Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 22 (10.11.1922)
- Date
- 1922-11-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 Di« Wahrheit Nr. 22 Eckart Gatt mit besonderer Borniertheit strafte. Diese Idiotie, gepaart mit einem immensen Mchtmissen, ging so weit, Nietzsche, den jödermann, nur nicht Herrn Eckart, dem deutschen Schriftleiter, bekannten deutschen Philosophen, als jüdische Canaille zn bezeichnen. Dies kam so: Die Berliner „Wöktbühne" zitierte kürzlich eine bemerkenswerte aktuelle und lesenswerte Stelle aus Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse" (8. Hauptstück, Nr. 251) Dort heißt es: „Die Inden sind aber ohne allen Zweifel die ftcftckste, zäheste und reinste Rasse, die jetzt in Europa lebt; sie verstehen es, selbst noch unter den schlimmsten Bedingungen sich durchzusetzeu, besser sogar als unter günstigen, vermöge irgendwelcher Tugenden, die man heute gerne zu Lastern stempeln möchte — dank vor allem einem resoluten Glauben, der sich vor den „modernen Ideen" nicht zu schämen braucht. Daß die Juden, wenn iw wollten — oder wenn man sie dazu zwänge, wie es die Antisemiten zu wollen scheinen — jetzt schon das liebergewicht, ja ganz wörtlich die .Herrschaft über Europa haben könnten, steht fest; daß sie nicht daraus hinarbeiten unö Pläne machen, ebenfalls. Einstweilen wollen sie und wünschen sie vielmehr, sogar litiit einiger Zudringlichkeit, in Europa, von Europa ein - und ausgesaugt zu werden, sie dürsten danach, irgemvo seft, erlaubt, geachtet zn sein und dem Nomadenleben, dem „ewigen Juden" ein Ziel zu fetzen und man füllte diesen Zug und Drang, der mellöicht selbst schon eine Milde nmg der jüdischen Instinkte ausdrückt, ja wohl beachten und ihm entgegenkommen; wozu es vielleicht uützlich und billig wäre, die antisemitischen Schreihälse des Landes zu verweiseu." Herr Eckart kennt nun, wie gesagt, Nietzsche nicht, als rassenbewußter Völkischer konnte er abin sich den Vorwurf, ebenfalls zu den „antisemitischen Schreihälsen" zu gehören, lticfjt gefallen lasten. Man sollte nur ineinen, daß er Herrn Nietzsche, wenn schon nicht mit sachlichen Entgegmingen — so was ist nachgerade von den Alldeutschen aus der Mode gekommen — so doch mit einem ihrer beliebtesten Vorwürfe, er sei ein „Judenknecht", geantwortet hätte. Der getreue Eckart ging aber einen Schritt weiter, er stempelte Nietzsche zur „jüdischen Kanaille". Ein weiterer Kommentar erscheint überflüssig. Der Taufe Müh' vergebens. Aus Budapest wird gemeldet, daß der Nationalverband ungarischer, respektive antisemitischer Aerzte beim Unterrichtsminifter Klebelsber-g darüber Beschwerde erhoben, daß an der Szegediner Universität, entgegen den Bestimmungen des numeri,.s clausus 26 jüdische Studierende der Medizin Aufnahme gesunden, während die Höchftzahl nur 9 wäre. Der Vorivand, daß die meisten der Neuinskribierten Täuflinge sind, dürfe nicht gelten, denn das Gesetz unterscheide nicht nach der Konfession, sondern nach Raste und Nationalität. Vermutlich wird die Auffassung der Nationalberbandsärzte Schule machen und die strammen nationalen Juristen, Philosophen und Techniker mit gleichen Begehren an den Unterrichtsminifter herantreten. Jedenfalls wird durch diese neueste Kultnrbestätigung außer Zweifel gestellt, daß der Judenverfolgung Triebkraft Furcht vor dem Mitbewe-Ä ist und die Taufe keine Schutzimpfung gegen Antisemitenseuche bedeutet. Die Erkenntnis, daß der Tauft Müh' vergebens bleibt, wird den ungarischen Juden zn einem höheren Selbftbeivußtsein mtd steisern Rückgrat verhelfen. Die dortigen Reiregaten haben