Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 2 (25.1.1918)
- Date
- 1918-01-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 2. Die Aufgabe -unserer Diplomaten ist wohl groß und außerordentlich schwierig. Die soziale Umwälzung in Rußland birgt wohl Gefahren für alle Staaten und ganz besonders für die an Rußland grenzenden Staaten Polen, Littauen und Kurland. Wenn das Verzichten nach so langem harten Kriege der Entente schon so schwer fällt, dann ist es begreiflich, daß dies dem siegreichen Vierbund noch schwerer wird. Wer ein verständnisvolles und kluges rechtzeitiges Verlassen veralteter und überlebter Maximen hat oft schon verderbliche Revolutionen in gefahrlose Evolutionen gewandelt. Entschließen sich die Schlachzizen in Kongreßpolen und Littauen rasch zur unumgänglich notwendigen Bauernbefreiung, wenn auch mit Entschädigung, wie dies 1848 in Oesterreich erfolgt, dann kann die Sebbständigmachung dieser neuen Staaten ohne gefährliche Erschütterung erfolgen. Wird für Deutschland und Oesterreich nur der Status quo vor Kriegsausbruch durch den Friedensschluß erreicht, dann ist dies bereits ein großes Ergebnis, das ihre Gegner so sehr fürchten. Auch die Türkei könnte sich mit einem solchen Friedensergebmffe zufriedenstellen und Bulgarien mit dem von ihm im Jahre 1912 erreichten. Die Großmut beim Friedensschlüsse wäre auf Seite des Verbundes und der fürchterliche Weltkrieg würde in den Herzen der Nationen keinen bleibenden Groll zurücklassen, der, wie eben der Weltkrieg gezeigt hat, die Quelle künftiger Kriege bildet. Es mag momentan speziell in dem nationalitätenreichen Oesterreich richtig sein, den Friedensschluß der Krone allein zu überleben, um so mehr als die Friedensliebe unddie Gerechtigkeit des Monarchen von niemand bezweifelt wird. Wer neue soziale Regierungsmaximen werden und müssen sich auch in Oesterreich durchsetzen, denn die Kriegszeit hat es drastisch genug gezeigt, daß es nicht länger angeht, die Lebenshaltung der Mehrzahl der Staatsbürger und das sind überall die vermögenlosen arbeitenden Volksschichten, so ganz und gar von der Habsucht der Agrarier und Industriellen abhängig zu machen. Im Kriege war die Staatsgewalt genötigt) die kapitalistische Willkür bedeutend einzuschränken. Sie hat dies ungeschickt und unvollkommen genug ausgeführt, hätte sie aber nichts dergleichen getan, dann hätte es sicherlich bereits noch schwerere unnötige Volksschäden und schwere Unruhen gegeben. Die staatliche Fürsorge für die breite Masse der wirtschaftlich schwachen Staatsbürger darf mit dem Friedensschlüsse nicht aufhören. Die Staatsgewalt wird sich überhaupt stark mit demokratischem und sozialem Oele sallren müssen, um die Staatsmaschine in leichtem Gange zu erhalten. Nur wenn sich die leitenden Staatsmänner der Merbundstaaten mit solchen Grundsätzen befteunden, kann der Friedensschluß gelingen und segensreich werden. Sind Friedensgrundsätze richtig und gerecht, so behalten sie unabhängig. von den Meinungen und Wünschen der Gegner chre Achtung und es ist daher unlogisch, sie irgendwie zu befristen. Gute Diplomaten dürfen nicht reizbar und newös sein. Möge die große Zeit auch die großen und brauchbaren Männer auf den Posten finden, die ihre Verantwortlichkeit vor der Weltgeschichte fühlen und den Geist der Zeit voll in sich tragen! R. L. Maroth. Bon B. b. I. Ein merkwürdiger Zufall hat es gefügt, daß in der letzten Stummer dieses Blattes zugleich mit dem Mahnwort betreffs der Mazzoth an anderer Stelle die Kundmachung der Wiener Kultusgemeinde über die Mazzoch-Anmeldung veröffentücht war. In dieser Kundmachung war leider nichts zu finden, was auch nur einen winzigen Hoffnungsschimmer auftommen ließ, daß diesmal besser vorgesorgt werde als im Vorjahre. Im Gegenteil: bis zum bestimmten Termin haben sich alle, die für Peßach Mazzoth wollen, anzumelden! Dem