Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- Heft 1 (15.5.1860)
- Date
- 1860-05-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2446952-2446954--00014-3519357- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8 Feuilleton Die HrMirgsMckte. Das Wochenfest nahet heran, das Fest der Erstlingsfrüchte, das mir Tage und Wochen zählend ersehnen. Als das Heiligthum noch stand, mar das der Zeitpunkt, von dem an es gestattet mar, die Erstlingsfrüchte in das Haus deS Herrn zu bringen. Traurig und öde liegt sitzt das Land der Verheißung. Ach, dereinst war dem nicht so; dereinst, eh noch das schwere Vcrhängniß die Kinder vom Tische des Vaters vertrieben hatte, da lagen volkreiche Städte auf den Bergen, und in den Thälern verbreiteten Duft fruchtbehangene Wälder, da brausten erfrischende, lebensverjüngende Ströme durch das Land, da blühten üppig die Fluren, und fette Heerden durchzogen die Triften, balsamischer Duft erfüllte die Lüste, und die heilige Stadt des Friedens mit prächtig gereihten Straßen, stolzen Palästen, lieblichen Gärten, dem strahlenden Tempel, war der erhabene Mittelpunkt, von dem ausging die Lehre und das Wort des Allmächtigen durch den Mund seiner heiligen Priester und seiner begeisterten Seher. All die Herrlichkeit ist dahin, uns bleibt die Erinnerung und — die Hoffnung. „Die Erstlinge der gereiften Früchte deines Erdreichs, mein sind sie!" hat Gott gesprochen. Die Frucht beginnt zu reifen, und der Eigentümer geht hinein in seinen Fruchtmald, in seinen Garten, auf sein Feld, und wo er eine Feige erblickt, eine Traube, einen Grapatapfel, die den andern Früchten voraus, da umknüpft er sie mit Binsen und spricht: Das ist Erstlingsfrucht. Bald sind die Früchte vollkommen gereift, und alle Bewoher der Provinz eilen in die Hauptstadt derselben. Sie übernachten auf dem freien Platze der Stadt, und am Morgen spricht zu ihnen der erste Provinzialbeamte: Auf, laßt uns hinaufziehen nach Zion, zum Hause des Ewigen, unsres Gottes! Da springen sie Alle begeistert empor und stimmen an Davids Gesang: Wie freue ich mich, da man zu mir spricht: Wir wollen gehen ins Gotteshaus. Nun ziehen sie dahin in langen Reihen, die Reichen mit silbernen und goldenen Körben, die Annen mit Körben aus Weiden geflochten, aber darum nicht minder angenehm dein Allgütigen. Vor ihnen her zieht der zum Frendeuopfer bestimmte Stier, mit goldbelegten Hörnern, sein Haupt umkrönt mit einer Krone von Oelbaumssproffen; an den Körben hängen die zum Ganzopfer bestimmten Tauben, und die vorausziehcude Musik begleitet den fröhlich-feierlichen Gesang der Waller. Jetzt schauen sie die Zinnen Jerusalems, jeder Einzelne schmückt seinen Korb mit frischen Früchten, und Boten werden gesandt in die heilige Stadt, um die Ankömmlinge zu melden. Da ziehen ihnen entgegen die Fürsten, die vornehmsten Priester, die Vorsteher der Stadt, je nach der Würde der Kommenden. Jetzt ziehen sie ein in Salems Thore, und jubelnd ruft jeder Mund: „Es stehen unsre Füße in deinen^ Thoren, Jerusalem. Jerusalem, erbeut wie eine Stadt, die Alles in sich eint, denn dorthin ziehen die Stämme, die Stämme Gottes, ein Zeugniß für Israel, zu danken dem Rainen Gottes; denn dorthin sind gestellt Stühle zum Gerichte, Stühle für das Haus Davids. Grüßet Jerusalem, beglückt seiend die Dich lieben. Friede sei in Deiner Mauer, Sicherheit in Deinen Palästen! Um meiner Brüder und Freunde willen, wünsche ich Dir Heil, um des Hauses unsres Gottes willen, strebe ich für Dein Wohl!" Also begrüßen die Ankommenden die heilige Stadt. Da eilen alle Bewohner Jerusalems herbei, selbst die sonst so fleißigen Handwerker verlassen ihre Werkstatt, um die fremden Brüder willkommen zu heißen, die da erschienen sind, ein Gottesgebot zu erfüllen. „Unsre Brüder von da und da, rufen tausend Stimmen, seid gekommen zum Frieden!" Jetzt betreten sie den Tempelberg; selbst der König, wenn er sich unter den Bringenden befindet, nimmt den Korb auf die eigene Schulter, und der Lobgesang wird angestimmt: „Lobet Gott, lobet Gott in seinem Heiligthume, lobet Ihn in seiner mächtigen Feste! Bald nahen sie sich dem Vorhofe des HeiligthumS, dem Altäre Gottes, und während die Ankömmlinge ihren Gesang vollenden mit dem Schlußworte deS Psalmbuchs: „Alles, was Odem hat, lobe Gott!" beginnt das herrliche Lied der Leviten: „Dich, will ich erheben, o Gott, denn Du hast