Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1869
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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— 9 — Die Seele des ganzen Unternehmens war Siegmund Geisenheimer: er ist der Gründer unserer Schule. Zu Bingen am 14. November 1774 geboren, hatte er, 13 Jahre alt, sein väterliches Haus verlassen. Vermuthlich war er Hieher gekommen, um sich im Talmudstudium, in welches er, nach der Sitte der Zeit, als Knabe eingeführt worden war, zu vervollkommnen. Aber wer kennt nicht die Wandlungen, die damals in den Neigungen und Bildungsbedürfnissen wißbegieriger jüdischer Jünglinge durch die Lectüre etwa der Mendelsso hn'schen Schriften und die dadurch vermittelte Bekanntschaft mit der deutschen Literatur hervorgebracht wurden! Bei edleren Naturen zeigte sich dann — das kann man durchweg bemerken — als die schönste Frucht der spät, mühsam und autodidactisch gewonnenen Bildung ein erhöhtes Mitgefühl für ihre in der Bildung zurückgebliebenen, in ihren Menschenrechten verkürzten Glaubensgenossen, ein eifriges Bemühen, dieselben zu erheben, sie geistig und sittlich zu fördern und vor Allem, der heranwachsenden Jugend die ihnen selbst vorenthaltene Wohlthat eines umfassenden, geregelten Schulunterrichts zu gewähren. So war es bei Geisenheim er. Mit unermüdetem Fleiß arbeitete er an seiner Ausbildung; Hütte er seiner Neigung folgen dürfen, so hätte er sich den Studien gewidmet. „Da ich", so schreibt er selbst, „dermalen leider keinen andern Weg sah, so suchte ich in den kaufmännischen Wissenschaften mich auszubilden." Er erlernte die französische, englische, italienische und spanische Sprache sowie die Buchhaltung, wurde 1795 erster Buchhalter in der damaligen Waarenhandlung Mayer Amschel Rothschild; mit seinen innersten Neigungen aber gehörte er den damals gerade in der hiesigen Gemeinde mächtig sich regenden Culturbestrebungen an. „Obgleich", erzahlt er, „mein Geschäftsberuf im Rothschild'schen Hause mannigfach war, so hielt mich derselbe dennoch nicht ab, nach müde durcharbeiteten Tagen die nächtlichen Stunden zum Wohl meiner Mitbrüder und zur Beförderung ihrer Cultur zu verwenden." Dem Erziehungswesen der hiesigen jüdischen Gemeinde, widmete er früh ein besonderes Interesses. Da geschah es, daß Rothschild ihm einst — es war wohl gegen Ende des Jahres 1803 — einen armen Knaben, den er durch Marburg reisend, dort bemerkt und Hieher gebracht hatte, zuführte und ihm, wie erzählt wird, mit den Worten übergab: „Nehmet Euch dieses Knaben an, er lernt ebenso gern, wie Ihr lehrt;' seht zu, was Ihr aus ihm macht!" Es war eben jener Moses Weintraub, für den Geisenheimer dann eine Subscrivtion eröffnete, deren Ertrag ihn auf den Gedanken brachte, sich auch anderer armer Kinder anzunehmen und im Verein mit Gleichgesinnten ein Philanthropin zu gründen. Zunächst wurden außer dem erwähnten Knaben noch zwei hiesige arme Kinder von 10 und 11 Jahren aufgenommen und in die unter dem Magister Klitsch er stehende, eben begründete Bürgerschule (Musterschule) geschickt. Außerdem wurde eine Stube ^) gemiethet und mit den nöthigen Utensilien als Schulzimmer eingerichtet und ein jüdischer Lehrer, Meyer Lambert aus Metz, angestellt. Dieser sollte die Kinder täglich von 6—8 Uhr Abends im Hebräischen, vorzugsweise in der Bibel mit „Mendelssohnischer Übersetzung", sowie in „hebräischer Sprachlehre und Orthographie unterrichten, auf ihr moralisches Betragen ein wachsames Auge halten, an Fest- und Feiertägen kleine unterhaltende Spaziergänge mit ihnen vornehmen, überhaupt darauf bedacht sein, 1) Aus einem Briefe Geisenheimers an den Fürsten Primas und einem Zeugniß des Herrn von Günd errode. Beides im hiesigen Stadt-Archiv. 2) Wollgraben 14, im Spritzenhaus. Baerwald, Zur Geschichte der Realschule. 2