Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 22 (10.11.1922)
- Date
- 1922-11-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Die Wahrheit Nr. 22 Prozentsatz an bedeutenden Männern olle übrigen Völker weit übertrisst; kam« mi Jahrhundert nach seiner Befreiung ftcht dieses kleine Volk heute mit E i n ft e i u an der Spitze moderner Wissenschaft; mit Mahler an der Spitze moderner Musik; mit Bergson an der Spitze moderner Philosophie; mit Trotz kr, an der Spitze moderner Politik. Die prominente Stellung, die das Judentum heutzutage innehat, verdankt es allein seiner g e i ft 'i -g e n U e b e rleg e n heit, die es befähige,n, über eine ungeheure Uebermacht bevorzugter, gehässiger, nMischer Rivalen im geistigen Wettkamps zu siegen. Der moderne A n t i s e in i t i s m u s ist eiere der vielen Reaktionserschsinnngen der Mittelmäßigen gegen das Hervorragende; ist eine neuzeitliche Form des O st r a k i s m u s, angewandt gegen ein ganzes Volk. Als Volk erlebt das Judentum den ewigen Kampf der QuarrritLt gegen die Qualität, irr inderwertig er Gruppen -gegen höherwertige Individuen, minidenvertiger Majoritäten gegen höherwertige Mirroritäten. Die Hauptivurzelir des Antisemiitismue sind B es ch r äu k t h e i t und Neid: Beschränktheit im Religiösen oder im Wissenschaftlichen: Neid im Geistigen oder Wirtschaftlichen. Dadurch, daß sie laus einer interuiatiorvaleu Religionsgemeinschaft, nicht aus einer lokalen Rasse hervorgegangen srrrid, sirrd die Juden daS Volk der stärksten Blutmischnng; dadurch, daß sie sich seit eiüem Jährtaulseud gegen die übrigen Völker abschließen, sirrd sie das Volk stärkster Inzucht. So vereinigen, wie barm Hochadel, die Anserwählten unter' ihnen Willensstärke mit Geistesschärfe, wahrend ein anderer Teil der Inden die Mängel der Irr-' zucht mit denen der Blutmischnng verbindet: Charakterlosigkeit mit Beschränktheit. Hier findet sich heiligste Selbitansvpserung neberr beschräiiktesier Selbstsucht " Monarchisten und Juden. Von Oskar Hirschfeld. Am 15. September d. I. erhielten wir folgerte Znschvift: „Geschätzte Redaktion! Vor einiger Zeit kamen rnir zwei Nummern Ihrer Zeitschrist in die Hand, in derren Sie gegen die „OesterreWfche Staatspartei" Stellung nehmen. Der Artikel läßt nicht erkennen, ob Sie als prinzipieller Gegner der Monarchie diese Artikel brachten, oder nur, weil Sie an. der Aufrichtigkeit des philosenritischen Bekenntnisses dieser Partei zweisäten. Jedenfalls glaube ich es für nötig zu haltett, Ihnen zu erklären, d!aß ich Präsidialmitglied der österreichischen Staatspartei bin, deren Gefüge voll ketnre, -und daß deren Absichten unb Ziele sich voll und ganz mit den nieinen decken. Mir aber- — der ich mich sür jüdische Knust interessiere und nrehr als mancher andere Wiener Journalist dafür einsetzte (Mali Picon—I. Kalich, Jüdischer Abend im Wiener Bürgertheater 13. bis 15. August 1921), der zum Judentum übergetreten ist*) uiiii dessen Frau eine nationalfühlende Jüdin, die Filmschanspielcrin C'lly Natic, ist — werden Sie doch nicht zumuten, daß ich mich selbst belüge, wenn ich für die Gleichheit aller Konfessionen und Nationen -eintrete. Sie ivarnen die Juden vor dem Eintritt in die österreichische Staatsparter Mit der Begründung, diese (die Inden) körrnten sich den Haß der Arier znziehen, wenrr sie an einer konservativen Sache teilhaben. *)Über die Gründe dieses Schrittes gibt'der Briefsckreiber Jrfformagonen in einem Artikel, den wir in einer der nächsten Nummern veröffentlichen werden. TOOIT", Jüdische Erlebnisse im Weltkriege. Bon Dr. Willy C o h n. (Fortsetzung.) Nun kanren die Befehle, daß infolge der hohen Offiziersverluste alle irgendwie geeignetett Leute, die im Besitze des Einjährigen-Zeugnisses wären, rinzureihen seien; wir waren fünf ehemalige Einjährige bei urrserer Formation, die drei Christen wurden in ganz kurzer Zeit Offiziere, wir zwei Juden sind es während des ganzen Krieges nicht geworden. Unter den drei christlichen Kameraden war einer, dein an der Beförderung gar nichts gelegen war,, die damalige Zurücksetzung war die erste schwere Kränkung für mich, wenn auch lange nicht die letzte; sie riß mich aus allen Illusionen, denn im übertriebenen Idealismus hatte ich fest daran geglaubt, daß der Kaiser in der Lage feilt wüffde, seinem Wort Geltung nach unten zu verschaffen, und daß Zurücksetzungen, wie wir sie leider als Soldaten im Frieden zu erdulden gewohnt waren, nun nicht verkommen würden. Der Sturz aus diesem Glauben war umso tiefer. Nun hatte ich wieder das Gefühl Soldat 2. Klasie zu sein, das so unendlich niederdrückte. Und wenn ich mir auch immer wieder sagte, daß alles doch umsonst sei, und daß -der Antisemitmns kein bißchen kleiner werden würde, wenn auch noch so viele Inden den Tod Ms dem Schkachtselde sterben und ihre Persönlichkeit rückhaltslos I einsetzen würden, so beschloß ich doch in meinem Innern, meine Pflicht auch weiter, so gut ich es konnte, zu tun, schon um der Ehre des jüdischen Namens willen. Und wenn ich heute nach Schluß des Krieges noch einmal darüber nachdenke, so sage ich mir doch, daß ich richtig gehandelt habe — ich und so viele andere, die das Gleiche gedacht und gelitten haben — wenn es auch äußerlich nicht zu Dank geschehen ist, wenigstens vor sich selbst steht man rein da. Doch verlassen wir dieses, unerquickliche Gebiet, daß einen immer wieder die Zornesröte ins Gesicht treibt. Die vielen einsamen Stunden, die man draußen nur in der Gesellschaft der eigenen Gedanken verbrachte und das Gefühl, doch in jedem Augenblick einmal schnell von dieser Welt abbevnsen werden zu können, hatte zu Beginn des Krieges wohl in sehr vielen, eine Verstärkung des religiösen Lebens Herr» orge rufen. Es war gewissermaßen eine ständige Aussprache mit Gott, ein Jhm-Näher-sein aus einsatnen Nachtritten oder in unmittelbarer Gefahr. Viele hatten da draußen das Beten gelernt, viele, die zuerst nur ans Neugierde Feldgottesdienste besucht haben, sind dann atts innerstem Bedürfnis heraus ihre ständigen Besucher geworden ttnd zu dem Glauben ihrer Väter wieder in ein treues, tieferes Verhältnis getreten. „Der große Erzieher rrnd Umbildner Krieg", so schrieb ich damals im ,,Liberalen Judentum", „ist mich mit elementarster Macht in die Herzen der Menschen eingezogen. Was fromme Männer in tiefster Brust ersehnt hatten, was sie zu hoffen nicht wagten, es ist'Ereignis geworden, eine innere Frömmig-