Schleichhandel werden wieder Tür und Tor geöffnet! Ueber die Menge, die jeder bekommen soll, hüllt man sich in wohlweisliches Stillschweigen. Bis es schon zu spät ist, dagegen zu protestieren, wird man es erfahren. Ja, und erst die Anmeldung selbst! Welcher Unfug kann da getrieben werden! An wen dürfen die unentgeltlichen Anmeldekarten abgegeben werden?? Welche Legitimation wurde dabei verlangt?! Besondere Schwierigkeiten sind da wohl mit den Flüchtlingen zu überwinden, da bei ihnen der Unfug der M e h r anmeldungen grassiert. Wir dürfen uns nicht schämen, diese Tatsache zuzugeben, denn für die Fehler eines Teiles sollen doch nicht alle in Mitleidenschaft gezogen werden! Solche Unsitten von Flüchtlingen, die des öfteren schon von amtlichen Stellen festgestellt wurden, sollen gerade von jüdischer Seite aufs schärfste an den Pranger gestellt werden,. auf daß die Allgemeinheit sehe, daß das Benehmen solcher Leute nichts mit dem Judentum gemein hat! Zur Anmeldung der Mazzoth darf aus diesem Grunde der bloße Meldezettel nicht genügen! Wir erwarteten nach unserem letzten Mahnwort eine beruhigende Erklärung von seiten des Rabbinats — sie kam aber nicht! Da muß man sich wohl fragen, ob sich das ehrwürdige Rabbinat überhaupt schon Gedanken darüber gemacht hat, wie es bei diesen trüben Aussichten der Masse des jüdischen Volkes möglich sein wird, das heurige Peßachfest einzuhalten. Oder ist man gewillt, alle möglichen Dis-? pense zu erteilen, nur um der Gemeinde eine durchgreifende Vorbereitung zu ersparen?! „Gottes Kolk." Motto: Groß ist die Umkehr, denn sie beschleunigt die Erlösung. (Traktat Juma.) j Es ist eine Tatsache, daß nach jeder Katastrophe,! welche das jüdische Volk betroffen, die Vorsehung es immer! so gefügt hat, daß ein Mann auf den Plan getreten war,! der das Volk vom gänzlichen Verfall gerettet hatte. | In Babylon, als die Ueberreste des Volkes, aus dem verwüsteten kleinen Ländchen in die gigantische heidnisch^ Kulturstätte des Welteroberers Nebukadnezar versetzt, ist Gefahr gerieten, ihre nationalen Ideale einzubüßen, trat Jeheskiel auf, ihnen die göttliche Allgegenwart zu verkünden/ Nach deu furchtbaren Opfern der Befreiungskriege gegen Titus, Trajan und Hadrian, als die religiöse Kultur der Juden im Hellenismus aufzugehen drohte, erschien als Retter Rabbi Simon ben Schatach mit dem Buche Sohar, nach den grausigen Kreuzzügen Rabbi Jehuda Hachasid, Verfasser des „Buch der Frommen", die die unversiegbare innere Lebenskraft des jüdischen Volkes wieder auffrischte. Nach der vernichtenden Vertreibung war es Rabbi Jizchok Lurja, dessen Seelenlehre die tiefe Nacht des Golus erhellte,- nach der furchtbaren Katastrophe des Jahres 1648 der Juden in Polen war es Rabbi Israel Baal-Schem, der dem zerschmetterten Organismus neues Leben einflößte und ihm durch die religiöse Erneuerung alles 'Leid zu überwinden geholfen. Nun ist über den jüdischen Stamm ein neues Unglück hereingebrochen. Das grausige Schicksal des Weltkrieges hat einen großen Teil der Juden zu Boden geworfen, zahllose sind ihres Daseinsgrundes beraubt und zu flüchtigen Landstreichern geworden. Der Krieg hat mehr jüdische Massen in wirbelnde Bewegung gebracht als irgend ein früheres Ereignis. Kaum ist noch zu übersehen, welche Wandlungen vorgegangen sind, und niemand kann wissen, welche äußeren und inneren Veränderungen dem Judentum noch bevorstehen. Der Krieg hat die innere Struktur des jüdischen Stammes zerbrochen, in die Enge des jüdischen Lebens drang viel Neues und durch die Erweiterung der Grenzen in die neuen Verbände wurden Verlockungen getragen, denen die bisher in der Abgeschlossenheit Lebenden nicht immer besonnenen Widerstand zu leisten imstande sind. Die Aristokratie des Geistes, die im ererbten Bluttropfen im Ostjuden mitgeboren wird, muß bei einer Aenderung der Gesellschaftsklasse für