Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 22 (10.11.1922)
- Date
- 1922-11-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 2Z Die Wahrheit Seite 5 Düs ist falsch. Der Oefterveticher ist zu 90 Prozent konservativ. Und wenn er dem Juden heute unffieund sicher gegenüber sich t als je, so ist Äas im Gegensatz zu Ihrer Meinung daraus zurückzusühren, daß gerade die extremfortschrrttlichen Parteien — Sozialdenrolraten und Kommunisten — unter jüdischer Führung stehen. Also durch die. Leitung der den Oesterrerchern unleidlichen politischen Parteien machen sich die Inden unbeliebt, nicht aber durch Teilnahme au konservativer' Gruppen. Ob Sie mini dem monarchiftisch-legitimen Gedanken fern- oder nähestchen, werden Sie die Richtigkeit dieser Darlegung anerkennen müssen, wie Sie auch au de? Lauterkeit meiner Gesinnung nicht zweifeln dürften. Es wäre loyal, wenn Sie diese Zuschrift zur Grundlage einer Erklärung machen würden, — es würde getingen, wenn Sie in Hinkunft nicht urteilen, ohne zu prüfen. Hochachtungsvoll Hanns Karl Grauenberg, Schriftsteller." Die obige Zuschrift bezieyt sich aus zwei Notizen, die unter dem gleichen Titel <„Seelensängerei") in der -immit „Wahrheiten chom Tage" in den Nummern 13 und! J unseres Blattes erschienen sind und die Gründung einer neuen Monarchistenpartei, der „Oesterreichischen Staats- Partei", und deren Stellungnahme ztir Judenfrage zrnu Gegenstand einer Kritik hatten. Wenn die Erledigung des Schreibens auf diesem öffentlichen Wege und sogar noch im breiten Rahmen des Arlikelteiles erfolgt, so geschieh! dies deshalb, weil unseres Erachtens das hier angeschnittene Thema von eminenter Wichtigkeit ist. Herr Grauenberg schrc-ibt einleitend: „Der Artikel lägt nicht erkennen, ob Sie als prinzipieller Gegner der Monarchie diese Artikel brachten, oder nur, weil Sie an der Aufrichtigkeit des philosemitischen Bekenntnisses dieser Partei zweifelten." Hiezu wäre zu bemerken: Die beiden Notizen stammelt aus der Feder des Schreibers dieser Zeilen und dieser ist wohl prinzipieller Gegner der Monarchie. Daß dem so ist, daran trägt nicht zu wenigsten die Stellung der meisten Monarchen der Neuzeit selbst — nicht etwa ihrer Trabanten — zur Juden frage Schuld. Wir brauchen nur an den letzten Zaren zu erinnern, der sich übrigens, was das Verhalten zu seinen „liebeir Juden" anbelangt, nicht im geringsten von seinen blutigen Vorgängern unterschieden hat. Und weil wir dieses Verhältnis des Zarisnrus znm Anlisemitismtts gerade berühren, so sei den folgenden Erörterungen Raum gegeben. Herr G. mache uns nicht den Vorwurf, daß wir damit eigentlich vom Thema abschweisen, der im Folgenden enthaltene Hinweis aus unsere monarchistische Front kämpservereiniguug bekräftigt unsere Anschauung vorn Zttsanunenhang zwischen Monarchismus und Antisemit^ mus, den auch der wackere Staatswehr-Woiss in jeder Nummer seines in Schimpfereien gegen die Juden hervorragenden Blättchens bestätigt.") Damit sei der. Ehrenhaftigkeit des Briesschreibers kein Abbruch getan, war werden aber ans dem folgenden sehen, daß die Nachläufer abgewirtschafteter Regenten sich oft zum radikalen Anti semitismus bekennen, daß sich sogar der amerikanische Antisemitenhänptling Henry Ford nicht entblödete, als Geschäftsträger des Zarismus in Amerika zu figurieren. Einen Nachweis hitefnr erbringt die New-Dvrker illustrierte Monatsschrift „Hearsts International". Nrch ihren Mitteilungen hat sich der ehemalige russische Beanite Boris