wenigstens einen Vorwand für ihre Religionsflncht: Ruhe vor den Erwachenden, Einschmnggelnng in die Hochschulen. Womit aber wollen sich die überhandnehmenden Austritte aus dem Judentum in Wien begründen und rechtfertigen lasten, wo die persönliche. Sicherheit und freie Betätigung der jüdischen Minorität bisher nicht angetastet wurde? Es mutet wie ein schlechter Witz an, wenn man hört, daß die Stehendgetauften aus Namen wie Elias Maier Schickler und Joses Chaskel Schapwa hören. Also allerschlechtester Osten. Angenommen, daß sie auch chre Namen wegtanfen lasten, mit den Nasen wird es ihnen nicht gelingen. So bleib: auch hier der Taufe Müh' vergebens Keine schulfreien jüdischen Feiertage in Sachsen. Das sächsische Kultusministerium will es anscheinend daraus anlegen, daß Landrecht Neichsrecht breche und hat am 11. August, also kurz vor den hohen jüdischen Feiertagen eine Verordnung erlassen, daß an staatlich nicht anerkannten Feiertagen Dispens vom Schulbesuch nicht erteilt werde. Es ist hier ein gewollter Konflikt vorliegend, dem die Reichsregierung und die sächsische Judenschaft, aber auch die Protestanten Sachsens, die durch diesen Erlaß ebenfalls^ in ihrem Religivnsemp finden hart getroffen werden, wohl zu begegnen wissen wenden. Es liegt bereits nebst milderen Protesten ein solcher der Dresdner Gemefttde vor, der folgenden Wortlaut hat: „Die Verordnung des Ministeriums des Kultus und öffemiichen Unterrichts vom 11. August 1922 versetzt die jüDischen Eltern in den härtesten Gewissenszwang. Die Juden trifft die Verordnung am schwersten, weil ihre durch die Jahrtausende geheiligten Feiertage durch die jü'dische Zeitrechnung festgesetzt sind und mit den gesetzlichen christlichen Festen nicht zufammenfallen. Den jüdischen Eltern ist es unfaßbar, daß sie vom Staat gezwungen werden, ihre Kinder auch an den höchsten Feiertagen, die unmittelbar bevorftehen, statt zun: Gottesdienst zur Schule zu schicken. In unserer Not legen wir nachdrücklich Verwirrung ein gegen diesen Eingriff in die Frech eit der Religionsübung, die allen Bekenntnissen durch die Verfassung von Weimar gewährleistet wird." Auch die vereinigten Elternausschüsse der Leipziger höheren Schulen haben in einer Sitzung am Dienstag gegen die Verordnungen des sächsischen Kultusministeriums vom 12. und 24. August, betreffs Religionsübung und Schule, folgenden Protest an das Kultusministerium beschlossen: „Die vereinigten Elternausschüsse der höheren staatlichen und städtischen Schulen haben mit tiefster sittlicher Entrüstung von den beiden Verordnungen des sächsischen Kultusministeriums vom 12. und 24. August Kenntnis genommen. Sie erheben gegen beide entschiedensten Widerspruch und verlangen ihre sofortige Aufhebung. Die Eltern der Schüler der höheren Schulen Leipzigs sind nicht gesonnen, solche Eingriffe in ihre Elternrechte und Elternpflichten hinzunchmen und werden selbst vor den schärfsten Abwehrmaßnahmen nicht znrückschrccken." Es gibt noch Richter in Berlin. Gelegentlich eines antisemitischen Demonstrationszuges in Berlin hatte der wackere Dr. Max Kryn der Menge zugerusen: Schlagt die Inden alle tot! Wögen dieser verbrecherischen Aufreizung vor Gericht gestellt, suchte der Angeklagte feige auskneifend glaubhaft zu machen, fein Zuruf habe den ausländischen Juden gegolten. Das Gericht konnte sich nicht zur Anschauung verstehen, daß fremde Juden straflos gemordet werden dürsten und verhängte über Dr. Kryn statt wohlverdienten Gefängnisses 1500 Mark Geldstrafe und begründete diese Milde damit, daß die Worte des Angeklagten kein Blutvergießen verursachten.