Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1869
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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— 5 — Die Juden aber waren für die Anregungen, die sie auf diese Weise erhielten, sehr empfänglich. Gemeinhin hat man eine zu geringe Vorstellung von dem Bildungsgrade der Juden in der vormendelssohn'schen Zeit und wie ein Wunder staunt man es deßhalb an, daß sie, eben noch Barbaren, bald im Leben und in der Wissenschaft ihren christlichen Brüdern ebenbürtig sich an die Seite stellen. Man vergißt, daß Studium, geistige Thätigkeit bei den Juden niemals aufgehört haben. Seine Kinder zu unterrichten oder unterrichten zu lassen, war bei den Juden immer eine religiöse Pflicht, der sich kein Vater entzog. In allen, selbst in den kleinsten jüdischen Gemeinden gab es darum von jeher Schulen für Kinder, und in den größeren Gemeinden fehlte es nicht an Talmudschulen für die reifere Jugend, an Lehrhäusern, die allen Wißbegierigen geöffnet waren, und in welchen man eine Bibliothek zu freier Benutzung vorfand. Daher kommt es, daß selbst in den für die Juden so schrecklichen Zeiten des Mittelalters, während es mächtige Könige und Bischöfe gab, die des Lesens und Schreibens unkundig waren, und die Geistlichen oft das zum Gottesdienst Erforderliche nicht lesen konnten, es selten einen jüdischen Knaben gegeben hat, der nicht hätte lesen können, der sich nicht gewisse Abschnitte aus dem Pentateuch, den Psalmen, den Propheten zu eigen gemacht hätte Gelehrsamkeit brachte bei ihnen Ehre und Ansehen, unwissend zu sein und genannt zu werden, galt für schimpflich. Freilich war alle Bildung eine einseitige, ausschließlich im Judenthum hatte sie ihren Mittelpunkt 2), aber das Fundament, worauf sie ruhte, war eben doch kein geringeres als die Bibel und, worauf es hier ankommt: es war durch diese Erziehungsweise den Juden von jeher ein unvergleichlicher Lerneifer und eine Gewöhnung an geistige Thätigkeit anerzogen, die, auf ein anderes Gebiet des Wissens hinüber geleitet, nothwendig überraschende Erfolge herbeiführen mußten. So sehen wir denn schon seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts aller Orten in Deutschland, zumal in Berlin, unter den Juden Männer von hervorragender Bildung Hier in Frankfurt genoßen u. A. Jacob Süßkind Stern, ferner die jüdischen Aerzte vr. Goldschmidt^), ein Schüler Kant's und vr. Seligmann Joseph Oppenheims und der Mathematiker Abraham Crailsheims hohes Ansehen. Der Letztere zählte nicht bloß wißbegierige Offiziere zu seinen Schülern, sondern hielt unter Anderen auch dem Professor am hiesigen Gymnasium Herling und Carl Ritter privatim Vorlesungen über Mathematik und mathematische Geographie. Man fing an, die Knaben in's Gymnasium oder in andere christliche Schulen zu schicken. Wohlhabende 1) S. Raumer, Geschichte der Hohenstaufen, 3. Aufl., VI., 185 und 330 und Zunz, Zur Geschichte und Literatur I., 169 und ff. und 177. — Welche Fülle erhabener Gedanken prägte sich dem Kinde nicht schon durch den reichen Inhalt der täglichen Gebete ein! 2) Vergleiche über Alles die gründliche und sehr lehrreiche Darstellung bei Zunz 1. e. 157—213. Den Verächtern des Judenthums, und dazu gehören nur solche, die es nicht kennen, empfehle ich unter Anderem die in demselben Buche S. 122—157 enthaltene Abhandlung über die jüdischen Sittenlehrer im Mittelalter. ») Es ist nicht nöthig. Alle' auszuzählen, ich erinnere nur an Marcus Herz, David Friedländer, an die Herausgeber und Mitarbeiter der Zeitschrift „der Sammler" und an Lazarus Bendavid. 4) Geb. 1761 zu Bayersdorf im Culmbachischen, ließ sich hier 1792 als Arzt nieder, war Arzt am israelitischen Krankenhause, übergab 1801 dem hiesigen Senat seine Schrift: Allgemeine Uebersicht der Geschichte der Kuhpocken, starb 1835. s) Geb. 1766, gest. 1817. Ueber ihn Näheres in: S. I. Oppenheim. Ein Denkmal der freundlichsten Erinnerung von Karl Wenzel und Salomon Stiebel. Franks, a. M. 1618. «) Geb. 1759, gest. 1840. Er ist der Vater des Stadtphysikus und Schulrathsmitgliedes vr. Alexander Crailsheim.