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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-03-01 · 7 (3.1933) · p. Seite 165

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
7 (3.1933)
Date
1933-03-01
Page
Seite 165 (sequence 11)
Language
German
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Seite 165 Bedrängnis und Enge lasteten schwer auf der Familie und umdüsterten Jakob Wassermanns Jugend. Aber die Heimat läßt keinen frei. Zu tief ist der Mensch in ihr verankert. So kommt es, daß eine Anzahl von Wassermanns Werken, und zwar seine persönlichsten, fränkische Zugehörigkeit haben. Gleich das erste, das seinen Ruhm begründete, „Die Juden von Zirndorf", hat seinen Schauplatz in Fürths nahem Umkreis, in Zirndorf lebte der Großvater, der von Beruf Seiler war. Auch seinen Urgroßvater hat der Dichter noch gekannt. Beide, Großvater und Urgroßvater, erreichten das biblische Alter von nahezu hundert Jahren. Weber war der Großvater mütterlicherseits gewesen. Weber und Seiler waren die Großväter Jakob Wassermanns, dessen dichterisches Amt es werden sollte, menschliche Schicksale zu verknoten, das Seil der Parzen zu schwingen. Frühzeitig kam das nahe Nürnberg ins Gesichtsfeld des Dichters. Es zog den jugendlichen Träumer mächtig an, oft wanderte er versonnen und ganz nach innen gekehrt durch die winkeligen Gassen der burggekrönten alten Reichsstadt. Hier liegen die Wurzeln seines „Gänsemännchen", seines „Kaspar ITauser', hier liegt die Quelle späteren Schaffens. Lichte Jugendlandschaft atmete ihm das mittelfränkische Landstädtchen Günzenhausen, das Verwandte zu beglückender Ferienheimat gestalteten. Auch hier wurzeln Keime zu manchem Werk. „Der niegeküßte Mund", Erzählungen aus dem „Wendekreis" entwachsen diesem Boden. Jakob Wassermann ist einer der Treuen. Wie er dem Judentum die Treue-wahrt, das bekennt er in seiner Schrift „Mein Weg als Deutscher und Jude", in der er am Ende der aufrichtig ringenden, bitter kämpfenden Auseinandersetzungen zu dem Schlüsse kommt: „Ich bin Deutscher, und ich bin Jude, eines so sehr und so völlig wie das andere, keines ist vom anderen zu lösen". Wassermann ist Deutscher und Jude von ganzem Herzen und aus ganzer Seele, Deutscher durch die Erde, durch alles Sein und Werden bedingt, Jude aus ahnenhafter, blutmäßiger Herkunft. Und ebenso bleibt der Dichter mit Franken verhaftet, der Stätte, von der sein Weg ausging. Hanna Homburger Unter Menschen V o n J a'c. D i a m e n t In seinem 52. Lebensjahre ist am 19. Februar Jacob Diament gestorben — still, wie er gelebt hatte. Vor dreißig Jahren war er vom Osten hierher gekommen und hatte seine schöne dichterische Gabe zu reither Entfaltung gebracht, immer auf dem Grundakkord einer reinen Menschlichkeit, die er sich auch unter schweren Lebensumständen bewahrte. Bei seiner Beerdigung hielt Herr Rabbiner Dr. Salzberger eine tief ergreifende Grabrede, Herr B. Messerer sprach einen schönen hebräischen Nachruf. Am Eingang der Grabrede standen die nachstehenden Verse, die von der bitteren Not eines Menschenlebens zeugen und vielleicht über das Grab hinaus i manches Herz i Unter Menschen geht ein Mensch durdi Strassen, Geht wie sie spazieren, kann man denken. Geht in Wahrheit hur, den Hunger abzulenken — Aber dieser will von ihm nidit lassen. i werden — als Vorwurf und Aufruf. Unter Menschen geht der Mensch — und niemand fühlt wie ihm Niemand denkt an seine bitteren Gedanken zumut', Niemand sieht sein Wanken — Und sie alle sind doch gut . . . Unter Menschen geht der Mensch, sein Hunger schreit, Niemand hört es ausser seiner letzten Kraft, Die auch schon erschlafft Und sich