Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1869
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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— 22 — nicht; in der jüdischen Geschichte — man mag es gerne sagen oder nicht — endigt das Mittelalter nicht mit Luther und der Reformation, sondern erst mit der französischen Revolution und Napoleon. Wer wird es den Juden verdenken, daß sie Napoleon mit Cyrus verglichen, der ihre Vorfahren aus dem Elend der babylonischen Gefangenschast erlöste, und daß sie hier in Frankfurt dem Vasallen Napoleons, der gleich bei seinem Eintritt in die Stadt ihnen Achtung und Menschenrechte verhieß, freudig begrüßten!^) Wir haben schon der neuen jüdischen Gesellschaft erwähnt, die sich hier im Jahre 1806 zur Verbreitung von Bildung unter den Juden und um diese für die Wohlthaten der neuen Regierung empfänglicher zu machen, gebildet hatte. Ihre Mitglieder zählten bald nach Hunderten. Bald hatte diese Gesellschaft auch ihre Vertreter im Gemeinde-Vorstande, ja das Haupt derselben, der schon genannte Jacob Süßkind Stern wurde seit 1808 die Seele des Gemeinde-Vorstandes. Stern war ein vielseitig gebildeter Mann, der mit wahrem Enthusiasmus Alles ergriff und förderte, was ihm zur geistigen und sittlichen Erhebung seiner Glaubensgenossen förderlich schien. Schon im Jahre 1800 war er bemüht, in der hiesigen Gemeinde eine auf moderne Bildung zielende Schule zu gründen. Der Plan scheiterte an dem Widerstande derjenigen, die darin eine gefährliche Neuerung sahen. — Als Napoleon das große Sunedrium nach Paris berief, glaubte Stern die Verwirklichung seiner kühnsten Hoffnungen nahe. Er war es, der den Erlaß einer Adresse an das Svnedrium anregte und dermit zwei andern Gemeindemitgliedern ^) nach Paris reiste, um dieselbe persönlich dem Svnedrium zu überreichen. In dem Gemeinde-Vorstande, dessen 12 Mitglieder nach einer neuen Organisation in drei. Sectionen getheilt waren, deren eine die Finanzen, die andere die Polizeiangelegenheiten, die dritte das Schulwesen zu besorgen hatte, gehörte er der Schulsection an, deren Errichtung, wenn wir nicht irren, sein Verdienst ist. Er arbeitete den Plan zu einer großen „Lehr- und Bildungsanstalt für Knaben und Mädchen" aus. Die Knaben sollten in dieser Schule „je nach ihrer künstigen Bestimmung, d. h. als Kaufleute, Handwerker, Fabrikanten und Feldbauer unterrichtet werden", das Schulgeld sollte möglichst gering angesetzt werden ^), die armen Kinder sollten unentgeltlich Unterricht genießen, dagegen sollte ein Schulfond gebildet werden, aus dem die Gemeinde das zu ersetzen hatte, was das Schulgeld nicht aufbrachte. Die Schulsection überreichte diesen Plan der fürstlichen General-Commission, bat um dessen Genehmigung und um die Erlaubniß: 1) die Schule Karlsschule nennen zu dürfen, und 2) um freie Ausübung alles in dieser Schule Erlernten sür die Zöglinge derselben. Der sehr detaillirte Plan war gut gemeint, aber er hatte etwas Phantastisches, er war, wie er vorlag, nicht ausführbar^). Die General-Commission unterbreitete ihn dem Fürsten Primas!) Um anzudeuten, wie es vor der Primatischen Zeit mit der Stellung der Juden hier beschaffen war, führe ich nur Folgendes an: Die Stadt-Canzley machte am 29. September 1806 bekannt: Nachdem hinfüro sowohl der Judenschaft, als jeglichem, der sich keines Unfuges zu Schulden kommen lasset, die öffentlichen Promenaden auf dem Glacis und in der Stadt offen stehen; so wird solches andurch nachrichtlich Mannt gemacht. — In dem fürstlichen Erlaß vom 10. October 1606, §. 6 heißt es: „Die Mitglieder der jüdischen Nation werden gegen Beleidigung und beschimpfende Handlung in Schutz genommen." -) Justus Hiller und B. Adler. ») Das Maximum für Kinder von 4—8 Jahren nicht über 25—30 fl., von 3—12 Jahren 40-45 sl., Von 12—15 Jahren 50 fl. 4) Davon kann sich jeder leicht überzeugen, der auch nur den Auszug, der in Sulamith 1809 N, 346 bis 354 mitgetheilt ist, liest.