Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 23 (24.11.1922)
- Date
- 1922-11-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 9 Die Wahrheit Nr. $5 u,nß dem Wöhle des einzelnen nicht immer wieder aufzeitzt, wer das Recht des Volkes sucht und Aas Recht des einzelnen 'Staatsbürger aus diesem Ader jenem Grunde mit Füßen treten läßt,, will Wasser aus tauben Gestein schlagen. Und auch das wäre eine ,chlöde Sache". Es liegt in der menschlichen Natur, daß das Ergebnis politischer Tageskämpfe, dem Augenb licksbedürsnisse entsprungene Schlagworte überschätzt und zu Ewigkeitswerten gestempelt werden. In der einen Epoche sind es ideelle, in der andern materielle Anschauungen, welche die Richtung der Massen bestimmen. Niemals über kann ein Gemeinwesen gedeihen, in welchem die Jugend, und insbesondere die akademische, auf die begeisternden Wirkungen ideeller Vorstellungen und Bestrebungen verzichtet. Die nationalistische Propaganda in Deutschland hat zu. den Morden an Rathenau und Erzberger, zn den Mordversuchen an Scheidemann und Wirth geführt und sie leitet in Oesterreich, in Ungarn und Böhmen die Jugend zum ntmnenis clausus an der Hochschule und zu Pogromen gegen die Juden. Sind wir selbst frei von aller Schuld? In unserem eigenen Reihen stürmt die nationalistische Jugend gegen die sogenannte „Assimilation". Aber die schlimmste aller Assimilationen ist der jüdische Nationalismus, der mit der ideellen Zukunftshoffnung aus Zion keinen kausalen Zusammenhang hat und durch die Mißachtung Mer fremdnationalen Kultirr nur den Judenhaß in aller Welt verschärft und geradezu rechtfertigt. Wehe auch uns, meint wir Freiheit der Meinung, gleiches Recht und das Streben zur Knlturgemeinschaft Mer Völker als eine „blöde Sache" einfchätzen. S. Fl—r. Oswald Spenglers Stellung zum Judentum. Bon MÄdiz Walrat Dr. Heinrich Haase. Von Zeit zn Zeit erscheinen Bücher, 'tvelche großes Aufsehen erregen, welche leibhafte Zustimmung, 'aber auch heftigen Widerspruch Hervorrufen, die man gelesen haben muß. Sie üben einen nachhaltigen Einfluß auf ihren großen Leserkreis aus, weil buchstäblich immer etwas von ihrem Inhalt haften bleibt, weil das Pro und Kontra zu einer intensiveren Beschäftigung mit ihnen nötigt. Seit Otto Weinigers „Geschlecht und Charakter" hat meines Wissens 'kein Buch so explosiv geknickt wie „Der UnitKvgaing des Abendlandes" von Oswald Spengler; nach dem Erscheinen des ersten Bandes war die Erwartung des zweiten geradezu spannend.. Während mm Weiniger offensichtlich durch die Ueberfülle des von ihm in jungen Jahren evwovbenen Wissens überspannt, 'diese Utriertheit in jeder seiner oft mehr als kühnen Behauptungen anfzeigt, uitd man ehrlich bedauern kann, daß dieses Buch soviel Unheil insbesondere an Halbgebildeten und Jugendlichen angerichtet >hat, weshalb es besser hätte ungeschrieben bleiben sollen, begeignen wir in Spengler einem bewunderungswürdigen Polyhistor, der mit erstaunlicher Frische und gesunder Lebhaftigkeit Me Register seines vielseitigen phänomenalen Wissens zwanglos harmonisch ertönen läßt. Dabei ist das schwierigste Thema in populärster Form dargeftM; so habe ich zum Beispiel nirgends eine so leichtfaßliche Erklärung der Einftemschen Relativitätstheorie gefunden, wie bei ihm. Speziell auf dem Gebiete der Weltgeschichte verblüfft die genaue Kenntnis der bisher ganz vernachlässigten Völker, wie Chinesen, Mexikaner und anderer ferner Gegenden und Zeiten ebenso,, wie die Fülle von neuen Gedanken und. Auffassungen bei der Behandlung «nns gÄaufiger Nationen und Kulturen. Auf dem Gebiete der