Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 23 (24.11.1922)
- Date
- 1922-11-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3062972-3063949-3063971--11934-3519310- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr, 2$ _ Der Wolf im Schafspelz „Elia. Palästina, das Zentrum der Weltkultur?! *) Die typographische Aufmachung «des Titelblattes ist nicht das einzige sonderbare dieses Buches. Frage- und Rufzeichen sollen Ztveisel und Staunen zum Ausdruck bringen. Merkwürdig fntb auch die beiden Vorworte zu dieser literarischen Neuerscheinung. Als Erster der Vonsitzende der Hanlburger Altnenbundloge, der den Autor als einen auserlesenen Jdealmenschen über den grünen Kleelobt, den er persönlich keirnen lernte und von ihm so bgeistert war, daß er sich entschloß, dem im Gelde armen Verfasser durch Uebernahme der Herausgabe seines Werkes entgegenzukommen. Der Oberste der Altneubundloge versichert auch, daß der geheimnisvolle „Elia" kein Gelehrter, kein Mann der Schrift sei, was aber die folgenden Seiten widerlegen, denn Elia weiß in alten und modernen Schriften wohl Bescheid und zitiert daraus reichlich. Im eigenen Vorwort bemerkt der Autor sofort, daß er sich die „Aufgabe gestellt, den Jdealdenkenden in den Reihen des Judentums den messianischen Gedanken zu erläutern." Wie er diese. Ausgabe zu lösen sucht, ist eigentümlich, aber llicht neu. Die Soldschreiber der englischen „Gesellschaft zur Verbreitung des Christentums unter der: Inden" haben schon vor 50 Jahren ähnlich, nur nicht so kompendiös gearbeitet. Sie begnügten sich mit knappen schlanken Traktätchen auf Grilnd der ad usum judaeorum propagierten Judenbibel. Wenn der rätselhafte Elia im Verlauf feiner Auslassungen sich als „Bibeljude" ausspielt, so ist er wohl ein Jude des neuen Testaments. Auch der Apostel Paulus erklärte den Ephesäern: „Ich bin. ein jüdischer Mann und saß zu den Füßen Gameliels." Dieser Elia aber, der zu den verirrten Schäfchen des Hauses Israel gesandt wurde, 'wenn es auch nicht Wort holden will, sucht deren Vertrauen durch die verwegensten Sophismen und religiösen Drehungen zu gewinnen erzählt sehr viel von einer Religion der Liebe, daß es gar nicht erforderlich sei, sich kaufen zu lassen, laviert dabei immer um den Messiasgedanken herum, und nachdem er sich mit leisen Katzenschritten hevangepürscht, springt er ihnen mit folgender Zumutung an die Kehle: „Wir schließen mit allen aufrichtigen Verfechtern ihrer Ideale Frieden ans folgender Grundlage: Der Schöpfer des Weltalls ist der Bäte r der Liebe, die den Urheber alles Lebens zur Schöpfung veranlagte, ist der S o h n, die Kraft, die den Kosmos zustande brachte, ist der G e i st. Diese drei Wesen vereint sind Gott". Nein, lieber Elia, auf Grund der Dreieiuigkeitslehre toerden Sie keinen Frieden schließen können, weder mit den von ihnen gehaßten Buchstabenjuden noch mit den Assimilanten. Main kennt den Text und die Melodei' der Missionsbibel, die angeblich „nach" der Uebersetzung Dr. Martin Luthers hergeftellt wurde. Die deutsche Urbibel entbehrte des Glossariums, das fast in jedem Kapitell den Heilandgedanken hineininterpretiert. Da ist das Lieblingssteckenpserd Jesaia 53, das so recht diesen Gedanken ansdrücken soll, während die wirklich Schristkundigen den Aufschrei der verfolgten und gepeinigten, au Leib und Seele zermürbten Propheten «als etwas rein persönliches erkennen. Noch schlimmer wird