Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 23 (24.11.1922)
- Date
- 1922-11-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Wie« IX., Berggaffe 4 d er tt Union deutscbösterreicbiscber Juden" UoÜsp -irkasseukonto Ur. r»4tt4 Urtephon Nr. 1V-Ä-77 «Lauter blöde Sachen". Es siel ein Reif in der Fruhlingsnacht!-In den Maientagen derLieibe Zwischen Ehrifüichsozialen undSozialdsmokraten prägte der da-innlige Staatskanzler Dr. R e nn f r das Wort, daß die neue Republik auf den starken DchaMeruder Bauern und der Arbeiter ausgebcmtwerden müsse. Landvolk und Jndustrievolk waren ein Httz und eine Seele und ein materielles Interesse. Von der statischen Bevölkerung von Unternehmern, Kauslchküm, Gewerbetreibenden -und Festbesoldeten war nicht die Rede, Mochten sie die Kosten der neuen Koalition und des WMerausbaues allein tragen. „Bauern und Arbeiter", ' das war auch eine der schönen Phrasen, die buntfarbig wie Seifenblasen schillern und gleich daraus zerplatzen. Und sisist gründlich zerplatzt. Heute sind es die Sozialdemokraten, die in ihrem Kampfe gegen das Seipel'sche SänierUngsprvMamm das sogenannte freisinnige Bürgertum cmrüftn, über die grausame Belastung der Städter und die fMrechaste Bevorzugung der Bauern zetern,-heute ist es das Jndustrievolk, das — wie die Judenburger Vorgänge Mveisen — mit stürmender Hand sich gegen das Landvolk tMndeH Wir erinnern an diesen Wandel der Dinge, weil er mit plastischer Schärfe zeigt, wie "kurzfristig die Werte sind, die im politischen Leben erzeugt werden. Die großdeutsche LHpösition leistet heute der relativen Mehrheit der ChrifÜichsozialen treueste Gefolgschaft. Der brave Bauer, der die Milch an die Schweinderln verfiittert, statt damit dem großen Kindersterben in den Städten zu steuern, ist Mt Freund und Genosse der Alldeutschen, die das städtische KKMürgertum vertreten. Sie hetzen auf der einen Seite die deutschnationale Studentenschaft gegen den Bestand OHskrerchs und sie bauen aus der andern Seite Hand in HcMd Mit Monarchisten und Klerikalen dieses Oesterreich Bieder aus. Wie heißt es in einer alten Operette: „Fein MÄnieölich in der Stil? geht ja alles, wie man will!" Manierlich? Wer spricht von Manieren! Man. wird sich doch gegen die Juden keinen Zwang auserlegen. Eine WlleMde Seifenblase war auch die alte Dezem-ber-Versasiung, welche die Freizügigkeit aller Staatsbürger und die volle Gleit^erechtigung aller Volksstänmre und Glaubensbekenntniste vorsieht. Aus Grund dieser Verfassung konnten sich Deutsche und Tschechen im früheren Kaiserstaate ein halb Jahrhundert lang lustig herumbalgen. Im neuen tschdcho-slowakischen Staat gcht es den Deutschen nicht so gük. Sie bekommen die harte Hand der tschechischen Machthaber zu fühlen, sie klagen über Knechtung, Unterdrückung und Rechtlosigkeit. Aber die deutschnationalen Studenten an der Prager deutschen Universität können die liebe alte GÄvöhüheit, sich als die Blüte des „Edel- und HerrenvvlSes" zu füh len, nicht so schnell ab streifen . Da sie keine Hhechen mehr prügeln können, prügeln sie die Juden. Der akademische Senat hat für das laufende Studienjahr eiwen jüdischen Professor, Dr. Steinherz, zum Rektor gWSählk. Welche Schmach! Es gibt Krawall über Krawall und die Universität muß geschlossen werden. Welchen Respekt werden die bösen Tschechen vor der ldeuüschen Kultur bekommen, wenn ihnen diese Kultur so „schlagend" «d oculos dNnonstrmrt wird. Lieber soll 'die Hochschulezugrunde gchen, als «daß. MM an ihr Juden duldet. Das ist auch der Leitsatz des Wiener großdeutschen Organs. Es jammert darüber, daß infolge des mrniems clausus an den ungarischen Hochschulen gegenwärtig nicht weniger als 700 ungarische, zumeist jüdische Studenten in Wien immatrikuliert sind und es stößt gewaltig in das Hifthorn, um den deutschen Charakter der Wiener Universität zu wahren. Das sei viel wichtiger, als sich mit „Freizügigkeit, gleichen Menschenrechten und lauter so blöden Sachen" abzugeben. Was die Deutschen in der Tschecho-Slowakei mit edlem Pathos Md glühender Entrüstung für sich fordern, das sind für sie und ihre Wiener Konuatioualen, wenn es sich um >die Juden handelt, „lauter so blöde Sachen". Es geht nichts über scharfes, logisches Denken! Zwischen der Tschecho-Slowakei und Oesterreich Hat sich ein ganz eigenartiger Parallelismus hevausgeibiWet. Nun heißt es: „Haust du «meine Juden, hau' ich deine — Deutschen!" Züchtigt Herr Vizekanzler F r a n k die Ostjuden mit Geißeln, so züchtigt Herr S v e h l a die deutschen Studenten mit Skorpionen.. Die Weltgeschichte hat ihre ganz eigenartige Gerechtigbeit. Sie übt aber ihre Gerechtigkeit auch in sozialen und wirtschaftlichen Dingen. Seit Wochen und Monaten sind wir Zeugen, wie die städtischen Jnteressenkreise sich gegen die schweren Steuern und dlbgaben wehren, mit denen sie durch das Sanieruugspwgvamm bedroht sind. Städtetage, Handelskammertage, Parteitage — eine Flut von „Tagen" wird aufgeboten, um die Nacht dieses Sanierungsprogrammes zu erhellen, dessen Schwergewicht vor allem auf der städtischen Bevölkerung lasten wird. Die Rettung Oesterreichs muß versucht werden — an diesem Axiom ist nicht zu rütteln. Aber es ist nicht einzusehen, warum sie auf Kosten der Städter und zugunsten der Bauern gemacht iverden soll. Seit Jahr und Tag bemiiht sich die demokratische Arbeitspartei, als deren Expönem der einzige Abgeordnete Ottokar Czernin im Nationalrate sitzt, dies 'den Wienern begreiflich zu Machen. Aber wie Diogenes mit der Laterne nach Menschen, so sucht er vergeblich nach freisinnigen Bür gern. Sollte auch den Wiener Bürgern die Meichberechtiguuig zu den „blöden Sachen" gehören? Oder läuft da vielleicht' ein Konstruktionsfehler mit unter? Es scheint, daß die Führer der Partei in einem Räume heiM, Äör nicht bewohnt ist, und daß' sie Gefahr laufen, den Spatzen aus der Hand zu verlieren, ehe sie die Taube aus dem Dache eingefangen haben. Wir meinen, daß eine wirtlich freiheitliche Partei gerade diejenigen Grundsätze, die einst das Bürgertum stark und mächtig gemacht haben, mutig und entschlossen au die Spitze chves Programmes stMen sollte, statt ihrer nur so nebenbei Ertvähnung zu tun. Gleiches Recht und Freizügigkeit sind keine idealistischen Schlagworte, sondern die Tragbalken des ganzen wirtschaftlichen Lebens. Wer das Volk hierüber nicht mü der vollen Glut -der Ueberzeugung aufklärt, wer die Zusammenhänge zwischen dem Worte der Gesamtheit