aufzugeben schon bereit. Stürbe jetzt der Mensch — sie würden alle sicher klagen, Alle würden sie wohl sagen: .Hätte man von seiner Not gewusst!" Viele aber hatten schon dies Wissen — nur zu helfen nicht die Lust. Aus der modernen französischen Literatur Jean Richard Bloch: Vom Sinn unseres Jahrhunderts. (Paul Zsolnay, Verlag. Deutsch von Paul Amann, mit einer Einleitung von Stefan Zweig) Roger Martin du Gard: Jean Barois (Paul Zso'lnays Bibliothek zeitgenössischer Werke. Deutsch von Eva Mertens.) Anatole France: L'IIe des Pingouins. (Calman- Levy, Paris) Der in Deutschland durch seinen Roman „et Co." bekannt gewordene J. R. Bloch tritt mit seinem „D e s t i n du S i e c 1 e" in die Reihe derjenigen französischen Schriftsteller, die es unternehmen, sich mit der Krise der Kultur, ihren Ursachen und Wirkungen auseinanderzusetzen. Da nun einmal im Lande unseres Schriftstellers die Bestrebungen, diese Krise geistig und politisch bis zum letzten sich auswirken zu lassen, noch nicht den höchsten Grad leidenschaftlichster Erregung und' Anteilnahme erreicht haben, so muß notgedrungen jede literarische Anbeit auf diesem Gebiete im ganzen doch mehr auf den Ton einer leidenschaftslosen und nüchternen Untersuchung abgestellt sein. So auch die Darstellung Blochs, obwohl er mit entschiedenem Wollen und vor nichts zurückschreckender Offenheit sich bemüht, den Dingen wirklich auf den Grund zu gehen. Ausgehend von der Jahrhundertwende, die er geistig, politisch und 'soziologisch wie kaum einer zu analysieren versteht, verfolgt er, immer mit äußerst starkem Einfühlungsvermögen in die letzten Gründe des fühl- und spürbaren Geschehens eindringend, die Ereignisse bis auf den heutigen Tag, um schließlich zu der Erkenntnis zu gelangen, daß das 19. Jahrhundert völlig abgetan sei und es zur Vermeidung einer Katastrophe 'bewußter Umstellung auf allen Lebensgebieten bedürfe. Daß bei diesem Blick in die Zukunft manches nicht klar formuliert erscheint, einiges (so seine Stellung zu den Juden, zum religiösen Problem überhaupt) sogar dilettantisch wirkt, soll nichts gegen den, wahren Wert des glänzend geschriebenen Buches besagen, das wirklich den Leser aufrüttelt und zum Nachdenken zwingt. Ganz besonders sympathisch wirkt Blochs ehrliches, seiner inneren Haltung entspringendes Bemühen, „richtig zu sprechen". Wo Wort und Begriff sich nicht mehr decken, bei Verschiebung, Einengung oder Erweiterung des mit dem Wort ursprünglich bezeichneten Inhaltes, da heißt es. will man sich um Klärung überhaupt bemühen, neue, adäquate Worte und Prägungen zu finden. Es kommt somit — amd damit ist Blochs Haltung umrissen — darauf au, „die Dinge beim Namen zu nennen". Bloch hat in seiner Jugend die Dreyfus-Affäre erlebt, sie ist für seine Lebensaufgabe, den Kampf ums Recht aufzunehmen amd durchzuführen, von entscheidender Bedeutung gewesen. Sie wird auch von ihm als eine über die zunächst im Mittelpunkte stehende Person, über die zeitliche und lokale Begrenzung hinausreicherde Begebenheit von ungeheurer Bedeutung für die Entwickhing des modernen französischen Lebens aufgefaßt und gewertet. Sein Buch ist Roger Martin du Gard, dem Verfasser des „Jean B ar o i s", gewidmet. Wer wirklich in den Geist der damaligen Zeit eindringen, ihre Strömungen, Spannungen, ihre bis zum äußersten gesteigerte Vitalität erkennen will, der lese dieses RADIO haute wichtiger denn je!! Einerlei ob Sie Neuanschaffung oder Verbesserung Ihrer Anlage beabsichtigen: Sie sparen Geld, wenn Sie sich unserer 10 jährigen Erfahrung bedienen. F. EHRENFELP I Zell 104 neben Hauptpost |

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