Brosol, bekannt als Urheber des RHualmordpro ■ ) 'Jlad) iuuäfteu Ätätleriueldmlgeu kam es übrigens zu einer AereirNgung der drei legilimistischen Gruppen (Wolff, Hoynigg und Schager) zur österreichischen Monarchistenparter. keil hat ganz Deutschland ergriffen. Die Gotteshäuser sind voll von Betern itnd Andächtigen, nicht von Menschen, die bloß hingehen, weil es ihnen einmal Gewohnheit geworden ist. Bor Gott will sich jeder zu innerer Befreiung durchringen, vor Gott will jeder seine eigene Festigkeit in dieser harten und schweren Zeit erlangen." Worte, die vielleicht die Stimmung jener Tage im ersten Kriegsjahre wiedergeben, wo noch über alleni ein religiöser Hauch lag. War man ja auch damals tief von der Gerechtigkeit der deutschen Sache überzeugt und glaubte man, daß Gott mit unseren Waffen sein müsse. Auch hier ist ja das Erwachen um so härter gewesen. Ich deutete schon an, was uns die Feldgottesdienste wurden; die Geschichte vom Wirken der Feldrabbiner in dem großen Krieg wird einstinals ein Ruhmesblatt in unserer jüdischen Geschichte sein, und man könnte nur wünschen, daß sie recht bald von berufener Seite geschrieben werden möchte. Und gar manche Ansätze, zur Weiterentwicklung unseres religiösen Lebens schienen sie-in sich zu bergen. Die Frage lag nahe: „Bedeutet dieser Krieg für uns Juden nicht auch in religiöser Beziehung eine Schicks alsstnnde? Hat er nicht Undenkbares wahr gemacht, hat er nicht Veraltetes mit neuem Leben erfüllt? In einer katholischen Kirche vor einem Heiligenbilds finden sich jüdische Soldaten zum Gottesdienste zusammen, um nach der Weise der Väter zu beten. Es stört nicht der ungewohnte Raum, im Gegenteil, er hebt die Seele zu ungeahnter sphärischer Höhe empor." Wie gesagt, das war alles in der ersten Zeit, später ging mau auch da andere Wöge, das Konfessionelle trat wieder mehr hervor und derartige jüdische Gottesdienste in christlicher Kirche, die man dort abhielt, weit kein anderer Raum zur Verfügung stand, sah man wohl nicht mehr gerne; ober wenn ich heute an diese Gottesdienste denke, so hatten sie wohl etwas unendlich Versöhnendes. Nicht, daß etwa das Jüdische in ihnen abgeschwächt wäre, durchaus nicht! Das kleine, knappe Feldgebetbuch, es sollte auch für die Daheimgebliebenen ein Lehrer sein. Es hat uns vollauf genügt und ist uns stets ein lieber Begleiter gewesen, die knappe Zeit, die für die Gottesdienste zur Verfügung stand, verbot ja ausgedehnte liturgische Wiederholungen und wir ernpfam den das immer angenehm. Liegt doch in der Inbrunst des Gebetes die Kraft und nicht in der Länge. Wie leicht erschien mir damals eine Reform des Gottesdienstes in Deutschland. Heute denkt man auch darüber ruhiger und will keinen plötzlichen Umbau unseres religiösen Organismus mehr, sondern' nur eine langsame ruhige Weiteremwicklitng. Aber vieles haben uns diese Tage doch geschenkt, Ich hoffte damals so manches: „Die Zeit des religiösen Anflebens, des Eindringens des religiösen Gedankens in von dem wir wünschen, daß es uns bewahrt bleiben möchte, die Tiefe der Volksseele, sie muß auch von dem Judentum benutzt werden. Lassen wir nicht wieder die Besten und Edelsten enttäuscht beiseite treten, lassen wir sie in der Religion Aufrichtung finden und lassen wir alles mißfallen, was wir wohl mit Pietät verehren, was uns aber kein lebendiges Erlebnis mehr ist!" Ob man damals vielleicht etwa die Kraft des religiösen Anslebens doch überschätzt hat? Es wäre traurig! (Fortsetzung folgt.)