Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 2 (25.1.1918)
- Date
- 1918-01-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Seite 5. Nr. 2. dieses bisnun weltabgeschlofsene Milieu zur Katastrophe werden. Die Juden des Ostens kamen mit allen möglichen Menschen aus fremden Ländern in Berührung und Verkehr. Die von ihrer Heimat Getrennten, in Untätigkeit und nie gekannter Schrankenlosigkeit Lebenden suchen Abenteuer, Zeitvertreib, Vergnügen. — welcherart diese sind, braucht nicht erst gesagt zn werden. Der Jude ist in den Wirbel dieses wechselnden Lebens hineingerissen und geblendet durch den Glanz der ungewohnten Umwelt. Dazu kommt noch der Götzenkult des Mammon. Nie war dem Juden der Wert des Geldes so deutlich geworden wie durch den Krieg. Was fängt der Flüchtling, der sein Vermögen in der zerstörten Heimat zurücklassen mußte, an, wenn er nicht über das Wichtigste verfügt, das ihm bei seiner Rückkehr iu die Heimat wieder Wohn- und Existenzmöglichkeit verschaffen kann? *) Es muß nicht erst gesagt werden, daß die ersten Folgen dieser unglücklichen Zustände sich im religiösen Leben der Ostjuden furchtbar bemerkbar machten. Und da tritt ein Mann auf den Plan, der in flammenden Worten für die Religion, für die wahre, farblose Frömmigkeit in Eifer entbrannt ist. Nathan Birnbaum, auf den man mit Recht das Wort )es Weisen: „Heil dem Alter, düs die Jugendjahre bechämt" anwenden kann, mit dessen Anschauungen bisher iur sein enger Freundeskreis vertraut war, macht uns durch!eine neue Programmschrift „Gottes Volk"**) mit einer gekeiften Gesinnung und Geistesrichtung bekannt.! Nachdem wir über seine neue Richtung fast ein Jahr lang mancherlei vom Hörensagen vernommen und unlängst so eine Art Gerüst, die Schrift „Worte der Auffteigenden" sahen, schauen wir nun auch den Bau, das Schriftchen „Gottes Volk", das viel Erstaunen und viel Bewundern erregt. Die Wahrheit, daß ein schönes Werk stets aus einer großen Not äußerer Finsternis entsteht, dokumentiert sich auch hier. Der bitteren Gegenwart verdankt die Schrift ihr Entstehen. Es ist hier nicht möglich, die Fülle seiner Beobachtungen, die diesen Anschauungen zugrunde liegt, oder gar die Bedeutung der sich ergebenden Folgerungen auch nur annähernd zu würdigen. Mit drohender, prophetischer Stimme, mit einer von den Rätseln des Glaubens tief ergriffenen Seele weist Birnbaum auf die zunehmende Herrschaft des Aeußerlichen und Nebensächlichen im gläubigen Judentum hin. Ein Mahn- und Weckruf. Jeder zu Wort gebrachte Gedanke ist von tiefer Schönheit, stark und überzeugender Ernst, der ihn zu - formen sucht. Es ist ein freudiges Buch, ein Buch der Tat, es ermuntert die Seelenmüden, treibt die Schwachgläubigen an, mahnt zur Heiliguug der Seele und des Leibes. Die Schrift zergliedert sich in sieben Kapitel, jedes ein Manifest für sich. Es gibt Menschen, die träumend durch das Leben gehen und in ihrem Traum alles schärfer sehen und reiner hören als die, denen kein Geräusch und kein Bild des Alltages entgeht. Birnbaum gehört zu diesen Menschen. Er war National- -jude, ohne von der Religion etwas wissen zu wollen. Aber er ging träumend und denkend durch das Leben, bis in ihm die Morgenröte ihr Licht aufschlug. Und in seinem Innern ging eine gänzliche Umwandlung vor sich und aus dem Gottesleugner wurde ein inbrünstiger Gottesbekenner. Wie aus einer Kinderseele spricht Birnbaum über die tiefsten Wesenheiten der jüdischen Religion, über die intimsten Vorgänge in seinem Innern, über Wandlung seiner Anschauungen, bis es ihm, dem „ausdrücklich nationalen, nicht religiösen Juden", gelungen ist, ^.as letzte Stäubchen Materialismus von seinem Denken abzuschütteln, um zu Gott hinaufzusteigen. *) Vgl. den ausgezeichneten Artikel „Feldpostbrief aus dem Osten" von Robert Weltfch in Heft 8 des „Jude" 1916. **) „Gottes Volk", von Dr. Nathan Birnbaum, Wien 