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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-03-01 · 7 (3.1933) · p. Seite 178

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
7 (3.1933)
Date
1933-03-01
Page
Seite 178 (sequence 24)
Language
German
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Seite 178 sehen Mittelstandes fernhält. (S. 11.) Soweit es sich um die ausgesprochene politische Betätigung von Juden handelt, hat Lestschinsky damit gewiß recht. Es handelt sich dabei aber in Wirklichkeit nur um eine von außen aufgezwungene Verhinderung der Eingliederung des jüdischen Mittelstandes .in eine sozialreaktionäre Front: die antisemitische Haltung weitester Gruppen des deutschen Mittelstandes hindert die Juden daran, in seinen Reihen offen für politische Ziele zu kämpfen, deren sozialen Inhalt sie im Grunde ihres Herzens bejahen. Dieser innere Zwiespalt zahlreicher jüdischer Mittelstands-Angehöriger wird dort offenbar, wo diese unter dem Mantel apolitischer „rein wirtschaftlicher" Forderungen die gleichen sozialen Bestrebungen vertreten können, wie es auch die antisemitischen, auf dem Mittelstand aufgebauten politischen Gruppen tun. Auf dem Boden wirtschaftlicher Verbände des Mittelstandes erheben zahlreiche Juden Forderungen, deren Inhalt sachlich mit den wirtschaftspolitischen Zielen jener reaktionären Gruppen sich deckt; ja man geht von jüdischer Seite aus so weit, als besonders lauter Rufer im Streit um diese Forderungen aufzutreten. Im Rahmen dieser Wirtschaf tsverbände scheut man sich auch keineswegs, Hand in Hand mit erklärten Antisemiten bestimmte Wirtschaftsforderungen zu vertreten. Das Motiv, das zalilreiche Juden zu einer derartigen wirtschafts- und sozialpolitisclien Haltung veranlaßt, ist in der Regel der Gedanke, durch Verwirklichung eines Mittelstandsprogrammes auch aus den ganz privaten ökonomischen Sorgen heraus zugelangen. Man faßt die eigenen wirtschaftlichen Nöte als ein privates Schicksal auf, das höchstens in dem Sinne kollektiv erklärbar ist. als es sich in der gleichen Richtung um die Nöte des gesamten deutschen Mittelstandes bewegt. Mit deren Beseitigung muß also — so hofft man — auch die persönliche Sorgenlast schwinden. Man denkt dabei nicht daran — oder schätzt diesen Faktor dort als wenig erheblich ein —, daß die privaten Sorgen jüdischer Mittelständler wesentlich durch die Tatsache des Judeseins verursacht sind bzw. auch dann bestehen bleiben oder in neuartiger Form wieder auftreten müssen, wenn das allgemeine Mittelstandsprogramm zu 100% realisiert ist. Noch weniger denken diese jüdischen Kreise natürlich daran, daß es für sie so etwas wie Aufgaben wirtschaftspolitischer Art im Sinne der jüdischen Gesamtheit und eine Rücksichtnahme auf die Interessen dieser Gesamtheit geben könne. Diese Haltung von Juden in unserer Zeit geht dennoch von einer Identifikation der Lage der einzelnen jüdischen Gruppen mit derjenigen der Gesamtbevölkerung aus. Auch Lestschinsky stützt in gewissem Sinne diese These, deren Gefährlichkeit noch zu zeigen sein wird, indem er immer wieder auf die fortschreitende soziale Differenzierung des deutschen Judentums im Sinne einer Angledchung an den Aufbau des ganzen deutschen Volkes oder wenigstens der großstädtischen Bevölkerung hinweist, (z. B. S. 112.) Gewiß ist diese Darstellung rein formal gesehen richtig. Sie besagt aber noch gar nichts darüber, welche Aussichten für die zukünftige Entwicklung, insbesondere unter dem Einfluß der Gesetzgebung die jüdischen sozialen Gruppen im Vergleich mit den entsprechenden allgemeinen deutschen besitzen. Wenn z. B. die Juden in der Elektrotechnik eine wachsende Bedeutung erlangt haben, so kann diese Bedeutung sehr bald zu einer Gefahrenquelle werden, wenn etwa der Staat auf diesen starkkonzentrierten Industriezweig einen stärkeren Einfluß nimmt und politische (d. h. antisemitische) Motive bei der Stellenbesetzung ausschlaggebend werden. Für die nichtjüdische Bevölkerung besteht eine derartige Gefahr naturgemäß nicht. Es geht daher nicht an, .wie es Lestschinsky teilweise tut, einfach unter statistischen Gesichtspunkten bestimmte Entwicklungen im deutschen Judentum mit allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Tendenzen gleichzusetzen. In diesem Sinne hat die erwähnte wirtschaftspolitische Stellungnahme mittelständischer Juden auch eine ganz andere Bedeutung, als die gleiche Stellungnahme seitens der mit ihnen „verbündeten" Nichtjuden. Sie muß dazu führen, daß der Lebensraum des deutschen Judentums und auch seines Mittelstandes weiter eingeengt wird, während dies bei dem deutschen Mittelstand selbst gerade umgekehrt liegt. Wenn z. B. zahlreiche kleine und mittlere jüdische Einzelhändler dafür eingetreten sind, daß die Neueröffnung von Einheitspreisgeschäften untersagt wurde, so haben sie damit eine allgemeine Forderung des Mittelstandes im Einzelhandel unterstützt. Ebenso verhält es sich mit den heute