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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-03-01 · 7 (3.1933) · p. Seite 179

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
7 (3.1933)
Date
1933-03-01
Page
Seite 179 (sequence 25)
Language
German
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Seite 179 scher Juden erfaßt, sind doch allein in der Wirtschaftskarthotek der Jüdischen Gemeinde in Berlin ca. 40 000 Hilfsbedürftige vermerkt. Die Deklassierung der deutschen Juden hat ihren Anfang bereits in der Blütezeit des 19. Jahrhunderts genommen und verstärkte sich, je mehr an Stelle der kleineren Betriebe Großkonzerne in ihrer verschiedenen Form traten. Es ist der Weg des Selbständigen zum Angestellten, womit aber nicht immer eine materielle Verschlechterung verbunden gewesen •ist. Heute sind weit über die Hälfte der deutschen Juden Lohn¬ bzw. Gehaltsempfänger. Nach der klassenmäßigen Scheidung stehen sich im deutschen Judentum eine zahlenmäßig geringe Schicht von Arbeitern und "eine nicht größere Zahl Mitglieder der Groß-Bourgeoisie gegenüber. Der größte Teil aber der erwerbstätigen Juden in Deutschland gehört den Zwischenschichten an: mittlere und kleine Unternehmer. Akademiker, Angestellte. Nicht zu übersehen ist in diesem Zusammenhang die ungeheure Zahl reiner Luftexistenzen in der deutschen Judenheit, entstanden durch absoluten Zusammenbruch eines großen Teils des Mittelstandes. Die Berufsskala der deutschen Juden nähert, sich langsam derjenigen der übrigen Bevölkerung, ohne jedoch auch klassenmäßig den gleichen Aufbau zu zeigen. In diesem Zusammenhang ist nun die Frage wichtig: Gehören die Angestellten zum Proletariat'? Die Zahl der jüdischen Angestellten dürfte nämlich viermal so groß sein wie die der jüdischen Arbeiter, während die gesamte Arbeiterschaft Deutschlands viermal so groß ist wie die Zahl der Angestellten. Die Lage der Angestellten unterscheidet sich grundsätzlich nicht wesentlich von der des Arbeiters: der Angestellte kann genau wie der Arbeiter nur vom Verkauf seiner Arbeitskraft leben. Seinem ökonomischen Sein nach gehört der Angestellte zum Proletariat. Ein großer Teil der Angestelltenscbaft dünkt sich aber noch als etwas besseres als der Arbeiter und fühlt sich geistig und gesellschaftlich dem. Bürgertum zugehörig. Die Verschlechterung der ökonomischen Situation müßte aber eine Veränderung des geistigen Ueberbaus" herbeiführen, andernfalls wäre ja die Auffassung von Marx widerlegt! Eine solche Meinung ist aber absolut falsch, denn „das Bewußtsein des Menschen bleibt mit seiner Entwicklung hinter der tatsächlichen Lage des Menschen zurück." (Stalin.) Dem Bewußtsein, dem Denken kurzum: dem geistigen Ueberbau nach ist die Situation der deutschen Juden noch zu einem großen Teil bürgerlich. Wir können auf der einen Seite eine opportunistische Haltung bemerken aus der Erwägung heraus, daß bald, auch wieder eine Besserung in . wirtschaftlicher Beziehung eintreten müsse. Auf der anderen Seite stellen wir einen Defaitismus fest, der begründet ist darin, daß der pauperisderte Bürger keinen Ausweg mehr aus seiner Lage sieht und gleichzeitig Angst hat vor einer Re.volutior±ierung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Hier ist ein unbedingter Wandel nötig. Man versucht allenthalben zwar aus der Diskrepanz zwischen materiellem Sein und geistiger Haltung herauszukommen, zumal der politische Ausweg, den das übrige Bürgertum in Deutschland genommen hat, für den jüdischen Bürger verschlossen ist. Unmöglich aber ist auch, in dieser wichtigen Frage eklektisch vorzugehen, den historischen Materialismus mit Metaphysik zu verbrämen, sozusagen aus allen Weltanschauungen das scheinbar Beste herauszunehmen und daraus eine neue Weltanschauung zusammenzubrauen. Wir iiaben uns heute damit abzufinden, daß weite Kreise des deutschen Judentums nicht mehr religiös sind. Das Sprichwort ,.Not lehrt beten" gilt heute nicht mehr. Die Tatsache, daß es heute viele Juden im linken Lager gibt, läßt aber keineswegs darauf schließen, daß damit auch eine vollständige Aenderung ihres Denkprozesses stattgefunden habe. Vielmehr war dieser Frontwechsel von der bürgerlichen Mitte nach links in vielen Fällen-nur deshalb erfolgt, weil diese Menschen keine andere Stätte ihres politischen Seins mehr hatten. Viele dieser ,.Halb-Linken" werden mit dem Anwachsen der Reaktion ihre „Weltanschauung", die keine war, aufgegeben haben. Wir wissen aber auch von einer großen Zahl, die klassenbewußt ihre Lebensaufgabe in den Organisationen des Proletariats sehen. Es wird heute allerseits die Forderung nach einer beruflichen Umschichtung im deutschen Judentum erhoben, da nur durch eine Angleichung der Berufe an die der Umwelt eine Fortexistenz der jüdischen Menschen gewährleistet sei. Man erkennt damit an. daß nur durch eine weitgehende Proletarisierung eine Lebensmöglichkeit gegeben ist. Es ist augenscheinlich, daß für die