Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-03-01 · 7 (3.1933) · page 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
7 (3.1933)
Date
1933-03-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3094266-3094386-3094393--3509-3519184
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt _Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr. 7____ MÄRZ 1933 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitungder Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliusstrasse .8. zu. richten, Das wirtschaftliche Schicksal des deutschen Judentums Unsere Lage — unsere Aufgaben Ein Buch „Das wirtschaftliche Schicksal des deutschen Judentums": so lautet der Titel eines Buches von Jakob Lestschinsky. (Verlag der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Berlin.) Es bringt sehr viel statistisches Material, beginnt mit dem Aufstieg des -deutschen Judentums im 19. Jahrhundert, zeigt Wachstum, Aenderung der Verteilung, Alters- und Berufs- Gliederung der deutschen Juden. Es verfolgt alle diese Prozesse vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur letzten deutschen Volkszählung 1925, bringt weiter den Umschichtungsprozeß in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zeigt hier die neue Verteilung der Juden, die vorher fast ausschließlich Handel trieben, auf Industrie, Handwerk und freie Berufe und belegt die zugleich mit dieser Erscheinung auftretende soziale Klassendifferenzierung. Das Buch beschreibt weiter die Rolle, die die Juden in den verschiedenen Wirtschaftszweigen spielen, die soziale Gliederung und deren Verhältnis zu der der nichtjüdischen Bevölkerung. Der Autor versucht schließlich im letzten Kapitel: „Rückblick und Ausblick" die menschliche und soziologische Gebundenheit der deutschen Juden an die Umwelt zu zeigen und, als Folge dieser Bindung, die Wirkungen des heutigen deutschen politischen und wirtschaftlichen Wandlungsprozesses auf die Juden. Das Buch will nicht weiter als bis zu diesem Punkt gehen, es beschränkt sich bewußt darauf, die bisherige Entwicklung deutlich zu machen. Lösungsfragen liegen nicht mehr dm Rahmen der Betrachtung. . Wir müssen dem Autor dankbar sein für die umfangreiche Arbeit, die er für das deutsche Judentum geleistet hat. Sein Buch ist übersichtlich aufgebaut und gegliedert und bringt eine Fülle von Material. An uns liegt es, Konsequenzen aus den Erkenntnissen des Verfassers zu ziehen und — jeder an seinem Platz — dafür zu arbeiten, daß die weitere Entwicklung in einer günstigen Weise beeinflußt wird. Die Lage Es kann in diesem Rahmen nur kurz versucht werden, die wirtschaftliche Lage der Gesamtheit der deutschen Juden zu zeigen. Und hier muß vor allem darauf hingewiesen werden,, daß die Situation der Juden in der wirtschaftlichen Umschichtung, die heute in Deutschland vor sich geht, eine andere ist als die der Nichtjuden. Das hat einerseits seinen Grund in der Pauperisierung und Proletarisierung des Mittelstandes, dem ja der größte Teil der deutschen Juden angehört oder mindestens angehört hat. Ein anderer Grund liegt in der Verstädterung der deutschen Juden: Ein weitaus größerer Prozentsatz als bei den Nichtjuden wohnt in der Stadt, wo die Existenzmöglichkeiten heute in noch weit schnellerem Tempo kleiner werden als auf dem Land. Die besondere jüdische Lage ist weiter begründet in dem heute außerordentlich stark gewordenen Antisemitismus; dieser läßt einerseits Detailgeschäfte — nichtjüdische wie jüdische — Juden möglichst wenig einstellen. Er führt andererseits auch in Engros-Geschäften mit nichtjüdischer Leitung dazu, christliche Bewerber zu bevor-" zugen. Wir leben außerdem dn einer Zeit, in der der Kreditapparat und die Industrie immer mehr verstaatlicht werden oder jedenfalls unter maßgeblichen Einfluß staatlicher .Stellen kommen. Waren früher schon in, diesen Zweigen — bis auf die Leitungen der Bauken — Juden nur in sehr geringer Zahl beschäftigt, so werden sie heute in den wenigsten Fällen eingestellt. Schließlich werden durch die heute vorherrschende Tendenz zur Autarkie und Stützung der Landwirtschaft, in der fast keine Juden tätig sind, die Möglichkeiten für Außenhandels-Firmen, in denen Juden in größerer Zahl vertreten sind, immer geringer. — Bei den freien Berufen ist die Lage ähnlich. Von jüdischen Chemikern, Redakteuren, Ingenieuren und Apothekern sind über 50% nicht selbständig; die einzigen freien Berufe, 'die heute noch eine Selbständigkeit gewährleisten, sind die des Rechtsanwaltes, Zahnarztes und Mediziners (von letzteren sind allerdings auch 20%. nicht selbständig). Es wird jedoch einerseits immer schwieriger, als Arzt oder Rechtsanwalt eine auskö mimliche Niederlassungsmöglichkeit zu finden, zumal der finanzielle Rückhalt der Eltern heute meist nicht mehr vorhanden ist. Andererseits wird es für Juden immer schwerer, von öffentlichen Anstalten (Krankenhäusern, Justiz) angestellt zu werden. Zu all dem ist noch zu bemerken, daß sich die besondere Lage der Juden — soweit sie nicht durch den Antisemitismus bedingt ist — heuie zugunsten einer Angleichung an die nichtjüdische Bevölkerung allmählich wandelt. Die Aufgaben Die oben skizzierten Tatsachen sind in der jüdischen Oeffentlichkeit noch viel zu wenig bekannt. Auch wollen sich viele Eltern nicht von der Auffassung trennen, daß der Sohn Kaufmann werden muß, genau wie der Vater und Großvater Kaufmann waren. Es gilt also vor allem, aufzuklären, persönlich und öffentlich; und hier erwachsen der Gemeinde konkrete Aufgaben: Versammlungen, in denen eingehend über diese Dinge gesprochen wird. Nicht nur vor der Jugend, sondern auch vor den Eltern. Es müssen ferner in größerem Maße als bisher Berufsberatungsstellen für jüdische Jugendliche gebildet werden. An sich sind solche jüdischen Separateinrichtungen zu verneinen, in einer Zeit des gesteigerten Wirtschafts- Antisemitismus sind sie nötig. (Es muß natürlich verlangt werden, daß als Berufsberater nur Leute fungieren dürfen, die die von den deutschen Berufsämtern vorgeschriebene Ausbildung durchgemacht haben.) Worauf kommt es z. B. an? Heute rächt es sich, daß so wenig. Juden Beamte geworden sind. Es muß die Furcht und Abneigung vor Beamtenauch' niederen), Polizei-, Soldaten-, bäuerlichen und handwerklichen Berufen behoben werden. Es ist darauf hinzuwirken, daß der Prozeß der Verstädterung nicht weiter fortschreitet. Di9 Menschen müssen darauf hingewiesen werden, daß es auch auf dem Lande Lebensmöglichkeiten gibt. Die Berufsumschichtung wird nicht von heut auf morgen möglich sein, sie wird erst in Generationen bewerkstelligt sein können. Es muß aber die Auffassung" verbreitet werden und durchdringen, daß die Berufsumschichtung lebenswichtig ist für den Bestand, des. deutschen Judentums. Kurt Wongt'schowski Pauperisierung und Berufsumschichtung der Juden Die nachfolgenden Ausführungen, die keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit erheben, stützen sich auf das Buch von Jakob Lestschinsky „Das wirtschaftliche Schicksal des deutschen Judentums", auf Alfred Markus „Die wirtschaftliche Krise der deutschen Juden", sowie auf eine langjährige Tätigkeit als Leiter eines großen jüdischen Arbeitsnachweises. Wie ist die Avirtschaftliche Situation heute? Die soziologisch wichtigste Schicht der Juden wird in dem" Sammelbegriff „Kaufmann" erfaßt. Angehörige des Kamfmannsstandes sind die selbständigen Gewerbetreibenden, die große Zahl der Vermittler, und in kleinerem Maße die gehobenere Schicht des Kaufmanns: der Bankier. Die Schicht der selbständigen ..Existenzen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.