mit dem Psalm 22 umgegangen. Hier muß durch Lautversetznng au.s dinem Löwen Keari ein Durchbohrter Keari entstehen. Der Psalm selbst wird von der „Hündin, die früh gejagt wird" betitelt. Mendelssohn, der wohl auch etwas vom *) Berlag der Altneubund-Loge, G. m. b. H.. Hamburg 1922. Seite 7 Hebräischen oerstand, hat er für ajelat haschachar die richtige Uebersetzung: „Die Morgenflöte". Das alte Rüstzeug der Fälschungen von Elia ins Tressen gebracht, zeigt die ganze Tücke dieses Buches und eine Kunst des Auslegens, die immer nur unter legt. Aus aller Welt. Vorträge der Bibelforscher in Graz und Wien tvurden durch völkisch gesinnte Srudenten unmöglich gemacht. * Ein Erlaß des thüringischen Volksbildungsministeriumo warnte Lehrer und Schüler vor dem Antisemitismus, denn die Gegner der Juden hatten nichts Greifbares gegen die Juden vorzubringen und ihre einzige Klmst bestünde darin, trübe Instinkte aufznri'chren. Der Rassebegrisf könne für den Staat nicht gelten. Rasse sei Privatsache. Di« Juden hatten den deutschen Nationalreichtum vermehrt. Die Jugend wird ansgesordert, in ihrer Mitte nicht „jene feigen und schmutzigem antisemitischen Personen" zu dulden, die gerade bei den gemeinsten Elementen eine Rolle spielen. — In Berlin scheint ein, im Interesse der Sache überaus notwendiger Zusammenschluß der jüdischen Vereinigungen anläßlich der Reprasemantenwahlen zu erfolgen, so daß Liberale, Nationale und Orthodoxe friedlich die Mandate unter sich, im Verhältnis chrer Stärke, verteilen. — Wie aus Dresden und aus anderen Städten Sachsens mitgeteilt wird, sind viele jüdische Schüler an den hohen Feiertagen der Schule serngeblieben, wofür sie mit Karzerstrafen belegt wurden. — Gras Arco, der Mörder des ersten Ministerpräsidenten Bayerns nach der Revolution, Kurt Eisner, ist jüdischer Abstammung. Wie haltlos sind also die Rasseintheorien der völkischen Kreise, die Arco als Helden feiern und dessen Tat ans arische Blnteinslüsie und aus arische Denkungsart zurückführen. — Die Berliner jüdische Gemeinde trägt sich mit der Absicht, ans dem Ehrensriedhof für gefallene jüdische Krieger in Weißensee ein Denkmal zu errichten. Der Reichsbnnd jüdischer Frontsoldaten wurde von der Gemeinde zu den Arbeiten herangezogen. (Merk's Wien!) — In Königsberg ist der bekannte Professor der Chemie, Dr. Lassar-Cohn, Verfasser des in vielen Sprachen, auch ins Hebräische übersetzten populären Buches „Chemie des täglichen Lebens" im Alter von 64 Jahren gestorben. * * * Bei den Sejmwahlen in Polen dürsten die Deutschen mit etwa 16 dlbgeordneten zu rechnen haben, womit die bisherige Mandatszahl verdoppelt wird, die jüdische Fraktion dürste ihre Mandatszisfer aus über 30 erhöhen, Diesen unerwarteten Erfolg des Minderheitsblocks, und besonders der Zionisten., bespricht die polnische Presse mit größter Besorgnis. Der liberale „Kurjer Poranny" verlangt die Nichtigkeitserklärung der Wahlen in den Ostgebieten. Die antisemitischen Insulten gegen Juden in U ngarn 'beginnen neuerdings einen größeren Umfang anzunehmen. dlußerdem werden Maßnahmen in Budapest vorbereitet, demzufolge vom christlichen und natiomUen, das heißt antisemitischen Standpunkte aus die Aufenthaltsbewilligungen aller jener Personen jüdischer Konfession revidiert werden sollen, die, wenn auch nach Ungarn zuständig, sich wahrend der letzten vier Jahren.in der Hauptstadt niedergelassen haben. ' lüävx. *1) t c Wahrheit