Geschichte ist nun Spengler selMoerständlich des öfteren genötigt, sich mit uns Juioen zu befassen, und es soll hier geschildert werden, in welcher Weife dies von chm beweokswlligt wird. Man muß nun diese Weife als eine durchaus Objektiv« bezeichnen, weil nicht die Spur einer tendenziösen Beurteilung, gefunden werden Hann, obwohl das Bestreben vo-rliegt, uns in einen 'bestimmten Rahmen zu zwängen. Diese Objektivität ist m sich wohltuend, da wir ja wahrlich -an 'dieselbe nicht gewöhnt sind, seit in deutschen Landen Tveitschke so wirksam MonmHen übevschrieen hat. Gelegentlich der Besprechung >des Begriffes einer „juridischen Person" und der Umwandlung des Begrifft^ einer Nation in den einer GlaUbensgemeiurschaft lesen wir (N., S. 80) den Satz: „Was dem Römer der PevggxinuL, der Hostis (Fremder, Feind), das ist dein Christen der Heide, -dem Inden der „Amhaaretz". Oder (S. 83): „Die Digesten und Kommentare der klassischen .Juristen (a. 160 bis 240) des lateinisch geschriebenen Rechtes stehen zum erstarrten antiken Gesetzstofs in genau demselben Verhältnis wie die Mischna zur Thora des Moses und viel später die Hadith zum Koran; sie sind „Halacha", neues „Gewohnheitsrecht". Zur Stutze seiner These, daß Me magischen Religionen, also auch das Judentum, eine ^geheime, nur durch mündliche Uöbevlieferung fortgep'flanzte Offenbarung besitzen, zitiert er den doch meist nur Fachmännern bekannten Kommentzar von Rabb. Hirsch (Frankfurt) zu Exodus XXI. Im I. Band, Seite 590, lesen wir folgenden, geradezu veMüffenden Ausspruch: . . es ist em erstaunliches Zeichen für die Intensität, der Uvbegrifse, daß. Heinrich Hertz, .'der einzige Jude unter den großen Physikern der Jetztzeit, auch der einzige ist, der den Versuch gemacht, das Dilemma der Mechanik .'durch Ausschluß des Kraftbegrjffes zu lösen." Hierin zeigt sich eine ganz intensive gefühlsmäßige Vertiefung in unsere Eigenart. Besonders wertvoll ist seine gründliche Beleuchtung des R a s s e begvifses. Er nennt die übliche Methode der Bestimmung desselben, die zumeist grobsinnliche anatomische Merkmale benützt, flach, plump und mechanistisch; man soll auch nicht Ibeit 'grammatischen Bau der Sprache, sondern die Art des Sprechens beurteilen: „Was ist im Sprechen osteuropäischer Juden Rassezug der Landschaft und also auch im Russischsprechen der Russen vorhanden, . was ein Rassezug des Blutes und -ülifo den Juden, unabhängig vom Wohngebiet ihrer Wirtsvölker, ibeim Sprechen Mer ihrer 'europäischen ,Muttersprachen' gemeinsam?" Er weist dem tausendjährigen Ghettodasein die größte Beeinflussung unserer RasfebeftändigLeit zu. „Es gibt keine Arier- und Semiten s ch ä d e l!" Man 'beobachte Menschen von den denkbar stärksten Rassenunterschieden durch einen Röntgenapparat und stelle sich dabei geistig auf die Rasse ein; es wird ein geraden 'lächerlicher EiMruck sein, wie mit der Durchleuchtung die „Rasse" plötzlich vollständitz verschwunden ist. Der RassengegeNsiatz hat mit den törichten, der Sprachwissenschaft entnommenen Schlagworten Arier und Semit gar nichts zu tun. Die „arischen" Perser und Armenier sind für uns von den Inden gar nicht zu unterscheiden und schon in Südeuropa und auf' dem Balkan ist ein körperlicher Unterschied zwischen chrMnhen und jüdischen Einwohnern kaum Vorhemden. Die jüdHche Nation ist wie jede andere der arabischen Kultur Aas Ergebnis einer ungeheuren Mission uNd bis in die Zeit der Kreuzzuge hinein durch, massenhafte Zu- und Austritte verändert ivorden. Ein Teil der Ostjvden stimmt körperlich mit den christlichen Bewohnern des Kaukchus, ein anderer