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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-03-10 · Heft 9 (10.3.1883) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 9 (10.3.1883)
Date
1883-03-10
Page
Seite 6 (sequence 14)
Language
German
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Mit solchen Gedanken noch beschäftigt, verließ Röschen heute ihre Wohnung. Ihr Weg führte sie am Portale der Synagoge gerade in dem Augenblicke vorüber, als Samuel nach beendeter Chorprobe das Gotteshaus verließ. Die Gelegenheit, mit seinem geliebten Mädchen ein ernstes Wort ungestört zu sprechen, schien ihm überhaupt, nachdem er am Tage vorher auch in der benachbarten Provinzhauptstadt wieder einen neuen Triumph seines emporstrebenden Talentes gefeiert hatte, jetzt um so günstiger zu sein und so wagte er es, dem Röschen ״Arm und Geleite" anzutragen. Nach einigen leisen, leicht hingeworfenen Worten sagte Samuel: ״Röschen, darf ich hoffen, das Land, das stch von Freundschaft bis zur — Liebe breitet, zu durchfliegen?" Und als er weiter flehentlich nach dieser Einleitung zu seiner Liebeserklärung um ein einfaches, aber beglückendes .,Ja", oder — ein zermalmendes ״Nein" bat, um die Folter des Zweifels zu enden, da blickte ihn Röschen mit ihrem klaren blauen Auge ernst und doch so milde an und sprach: ״Samuel, Sie schrieben mir: ״Fordern Sie jedes Opfer als Beweis meiner unbegrenzten Liebe, ich lege es willig zu Ihren Füssen nieder." Wohlan! Ich fordere ein Opfer, ein — großes Opfer — geben Sie mir Ihr Ehrenwort als Mann — es zu bringen?" , ״Bei Gott," erwiderte Samuel, ״nehmen Sie meine mir heilige Ehre zum Pfände." Aber wie erstarrte er, als Röschen fortfuhr: ״Nun so bringen Sie mir das Opfer und — entsagen Sie dem Gedanken an meine Gegenliebe."- Dieser schwere Schlag war vernichtend auf Samuels Herz gefallen, er konnte sich nimmer fassen. Hastig preßte er ihre Hand an sein zum Zerspringen klopfendes Herz, drückte einen heißen thränenbefeuchteten Kuß auf dieselbe und stotterte, indem er sich zum Weggehen wandte, wehmüthig die Worte heraus: ״Lebe wohl — mein geliebtes, unvergeßliches Mädchen — lebe wohl auf — Nimmerwiedersehen!"^- Mehr vermochte er nicht zu sagen, denn Schreck und Schmerz lähmte seine Zunge, die Glieder bebten ihm, während die Umgebung sich vor seinem schwindelnden Blicke im Kreise drehte. Einem Betrunkenen gleich wankte er nach Hause, wo er sich entkräftet und fieberzitternd auf's Lager warf. Ein schwerer, unheimlicher, einer Ohnmacht ähnlicher Schlaf, durchschauert von den schrecklichsten Zerrbildern erhitzter Phantasie, lastete auf seinen Wimpern, aus dem er erst nach einigen Stunden gänzlich abgespannt und ermattet erwachte. — (Fortsetzung folgt.) Kleine GHronik. Ern Gottesdienst im türkischen Tempel in Wien. So manche schöne jüdische Sitte und altjüdischer Brauch ist mit der Modernisirung des Gottesdienstes auf Nimmerwiedersehen verbannt worden, darum müssen wir den Einrichtungen der türkisch-jüdischen Gemeinde, die bei aller Rücksichtnahme auf Bessergestaltung, namentlich des musikalischen Theiles ihres Gottesdienstes, dennoch ihre alten Bräuche streng beibehalten, lobend erwähnen. Eine solche löbliche Sitte, bei stattgehabten Verlobungen oder sonstigen freudigen Ereignissen in der Gemeinde nächst kommenden Freitag Abend irgend einen bedeutenderen Gesang aufzuführen, gab auch dazu Veranlassung, daß gelegentlich