1918, R. Löwit, Verlag, Wien und Berlin. Preis, brosch., K. 1'5v. Mit äußerster Schärfe, wie ein Prophet, rückt er den modernisierenden jüdischen Intellektuellen im Westen und im Osten an den Leib. Er findet im Gegensätze zu dem geistlichen Wesen des Judentums und im Dienste einer fremden heidnischen Rebellion die jüdische Wesensidee und stellt sich ohne Rückhalt und ohne Kompromisse auf den Boden der jüdischen Lehre. Selbst'die Verbefferung und Verschönerung seiner materiellen Existenz könnte dem jüdffchen Volke, deffen Seelenachse geistlicher Art sei, nur auf dem Wege seines wahren Wesens werden. Die große Abfaüstragödie macht ihn nur für einen Augenblick verstummen. Denn was bedeutet Heidenjudenheit gegenüber der Hoffnung, gegenüber den großen gläubigen jüdischen Maffen. Die gläubige jüdische Masse des Ostens sei die einzige wirkliche Bewahrerin des jüdischen Glaubensgefftes. Birnbaum gibt zu, daß auch ihr Gebrechen anhasten, und erklärt diese als die Wirkung einer eigentümlichen religiösen Jnaktivität, der das jüdische Volk bei all seiner Glaubenstreue seit langer Zeit verfallen sei. Er erblickt in der Ostjudenheit allerdings einen heilrettenden Block für unsere Tage. Er spricht auch über die Abneigung des Westjuden dem 'Ostjuden gegenüber. Er findet es nicht als Bedürfnis, nachzuweisen, daß die Garstigkeiten, die man den Ostjuden nachsagt, nicht gar so arg sind, wie man glaubt. Charakteristisch ist das Kapitel „Die Tat". Birnbaum bemüht sich, den Weg zu finden, den das gläubige Israel gehen nlüßte, um seine Schuld zu tilgen. Das Ergebnis ist: Von und mit dem Gesetze durch Heiligtum zum Messias'. Durch das Studium der Lehre, durch das Gebot, durch gottdeschwichtigten Sang, durch gottgetragenen Bau abseits von den Wirkungen der Welt, mit einem Worte: zu immer mehr Heiligkeit, leidenschaftlicher und demutsvoller Erkenntnis Gottes durch Erweiterung der Liebespflichten zwischen Mensch und Mensch, zu immer mehr Heiligkeit des Erbarmens durch Streben nach Schönheit und Armut, nach Ordnung und Reinheit zu immer mehr Helligkeit gottähnlicher Pracht. Birnbaurns Hauptziel ist, durch strengste Thora-Treue und intensives Streben nach Heiligung und Unterordnung unter eine geordnete rabbinische Glaubensunterschaft das Kommen des Messias erarbeiten. Diese Schrift gehört zu jenen seltsamen Erscheinungen, von denen man nicht eigentlich sagen kann, sie seien gut oder böse, bei welchen man fühlt, daß es groß und wertvoll ist, und wird einst einen dokumentarischen Wert besitzen. Denn es bringt die Meinungen und Anschauungen eines der interessantesten Denkers unserer Zeit, eines „Umkehrers", unmittelbar zur Darstellung. Solche Bücher leidenschaftlicher Selbstbekenntnisse sind selten und man sollte sie wie Offenbarungen lesen, Offenbarungen der wahren jüdischen Seele. Das eine muß gesagt werden: Von unendlicher Gottesliebe und Volksliebe ist die Seele Birnbaums erfüllt und seine Worte leuchten wie köstliche Edelsteine und sind lehrreich für alle, die Gott und die Wahrheit suchen^ Zum Schluffe muß dem bewährten Verlag für die geschmackvolle Ausstattung, Papier und Druck Dank gesagt werden. Der Stempel der „Pracht" macht sich gleich erkennbar l Chaim Bloch (Delaryn) dzt. im k. u. k. Heeresdienst. Kriegsgewinner u«d Zionismus. In dem soeben erschienenen Hefte der „Zukunft" veröffentlicht Maximilan Harden einen beachtenswerten Effay' über den Zionismus, der durch die letzten Veröffentlichungen Englands über die Wiederaufrichtung des Judenftaates in Palästina aktuelle Bedeutung gewinnt. Bei dieser Gelegenheit kommt Harden auch auf die Antisemitenhetze zu sprechen und sagt: Verdient die Haltung, die Leistung deutscher Juden während der Kriegszeit Tadel? Sie haben so tapfer, -so zäh gekämpft wie deutsche Christen und vom Schlachtfeld, sogar von dem des Luftreiches sich Ehrenzeichen geholt. Daß viele.