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Die Wahrheit · 1918-01-11 · Heft 1 (11.1.1918) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 1 (11.1.1918)
Date
1918-01-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 5. Nr^ 27/ M'wärüm -- muß man' da fragen — schweigt das W i e n er Rgbbinat?! — dieses berufenste Kollegium für derlei Dinge, ja die entscheidende Instanz — sie schweigt! Schweigen heißt dulden, und es ist doch schwer anzunehmen, daß das Wiener Rabbinat eine derartige Religionslosigkeit durch fein Schweigen fördern, noch weniger dulden wird?! Es ist noch Zeit, doch nicht zuviel, um unser Peffachfest mit seinem Mazzoth in gehöriger Weise zu sichern. Darum gilt es, ohne Säumen an die Arbeit zu gehen. Doch darf *§ Heuer nicht Vorkommen, daß auf den Kopf in Deutschland sechsmal m eh r Mazzoth entfällt, als bei uns in Oesterreich. Muß Venn bei allem und jedem das Gesetz so beschaffen sein, daß es umgangen werden muß? Muffen wir'so wenig Mazzoth bekommen, daß man gezwungen ist, sich welche im Schleichhandel zu ergattern? Entweder, oder! Entweder man hält das jüdische Ritual, dann soll man auch Mazzoth in genügender Menge — allerdings in Kriegsration -^ erhalten, oder man hält nur Pessach um der guten Mazzoth willen. Dieses „Oder" darf es nicht geben. Vor allem müssen bei der Mazzothversorgung, ganz wie in Deutschland, nur diejenigen berücksichtigt werden, die tatsächlich rituell leben! (Nachweis: Bezug von Koscherfleisch), - ' Unser Mahnen soll nicht eher verklingen, bis wir durch eine sichere Erklärung des Wiener Rabbinats erfahren, daß die nötigen energischen Schritte unternommen werden! Wir harren der Erklärung. B. b. I. „Hakol Kol Jakob.. (Das ist die Stimme Jakobs). Bon N. L o t h r i n g e r. . Als einem Außenstehenden, dem es vielleicht weniger schwer fällt, ein streng objektives Urteil zu fällen, sei es mir gestattet, die in diesem. Blatte in letzter Zeit wiederholt erörterte Frage über die Stellung der Kantoren in'den jüdischen Gemeinden mit ' Nachstehenden Bemerkungen zu Ergänzen. . ' Zunächst sind die Herren Kantoren mit ihrem Titel „Kantor" (Sänger) rächt zufrieden und^ergehen sich in etymologischen Studien über die Entstehung dieses Wortes, was hier überflüssig zu sein scheint, weil diese nicht direkt zum erstrebten Ziele führest. Die Herren Kantoren, sollte man meinen, dürfen Zeit und Kraft für derartige Untersuchungen nicht vergeuden, welche eher zur Erkämpfung ihrer ihnen ungerechtfertigterweise vorenthaltenen Rechte verwendet werden sollten. Ein Name ist kein Teil, unseres Jchs, könnte man mit Shakespeares Julia sagen. Und doch haben die Herren Kantoren eine richtige Empfindung. Sie wollen einen Titel abstreifen, der ihnen wie ein falscher Ton im Ohr klingt. Er ist für ihr Amt zu profan. Er kam aus einer fremden Welt zu ihnen herüber. Ihre Empfindung ist ein idealer Zug ins Jüdische, ins Ursprüngliche, ein Impuls ihres ehrlichen Charakters und ihrer gesunden Logik, welche eine Abschüttelung der Galusblüten fylgerichtig fordern. Wie ehrlich! Wie charaktervoll! MänNer, welche das jüdische Volk in seinen intimsten Gefühlen vertreten, wollen einleüchtenderweise keine unjüdische Bezeichnung ihres Amtes führen. Auch der Name soll geehrt werden. L68ostm0 ken hu. Mag man e.s auch als einen Zug ins Mystische betrachten — auch das wäre nicht zu verachten. Mystik ist eben nach Schelling die Religion des Einzelnen, hervorgegangen aus der Sehnsucht nach dem Ursprünglichen. . Der Talmud, in dem man sehr viele, feine, tief-psycholbgische Bemerkungen findet, legt dem Namen eine ästhetischmoralische Bedeutung bei. Der berühmte Rabbi Mair, von dem die Weisen sagten, er heiße deshalb Mair, weil er die Augen der Weisen erleuchte („mair----leuchtet"), findet einen häßlichen Namen — weil er unangenehme störende Gefühle mnemotechnisch Hervorrust — als Grund zur Ehescheidung. Er pflegte überhaupt "auf den Klang des Namens Gewicht zu legen (änjok disoKmo). Es ist eine Gefühlsnote, und das Gefühl hat geheimnisvolle Kohäsionen abseits der Vernunst. Jedes jüdische