aktuellen Forderungen auf Eröffnungssperren für Warenhäuser, Filialbetriebe oder gar neue Einzelhandelsgeschäfte überhaupt, auf scharfe Besteuerung von Großbetrieben des Einzelhandels zum Zwecke ihrer Niederkonkurrierung, auf Einführung von Befähigungsnachweisen im Einzelhandel usw. Alle diese zünftlerischen Maßnahmen erleichtern zwar im Augenblick auch den jüdischen Geschäftsleuten den Konkurrenzkampf. Sie nehmen aber auf der anderen Seite zahlreichen jüdischen Unternehmen mit Angestellten die Lebensmöglichkeit und zwar gerade auf Wirtschaftsgebieten, die bisher antisemitisch relativ wenig durchsetzt waren. Dazu kommt, daß sie dem Staat ein weitgehendes Kontrollrecht über die Wirtschaft zugestehen, das naturgemäß in jedem Augenblick im Wege der Verwaltungspraxis zu einer Gefahr für alle in dem betreffenden Zweig tätigen Juden werden kann — auch für die heutigen jüdischen Befürworter dieser Maßnahmen! Es offenbart sich aber hier eine Kurzsichtigkeit, die nur von dem Vorteil des Tages ausgeht und keinerlei Blick für jüdische Gesamtzusammenhänge hat. In ganz ähnlicher Weise sind die Vorgänge in manchen freien Berufen zu beurteilen, z. B. in der Rechtsanwaltschaft. Der Ruf nach dem Numerus clausus, der nicht zuletzt auch von jüdischen Anwälten erhoben wird, stellt eine schwere Gefahr in dem oben angedeuteten Sinne dar. Nun ist nicht zu verkennen, daß die Entwicklung unseres gesamten sozial-wirtschaftlichen Lebens in der Richtung verläuft, die von zünftlerischen und sonstigen Normierungen eine Besserung der Verhältnisse erwartet. Damit gewinnt der Einfluß des Staates und der übrigen öffentlichen Instanzen in der Wirtschaft immer größere Bedeutung. Es ist Sache der Juden, diese Entwicklung mit ihren großen Gefahren für den Bestand des deutschen Judentums nicht nocli ihrerseits zu fördern, sondern ihren Einfluß im Sinne einer Retardierung einzusetzen. Das bedeutet gewiß aber oft, gegen den „Zeitgeist" auf internationalem Gebiet aufzutreten, in dem Wirtschaftsverbande auf billigen Ruhm zu verzichten, auch nicht die — trügerische! — Freundschaft erklärter Antisemiten zu erlangen und gelegentlich gegen scheinbare private Vorteile zu verstoßen. Eine solche Haltungerfordert allerdings Einsicht in die wirklichen Zusammenhänge und mehr als dies: Sie verlangt, daß der einzelne sich in das kollektive jüdische Schicksal eingebettet empfindet, daß er für dieses Verantwortung zu tragen glaubt und demnach auch wirtschaftspolitisch handelt. Das aber bedeutet auch auf diesem Gebiet ein Ueberwinden aller inneren, im Individuum liegender Bestrebungen, die auf ein Untertauchen des einzelnen Juden in der hier sozial gefärbten Allgemeinheit hinzielen. Aus diesem Grande kann es ein im jüdischen Sinne zweckmäßiges wirtschaftspolitisches Handeln nur dann geben, wenn in den deutschen Juden diese Hinwendung zu ihrem Judesein erfolgt ist, d. h. wenn ihr Bewußtsein durch einen „revolutionären" Akt von Grund aus umgestaltet wurde. Dies zu erreichen, ist eine Aufgabe unserer Zeit, nicht zuletzt der jungen, ins Wirtschaftsleben erst eintretenden Generation. Kurt Löwenstein Wirtschaftliche Situation — geistige Situation Es mag absurd erscheinen, sich in diesen Tagen politischer Hocli Spannung und größter wirtschaftlicher Not mit Problemen des Denkerischen zu befassen. Wie notwendig aber gerade in der heutigen Zeit eine klare Fixierung des Geistigen im menschlischen Leben ist, das sollen die folgenden Ausführungen aufzeigen. Immer mehr bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß die Wirtschaft das ganze Leben des Menschen im wesentlichen bestimmt. „Wirtschaft" ist aber nicht ein Ding an sich, sie setzt sich vielmehr aus der Gesamtheit aller Produktionsverhältnisse zusammen und fixiert damit die ökonomische Struktur der Gesellschaft. Wir können also folgerichtig ableiten, daß die jeweiligen Produktionsverhältnisse, also auf die heutige Zeit angewandt, die Produktionsverhältnisse der kapitalistischen Gesellschaft das übrige Leben beeinflussen, nämlich die politischen, und die geistigen Erscheinungen, die Rechtsverhältnisse usw. ..Das gesellschaftliche Sein des Menschen bestimmt sein Bewußtsein." (Marx.) Wollen wir uns also mit der geistigen Situation im deutschen Judentum befassen, so haben wir uns zunächst mit der wirtschaftlichen Lage zu befassen; im Rahmen dieser Betrachtungen ist das nur stichwortartig möglich. Die verhältnismäßig günstige Wirtschaftslage der deutschen Juden vor dem Krieg hat einer weitgehenden Verarmung Platz gemacht. Die allgemeine Krise hat natürlich vor den Juden nicht Halt gemacht, ja sie ist bei ihnen sogar stärker in Erscheinung getreten, welche Tatsache durch die besondere ökonomische Struktur bedingt ist. Man kennzeichnet die Lage der deutschen Juden gewöhnlich mit Deklassierung, Pauperisierung, Proletarisierung. Die Pauperisierung hat bestimmt einen sehr großen Teil deut-

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