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Die Wahrheit · 1918-01-25 · Heft 2 (25.1.1918) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 2 (25.1.1918)
Date
1918-01-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ahnheit Redaktion imb Jlbmiiuflrntioit: | Wi?n, II., Nvuarcrgasse 27 | Telrvdon: Redaktion Siurouial 42.K8». j Sdminisiraliou Am. 47-654 |] ft, k. tUerr. Postivarlajia» S Lchkck.ftomo Nr. 100.918. jj SujKtats: j Die viermal gesvallen« j Stoni'a>rille-Zeile 25 Heller.? AdomieuienlS- und Ziiserlion». j- Seträge sind in Wien zahlbar j! und klagbar. .1 ^sakhängige Heitfchrifi fftr silbische Interejse». Hrsch^snt jrden Are i tag. Noltv: „Dns irMe^ei ist Wuhrhcit!“ Brzu^pre-s: jj ty«!iäi;»3d(l.IC 16.— j| HalbMürig.K 3 — j tjiic iliiüu-öb<iiiHtc: H tMt>;i|jäbi>a.K i2.— I jyiti Nnelond: jj '»auzlavrig.10 3,'kark jj Kr. 2. Wien, 25. Jauner 1818. Inhalt: Die schwere Frredensgeburt. — Mazzoth. — Gottes Volk. — Kriegsgewinner und Zionismus. — Oftjüdisches. — Verschiedene ' Nachrichten. — Spenden für den Leopoldstädter Tempel. — Banknotiz. Die schwere Frredensgeburt. Geheilt wird in der Regel eine Krankheit nicht so rasch, als sie zum Ausbruche kam, und so sehen wir unglaubliche Schwierigkeiten, die sich auch heute noch nach so entsetzlich langer Dauer des allschädigenden und verderblichen Weltkrieges dem allgemeinen Weltfrieden entgegenstellen. Vordem Kriege standen in den beiden gigantischen gegnerischen Staatenbündnissen durchwegs auf kapitalistischer Grundlage organisierte Staatsverwaltungen einander gegenüber. Nun aber hat der Krieg große Veränderungen bewirkt, auch solche, die den Schrecken und die Sorge aller gegeneinander kämpfenden Staatengruppen Hervorrufen. In Rußland war lange vor Kriegsausbruch schon die Revolution gegen den blutigen, tyrannischen Zarismus latent. Derselbe hatte es versäumt, rechtzeitig die kleinen Bauern aus den Sklavenfesseln der Großgrundbesitzer zu befreien. Es blieb in Rußland bei der Aufhebung der Leibeigenschaft der Bauern, aber sie wurden nicht Eigentümer ihrer Anwesen und die habsüchtigen Großgrundbesitzer nützten ihre Macht über die besitzlose Bauernschaft brutal und rücksichtslos aus. Der Muschik, wie der gutmütige russische Bauer genannt wurde, wurde von seinen Bedrückern unterschätzt und als willenlose Herde ohne die geringste Energie angesehen. Nun sind die Folgen dieses gewaltigen Staatsversäumnisses in Rußland zutage getreten. Eine verhältnismäßig dünne Schicht von Intellektuellen und idealistischen Volksfreunden, die sich früher mit der Führung der industriellen Arbeiterschaft beschäftigte, konnte durch kluge Ausnützung der Verhältnisse in kürzester Zeit diese ganze Bauernschaft an sich reißen und mit ihrer Hilfe den Zarismus enttronen und stürzen. Die russische Bürgerschaft ließ die revolutionären Kräfte walten, denn sie glaubte, sie werde das Erbe des enttronten Zarismus nun antreten. Die neuen , Männer Rußlands zeigten sich aber den bürgerlichen Führern überlegen, indem sie die Hauptwünsche der zahlreichen Bauernschaft, die Herbeischaffung eines raschen Friedens und die Verteilung der großen Grundbesttzungen an die B a n e r n s ch a f t, rasch ausführten. Eine gigantische soziale Umwälzung in großem Stile vollzieht sich zum Schrecken und Grauen aller anderen Staaten vor ihren Augen in Rußland. Schon verhandeln die revolutionären Führer mit dem Vierbunde um den Frieden, schon haben sie mit der großen Landverteilung begonnen, schon bekämpfen sie. mit Erfolg alle verzweifelten Anstrengungen der kapitalistischen Gegenrevolution und schon erhalten sie in der neugewählten Konstituante die Mehrzahl der Stimmen. Die an Rußland grenzenden Staaten des Vierbundes scheinen die neuen Verhältnisse daselbst, trotzdem sie noch gegen Rußland Krieg führten, früher erkannt zu haben als die Entente, welche ihre Diplomaten in Petersburg hatten. Der deutsche Reichskanzler Dr. v. Bethmann Hollweg prägte bereits vor nahezu einem Jahre das Wort: „Wehe dem Staatsmanne, der die Zeichen der Zeit nicht versteht", und beeilte sich, mit seinen österreichisch-ungarischen diplomatischen Kollegen die Erklärung abzugeben, daß er die innere staatliche Entwicklung Rußlands in keiper Weise stören oder gar bekämpfen wolle. Ja, der Vierbund hat bereits in Brest- Litowsk erklärt, er wolle einen allgemeinen Frieden ohne Eroberungen, Vergewaltigungen und Kriegsentschädigungen schließen, der das Selbstbeftimmungsrecht der Völker innerhalb des Rahmens der geltenden Verfassungen anerkennt. Er wolle in Zukunft die allgemeine Abrüstung und die Schaffung eines internationalen Schiedsgerichtes zur Schlichtung staatlicher Streitfragen in die Wege leiten. Die schwer enttäuschte Entente, welcher ihr Hauptkampsmittel, die gigantische russische Dampfwalze, entwunden wird, wagt es bereits nicht länger, die neue russische Regierung offen zu bekämpfen, trotzdem zetern ihre-Regierungsmänner noch gegen den für sie ergebnislosen Friedensschluß. Noch versichert Lloyd-George, England müsse sicher noch gegen Deutschland siegen, noch begehrt Clemeneeau Elsaß-Lothringen, noch erklärt er alle ftanzösischen Pazifisten als Vaterlandsoerräter, noch schlägt Sonnino mit der Faust auf den Tisch und erklärt, er schließe nur dann Frieden, wenn ihm derselbe Triest zubringt, trotzdem das Kriegsgeschick die italienischen Kriegsscharen ziemlich weit von dieser Stadt entfernte. Noch hüllt sich Wilson in die für den Frieden unnahbare Maske, aber die Schwierigkeiten dieses Widerstandes wachsen täglich und die Friedenssehnsucht der schwer lewenden Völker droht diesen Männern baldigen Untergang. Die Augen der friedenssehnsüchtigen Welt sind nun gespannt auf Brest-Litowsk gerichtet. Werden die Diplomaten des Vierbundes nun ihrer ungeheuren Aufgabe gewachsen sein? Werden sie sich der Psyche der russischen Staatsmänner, die mit ihnen verhandeln, nun anpaffen können? Werden sie imstande sein, dem alteingebürgerten Maechiavellismus am grünen Tische zu entsagen? Werden sie es begreifen, daß sie diese russischen Regierungsmänner und mit ihnen den Frieden unmöglich machen, wenn sie ihnen jeden moralischen Erfolg verwehren?

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