der Verlobung des Herrn Dr. M. . Ru f s o, Sohnes des Vorstehers Herrrn Marcus. Rufs o, ein Jigdal von Josef S ing er in der türkischen Synagoge aufgeführt wurde: Die echt lyrische Vortragsweise des Herrn Obercantors Bauer, der über eine ungemein sympathische Stimme verfügt und die Technik der sephardischen Recitationsmanier in entsprechend kurzer Zeit sich in hohem Grade zu eigen machte, verdient ungetheiltcs Lob. Die-Aufführung sämmtlicher Chorpiecen und demgemäß auch des -obenerwähnten Jigdal ging unter Leitung des Chordirigenten Herrn I. Löwit unter allgemeinem Beifall trefflich von Statten. Nach beendigtem Gottesdienste drückten die Herren Vorsteher M. R u s s o und A. G. G e r s o n dem Componisten des Jigdal, Herrn Obercantor Singer, welcher bei der Aufführung anwesend war, ihren Dank und die Anerkennung für die Trefflichkeit der Composition aus. Ein Cnriosnm. Während man früher Gelegenheit haben konnte, in unseren Synagogen Kirchenmelodien, wie z. B. 0 sanctissima als ut’sehuwo u’sefilloh u’zdokoh oder einen Marsch als Melodie zu einem 1116166h el.jon zu hören, scheint jetzt der umgekehrte Fall eingetreten zu sein. So erhalten wir von einem Collegen folgende höchst interessante Mittheilung: ״Ich stehe in freundschaftlichem Verhältnisse mit dem Begenschori der christlichen Gemeinde in unserem Orte. Als er mich kürzlich besuchte, lag auf meinem Schreibtische die zweite Musikbeilage der ״österr.-ungar. Cantorenzeitung", Ma towu von A. G rünzweig in Arad. Nachdem er dieselbe durchgesehen und die Gediegenheit dieses Musikstückes anerkannt hatte, erbat er sich dasselbe von mir, da er es zu einem Kirchenliede verwenden wollte. Schon am nächsten Sonntage wurde der ma tow.u mit Zugrundelegung ־ eines , lateinischen Textes in der Kirche gesungen. ־/.־•'■ Wien. Einer der Poesie- und stylvollsten Kanzelredner, welcher sowohl in seiner consequenten Hingabe an die fortschreitende Entwickelung des Judenthums, als auch in seiner edlen, hochbegnadeten Menschennatur die Achtung und Beachtung aller Glaubensgenossen verdient, der durch Wort und Schrift gleich rühmlich bekannte Rabbiner und Prediger, früher an der Gemeinde, später an der Westend-Union zu Frankfurt a. M., Dr. Leopold Stein ist vor einigen Tagen gestorben. Wien. College Josef Goldstein in Wien erhielt dieser Tage vom Vorstande der israel. Cultusgemein de aus Anlaß seines bereits vor mehreren Monaten begangenen 25jährigen Jubiläums ein namhaftes Ehrengeschenk. Mit dem heutigen Tage -sind es 25 Jahre, daß Goldstein zum ersten Male im neuen Tempel vorgebetet hat. , Eine silberne Hochzeit. Zur Berichtigung der in unserer Nummer gebrachten Correspondenz aus Crone a. 93. theilen wir mit, daß der Redacteur des ״Jüd. Cantor" in Bromberg,' unser verehrter College A.,Blaustein, seine silberne Hochzeit nicht am 25. März, sondern am 10. April d. I. feiert, an welchem Tage er auch sein 25jähriges Cantorjubiläum zu begehen gedenkt. Derselbe amtirt bereits 10 Jahre in seiner jetzigen Gemeinde und' war vordem in Gnesen 6, in Teschen 272 und in Lomsa 6'/2 Jahre im Amte. Krems, 4. März 1883. Anläßlich der Benefice-Vorstellung eines Schauspielers des-hiesigen-Stadttheaters, trug .auch Herr Josef Gar funket, Cantor: der hiesigen israel. Cultusgemeinde unter Begleitung des-Musikdirectors Siebert einige Abt'sche Lieder aus Gefälligkeit vor. Herr Garfunkel

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