Herz muß die Herren Kantoren bewundern, da sie dem echt jüdischen Namen Ehre mache» wollen, und ihnen zurufen: „hakol kol Jakob\ das ist die Stimme Jakobs. Der Name „Kantor" oder „Sänger" fft wirklich fremd, andachts- und weihelos. WaS ihre Klagen über chre Zurücksetzung, die Uebergehung im projektierten Gemeindestatute u. dergl. betrifft, so finde ich diese durchaus gerechtfertigt. Man hat ihnen den gehörigen Rang, die ihnen gebührende Würde nicht zugebilligt. Es fragt sich: Wie kann man denn so engherzig und ungerecht sein und Männer, welche die Lshrla ksäisvd» vor Gott vertreten, gleich den niedersten Kultusbeamten oder Dienern betrachten und behandeln? Schelicho schel orfom kemoto. Der Vertreter eines Menschen gilt wie er selbst. DaS will sagen, meinen die Komentatoren, daß der Vertretene seine Würde, seine Macht und seine Persönlichkeit auf den Vertreter übertrage. Im Vertreter wird der Vertretene geehrt. Man bedenke ehrlicher Weise noch einmal: Der Scheliach zibur, der Abgesandte der Gemeinde, der Vorbeter, der Baal tefila, vertritt „Keneset Israel" vor dem Mmächtigen, dem König aller Könige, und sollte nicht dementsprechend geehrt werden? Stach der Bibel war der erste Scheliach zibur Ahron Hakohen, der die Opferung besorgte und für das Volk betete. Wie groß war sein Rang, seine Würde! Welch eine Gloriole ruhte auf Lern Hohepriester und den Priestern! Die Scheliche Zibur sind doch Priester im engsten Sinne des Wortes auf Grund des Gebetspruches „mw-rchaln'o porim sefateuu“. Statt der Opfer spenden wir Gott Worte durch den Mund des Scheliach zibur. Die Herabsetzung oder Zurücksetzung dieses Standes ist ein Zeichen des Verfalles. Im Golus haben sich alle Verhältnisse verschoben. Das Oberste wurde zum Untersten gekehrt, . das Heilige entweiht. Alles geriet außer Rand und Band, jede Organisation wurde aufgelöst. Zur Rot wurden manche Funktionen improvisiert. Jeder Jude durfte ein Scheliach zibur, ein Baal tefila werden, ja er durste sogar rabbinische Funktionen ausüben, wie z. B. Ehen schließen u. dergl. Von moralischen und wissenschaftlichen Fähigkeiten wurde abgesehen. Diese Unsitte besteht jetzt noch bei den nicht reformierten Juden, die reformierten haben sie abgeftellt, indem sie nicht jede beliebige Person zum Betpulte zulaffen> sondern dazu bestellte geweihte Männer. Mit dieser Reform sollte auch kommen „atora lejoschno", das alte Prestige, die alte Würde und Weihe der Priester, welche die Opfer (lies Gebete) dem Ewigen ^vortragen. Sollten manche Kantoren bei ihren schönen Stimmitteln nicht die nötige geistige Bildung besitzen, so müßten eben zur Ausbildung solche Schulen analog den Lehrerseminarien geschaffen rverden, aber es geht nicht an, daß man über sie zur Tagesordnung übergeht, als müßte dieser Stand tiefer sinken und moralisch verkümmern, als brauchte ein Scheliach zibur, ein Abgesandter, ein Vertreter der Gemeinde, zu seinem Befähigungsnachweis nichts mehr als sein Organ und, wenn es gut geht, ein bißchen Lesen. Es erinnert mich dies an ein köstliches Wort Sketsches: „Sie werden von der Kunst bis zu Tränen gerührt, haben aber keinen Sinn für das wirkliche Bedürfnis der Wit- Menschen. Vom Sehen oder Hören der Kunst geblendet, verlieren sie das Auge für die Realitäten, die sie umgeben." Welch hochsittliche Bedeutung der Vorbeter besitzt, möge folgende tiefsinnige, wenn auch kabbalistisch anmutende Erzählung im Talmud lehren und das Interesse der maßgebenden Faktoren für die Scheliche zibur wecken: Rabbi Chanina ban Dossa pflegte nach dem Gebete für die Genesung eines Kranken immer zu verkünden, ob der Kranke genesen oder sterben würde. Bestagt über die Ursache seiner wunderbaren Divination, erwiderte er: „Wenn mir das Gebet glatt und ungestört von den Lippen fließt, dann weiß ich, daß der Kranke genese, widrigenfalls weiß ich, daß er sterbe." Die geistreichen Erklärer wollen auch die Ursache dieser Ursache (Leibnitz sagt: „Das Warum des Warums") gefunden haben, indem sie sagen: „Wenn auf dem Beter die'

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