Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 7 (3.1933)
- Date
- 1933-03-01
- Page
- Seite 177 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 177 kam früher aus der großen Zahl der Angestellten; hier treffen wir auf eine Erscheinung, die ein spezifisch jüdisches Moment zeigt. Während bei dem nichtjüdischen Angestellten der Wunsch nach Sicherung der Stellung sein Handeln bestimmt, ist bei dem Juden überwiegend der Wille zur Selbständigkeit vorhanden. Während in normalen Zeiten durch Thesaurierung des Kapitals es möglich war, daß Eltern ihren Kindern zur Selbständigkeit verhalfen, weiter auch durch Heirat oder Einheirat der Uebergang vom Arbeitnehmer zum Arbeitgeber erfolgte, ist es heute faktisch ganz ausgeschlossen, ein Geschäft oder einen Betrieb zu eröffnen, da ausgesprochener Kapitalmangel vorhanden ist. So verständlich der Wunsch nach Selbständigkeit ist, so bedauerlich ist in der jetzigen Zeit seine Auswirkung. Die Kinder des jüdischen Mittelstandes haben vielfach das elterliche Vorbild vor Augen und betrachten die Selbständigkeit als wünschenswertes Ziel, in völliger Verkennung der jetzigen Wirtschaftssituation. Aber nicht nur die Kinder verkennen es, sondern auch die Eltern, die zwar die Schrumpfung ihres Kapitals zugeben, aber immer noch glauben, daß ein Neuaufbau möglich sei. Die Tatsache der Konz emier ung, der Monopolisierung und des Staatskapitalismus ist unserem jüdischen Mittelstand bekannt, er weiß auch, daß diese Faktoren zur Verschlechterung seiner Situation beigetragen haben, aber daß aus dieser Erkenntnis Konsequenzen für die Jugend zu ziehen sind, das weiß er nur in den wenigsten Fällen. Daher ergibt sich auch die noch immer nicht nennenswerte abnehmende Menge der jüdischen Angestellten. M. E. steht zahlenmäßig an erster Stelle der Verkäufer, dann der Bankangestellte, dann der Büro- und zuletzt der technische Angestellte. Das Aufsaugon der kleinen Geschäfte durch die Kaufhäuser und das Ausschalten des Zwischenhandels warf eine große Anzahl Angestellter aus dem Produktionsprozeß. Besonders empfindlich wurden die Juden getroffen, da sie in diesen Berufen anteilmäßig hoch vertreten waren. Die geringe Zahl der jüdischen technischen Angestellten konnte, soweit sie nicht für den Arbeitsmarkt als überaltert galt, untergebracht werden, zeitweilig mußte sogar ein Mangel an technischen Angestellten verschiedener Branchen von den Arbeitsnachweisen registiert werden. Eine Teilerklärung für diesen Mangel ist die Feststellung, daß der Beruf des technischen Angestellten mit körperlichen Anstrengungen und oft auch mit Schmutz verbunden ist. Das Bestreben der Berufsberatung geht dahin, die Zahl der jüdischen Angestellten zu vermindern und sie anderen Berufen zuzuführen, damit bei der heutigen Wirtschaftsordnung die Pauperisierung nicht stabilisiert wird. Das Aufsteigen in der Gesellschaft veranlaßte vielfach den Besuch der Universität. Als ausschlaggebendes Moment dürfte aber der traditionelle Wille ,:des Lernens" gewertet werden. In der Nachkriegszeit brachte das Berechtigungsunwesen, sowie die Unklarheit der Wirtschaft eine Reihe von Menschen auf die Hochschulen; die Juden, die in manchen Berufen nicht unterkommen könnten und bei einer Reihe weiterer Berufe nur durch Höchstqualifikation, nahmen das kostspielige und langdauernde Hochschulstudium auf sich, in Erwartung der Sicherung ihrer künftigen Existenz. Wenn heute bei der allgemeinen Ueberfüllung sich starke Hoffnungslosigkeit für unsere Jungakademiker bemerkbar macht, so trifft dies leider in besonderem Maße auf die jüdischen Akademiker zu, die zu einer Großzahl der akademischen Berufe keinen Zugang haben werden, weil sie Juden sind. Gerade die Schichten, die den jüdischen Mittelstand stellten, sind durch die veränderte Wirtschaft in stärkste Mitleidenschaft gezogen; das beste Bild darüber geben die vergleichenden iZahlen der Steuern jüdischer Gemeinden in der Vor- und Nachkriegszeit. Der traditionelle Familienzusammenhang litt unter dieser Verarmung; die Inanspruchnahme öffentlicher und privater Fürsorgestellen nahm ein nie gekanntes Ausmaß an, und die jüdischen Stellen sind größtenteils nicht in der Lage, den Anforderungen gerecht zu werden, da erklärlicherweise die Zuwendungen immer geringer werden. Am meisten wehrt sich der Kaufmann und auch der Angestellte gegen das soziale Herabgleiten, er versucht einen Schein zu wahren, der nicht dem Sein entspricht. Auch der Einzelne, der sich heute noch erhalten kann, erkennt zwar das Massenschicksal des deutschen Judentums an, glaubt aber vielfach noch eine Insel gefunden zu haben, die ihm persönlich sicheren Stand gewährt. Nicht identisch mit der Pauperisierung ist die Proletarisierung, da nur eine dünne