetisch verfahren? Die Angreifer des Gottesgesctzes treten gewöhnlich, mit allgemeinem Wißen zwar ausgerüstet, doch ohne wahre Kenntniß des Gesetzes auf; ihre elegante Sprache und ihr Prangen mit profanen: Wißen verschaffen ihnen dennoch Eingang in die Herzen der großen Menge. Wird nun der orthodor-jüdische Gelehrte die Welt vom Gegentheile dessen, was jene falschen Propheten gepredigt, überzeugen können, wird er im Stande sein, das Treiben der sogenannten Neuerer in seinem wahren Lichte zu zeigen, wenn ihm nicht auch die Mittel zu Gebote stehen, durch welche jene die Gemüther Aller gewinnen? Zwar hat dieser die Wahrheit auf seiner Seite, und schon sie sollte ohne alle äußere Hilfsmittel siegen, sie sollte weder des Schmuckes der Rede, noch des Wohllauts der Stimme bedürfen: doch ist cs ja bekannt, daß die Welt leider jetzt so keusch ist, die nackte Wahrheit sich unzugänglich zu machen, sie muß sich erst mit äußeren Mitteln bekleiden, um mit Anstand erscheinen zu können. Ist aber die Wahrheit von einen: schönen Aeußern umhüllt, so muß sie unfehlbar über die Unwahrheit den Sieg davon tragen. So also verscheucht Kenntniß des Gottesgesetzes, verbunden mit allgemeinem Wissen, das Schlechte, die Lüge, die Sünde. Doch muß noch ganz besonders den: Juden jede Erscheinung auf dem Gebiete der Wissenschaft eine sehr willkommene sein, weil das Steigen derselben eine reine Gottesverehrung unter allen Menschen nothwendig zur Folge haben muß, und dadurch unsre Thora vor aller Welt wieder ihre alte Autorität erlangen wird. Die leise Gottesahnung, die in jedem Menschen, vorausgesetzt, daß er nicht durchaus verderbt fei, schlummert, wird durch die Wissenschaft gehoben und gestärkt. Dringen wir in des Wissens Schacht ein und wenden uns zuerst der Natur zu, erkunden wir ihre Kräfte, ihre Gesetze, betrachten wir, wie wunderbar das große All in einander gefügt ist, merken wir auf die großartigen Entdeckungen und Erfindungen, die in ihrem Bereiche vorgegangen; — und von da, hin zur Philosophie, zur Poesie, zur Musik? betrachten wir dort, welch' großartige Lehrgebäude des Menschen Geist zu erdenken fähig war, sehen wir hier, wie der Dichter aus dieser irdischen Welt in höhere Sphären, in eine Ideenwelt sich erhebt, hören wir, wie feine Nede bald donnernd rollt, bald sanft und milde dahin fließt, und horchen wir endlich auf jene melodischen Töne, die bald schmelzend klagen, bald jammern, bald furchterregend, bald herzerhebend, bald freudebringend sich vcrnehmen laßen: wollten wir da, wollten wir bei diesem j Allen stumm und gefühllos bleiben? Wessen Herz I sollte wohl so verhärtet, so steinern sein, daß es nicht ausriefe: „Gott!"? Nur Gott und seine Größe verehren wir und erkennen wir an im genialen Menschen, und wahrend wir diesem den Lorbeer winden, denken wir zugleich an Den, der ihm den Geist eingehaucht, der ihn mit Vernunft begabt hat. (Schluß folgt.)