Verwirklichung dieser Forderung lange Jahre notwendig sein werden, denn nur wenige Menschen können selbst bei weitestgehender beruflicher Umschichtung wieder in den Produktionsprozeß eingereiht werden, so lange das kapitalistische Wirtschaftssystem besteht. Trotzdem bejahen wir die Forderung nach ßerufsumschichtung, wir müssen aber auch verlangen, daß gleichzeitig damit eine Umwandlung des Denkens vor sich geht. Es genügt nicht, zu erkennen, daß eine Rückkehr in bürgerliche Positionen nicht mehr in Frage kommt; der wirtschaftlichen Annäherung an das Proletariat muß auch die geistige Annäherung folgen. Edgar G e r s on Wie ich Schlosserlehrling wurde in meinem letzten Schuljahre mußte auch ich mich mit der Frage beschäftigen, welchen Beruf ich ergreifen wollte. Büro. Kaufmann oder Handwerk? Zum Büro und Kaufmännischen hatte ich keine Lust. Ich war kräftig, gesund und an viel frische Luft gewöhnt, denn die Hälfte meiner freien Zeit hatte ich auf dem Sportplatz verbracht. Ich wollte gerne ein Handwerk erlernen, entweder Schlosser oder Elektriker. Auch hatte ich den Wunsch, in der Stadt zu lernen, da bei uns die Verhältnisse viel zu klein waren. Wir sollte ich nun zu einer Lehrstelle kommen? Durch Bekannte erfuhr ich die Adresse des Jüdischen Arbeitsnachweises und der Berufsberatung in Frankfurt a. M., und ich schrieb an diese Stelle. Als Antwort «rhielt ich einen Umschlag mit etlichen Fragebogen, auf welchen alles Mögliche von mir ausgefüllt werden sollte. Nach Alter, Größe, Gewicht, ob ich Sport treibe und sogar nach Kinderkrankheiten wurde gefragt. Dabei lag ein sehr freundlicher Brief, in dem geschrieben wurde, wenn ich könnte, sollte ich mich mal in Frankfurt vorstellen. Dies konnte ich aber nicht, da die Fahrt von 250 km zu weit war, und wozu sollte ich mich in Frankfurt vorstellen, wenn es auch anders ging? Eines Sonntags hatte ich gerade eine Stunde Handball amf dem Sportplatz gespielt, 'da trat ein fremder Herr zu mir und sagte: „Ich bin der Berufsberater von der jüdischen Berufsberatung in Frankfurt. Ich befinde mich auf der Durchreise, um in der hiesigen Gegend einige Gemeinden zu besuchen, und da habe ich auch an dich gedacht und möchte gerne mit dir über deine Zukunft sprechen." Mich aufzutreiben war nur eine Kleinigkeit, denn in einem Städtchen mit 3000 Einwohnern und einem Dutzend jüdischer Familien läßt sich ein jüdischer Junge schnell finden. Der Berufsberater ging mit mir in den Ort; wir suchten uns einen ruhigen Platz ,4m ersten Hotel der Stadt". (Der Berufsberater meinte allerdings, es wäre eine richtige Kneipe.) Dort unterhielten wir uns, und während der Unterhaltung trank ich Bier und rauchte Zigaretten, was der Berufsberater mit großem Mißfallen vermerkte. Wir unterhielten uns über meine Berufswünsche und die Zukunftspläne und auch über die Schule. Zum Schluß vei-sprach mir der Berufsberater, daß ich bald eine Lehrstelle in einem größeren und moderneren Betrieb bekommen sollte. Noch wochenlang war in unserem Ort Tagesgespräch, daß ich vom Sportplatz abgeholt wurde und im Hotel mich sehr lange mit einem Herrn unterhalten hätte. Man wollte gerne wissen, wer dieser Herr gewesen ist. Kurz vor der Schulentlassung hatte ich noch immer keine Lehrstelle, und ich wurde schon besorgt, daß das Versprechen nicht gehalten würde. Eines Montags kam ein Telegramm, ich möchte mich in einem großen Betrieb in Frankfurt sofort vorstellen. Dienstags nachmittags bin ich von einem Werkmeister gemustert worden und fünf Wochen später hatte ich die Gewißheit, daß mein Lehrvertrag in Ordnung ging. Die Probezeit hatte ich bestanden, und ich war ein richtiger Schloserlehrling. Allerdings wollte ich auch während meiner Probezeit manchmal die Flinte ins Korn werfen, ich habe aber durchgehalten, obwohl ich der einzige jüdische Junge in einem nichtjüdischen Betriebe bin. Wie ich in meinem Betrieb gehört habe, hat sich unterdessen auch die Berufsberatung schon einige Male nach mir erkundigt. Ich bin froh, daß ich eine richtige Lehrstelle gefunden habe, und ich fühle mich auch in meiner Stelle richtig untergebracht. Wenn nicht die jüdische Berufsberatung mir den Posten besorgt hätte, dann müßte ich vielleicht jetzt in irgendeinem kleinen Städtehen den Laden ausfegen und Kaufmann lernen. Das würde mir aber gar keinen Spaß machen und es wäre viel besser, wenn viel mehr jüdische Jungens ein richtiges Handwerk lernen würden. Mit meinen nichtjüdischen Kollegen habe ich anfangs viel Schwierigkeiten gehabt, aber jetzt vertragen wir uns recht gut, und da ich ein geübter Sportler und nun Lehrling im zweiten Jahr bin, wagt keiner mich zu ärgern. Manchmal treffe ich mich aoich jetzt noch mit dem Herrn von der Jüdischen Berufsberatung, um mir einen Rat oder eine Auskunft zu holen. Bernhard Löbenstein Schluss der Beilage. Verantwortlich für die Schrifüeitung der Beilage: Emst Holzer in Frankfurt a. M.

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