Schicht die Verbindung der Wirtschaft mit der Politik anerkennt. Wenn heute die jüdische Berufsberatung das Hauptgewicht auf manuelle Berufe legt, so deshalb, weil das jüdische Handwerk zahlenmäßig sehr schwach in Erscheinung tritt, und weil auch wir erwarten, daß eine tüchtige handwerkliche Ausbildung, verbunden mit geschäftlichem Sinn, zur Aufrichtung eines jüdischen Mittelstandes führen kann. Der jüdische Berufsberater hat die doppelt schwere Aufgabe, einmal in der besonders schwierigen bestehenden Wirtschaftssituation zu beraten und zweitens die jüdische Sondersituation mit ihren Komplikationen zu würdigen und zu berücksichtigen. Berufsumschichtung ist ein Programmwort geworden. Es wird vergessen, daß der Sinn dieses Wortes erst innerhalb einer Generation praktisch Bedeutung erlangen kann. Der Berufsberater, soweit man ihn überhaupt befragt, kann Erkenntnisse vermitteln, ohne aber mit der Vermittlung der Erkenntnis die richtige Prognose auszusprechen. Das können erst Nachkommende beurteilen. Es ist kein Wunder, daß sowohl Lestschinsky als auch Alfred Markus, Dr. M. Kreuzberger als auch S. Adler-Rudel sich scheuen, aus dem Wissen um die Dinge Thesen für die Zukunft aufzustellen. Denn diese Thesen würden von jedem Ernstdenkenden als Hypothesen angesehen werden. Erst recht kann es nicht Aufgabe des jüdischen Berufsberaters sein, Zukunftsaussichten in engster Formulierung zu geben. Es fehlt in der jüdischen Berufsberatung an der Erfahrung, denn 10 Jahre Bestehen des Jüdischen Arbeitsnachweises Berlin mit der Abteilung Berufsberatung und sogar 40 Jahre Bestehen dea Arbeitsnachweises Frankfurt, dessen Berufsberatung im nächsten Jahre ebenfalls auf eine 10jährige Vergangenheit zurückblicken kann, geben nicht genügend Material. Aber auch dieses wenige Material konnte noch nicht nach den Forderungen der Wissenschaft verarbeitet werden. Es kommt hinzu, daß die jüdische Berufsberatung in Deutschland nur wenige Exponenten hat und überhaupt erst bemüht ist, Fuß zu fassen. Was ergibt sich nun für die Zukunft? Aus dem Zusammenbrechen der Schicht der Angestellten, Kaufleute und Händler ergibt sich, daß künftighin die Berufswahl eine stärkere sein muß, daß unter Berücksichtigung der Konzernierung die Selbständigmaehung fast unmöglich wird und die Vermittlertätigkeit sich auf ein Minimum reduziert. Es ergibt sich weiter, daß mit besonderer Sorgfalt die Unterbringung des technischen Kaufmanns zu registrieren und dementsprechend zu verwerten ist. Um den ungelernten Arbeiter nicht in die Schicht des „Luftmenschen" oder Asozialen abgleiten zu lassen, bedarf es der Ausbildung in manuellen Berufen. Die von verschiedenen Seiten gewünschte Umschichtung nach dem Handwerk hin ist auch deshalb zu befürworten, weil in dem Augenblick der eines Tages wieder einsetzenden natürlichen Wanderung der in Deutschland gut ausgebildete Handwerker Aussicht hat, Arbeitsplätze im Ausland zu belegen. Auch bei dem Akademiker werden die bisher bevorzugten Berufe des Juristen und Mediziners zurückweichen und die kleinere Zahl der künftighin Studierenden wird erwägen müssen, inwieweit sie für den Besuch von technischen und landwirtschaftlichen Hochschulen geeignet ist. Wichtig ist. daß die Jüdische Berufsberatung in Deutschland nach großen einheitlichen Gesichtspunkten arbeitet. Dazu fehlt es aber noch an der Zentralstelle und an den ausführenden Organen. Auch die politische Zersplitterung wirkt u. a. hemmend, da die Jüdische Berufsberatung niemals die von einem gewissen Kreis verfolgte Tendenz der Abwanderung der Juden in die Landwirtschaft billigen kann. Aufgabe der Jugend ist es, die vorhandenen Berufsberatungsstellen zu stützen und mit ihnen in einem Arbeitskreis von Fall zu Fall zu beraten, inwieweit die wirtschaftlichen und sozialen Momente, verbunden mit der persönlichen Eignung zur richtigen Berufswahl führen können. Alex Benjamin Privates und kollektives Schicksal Probleme jüdischer Wirtschaftspolitik Bei einer Betrachtung der Veränderungen in der allgemeinen wirtschaftlichen Lage Deutschlands und der damit verbundenen sozialen Wandlungen in ihrer Wirkung auf das deutsche Judentum taucht die für uns entscheidend wichtige Frage auf, wie die Juden selbst wirtschaftspolitisch reagieren. Von dieser Reaktion hängt ja zu einem gewissen — wenn auch nicht zu überschätzendem — Teil die Gestaltung unseres Lebens in Deutschland ab. Mit Recht geht daher Jakob Lestschinsky in seiner Schrift über das wirtschaftliehe Schicksal des deutschen Judentums auch auf dieses Problem ein. Er vertritt dabei die Ansicht, daß der jüdische Mittelstand — die wichtigste Gruppe des deutschen Judentums — sich von den Bestrebungen des wirtschaftlich und sozial mit ihm verschvisterten nichtjüdi-