Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 7 (3.1933)
- Date
- 1933-03-01
- Page
- Seite 164 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 164 allen Verfolgungen, allem Mord und Totschlag und allen Kriegen ... Ach, die Kriege, die Kriege! Das ist, hört ihr, gar ein Schlachten für die Welt! Wenn ich Rothschild wäre, würde ich Schluß mit den Kriegen machen, aber wirklich vollständig Schluß! Nun werdet ihr doch fragen: Wie? Nur mit Geld, wie soll das sein? Ich will es euch verständlich machen. Zum Beispiel: zwei Staaten zanken sich wegen einer Narretei; ein Stückchen Land, das eine Prise Tabak wert ist; „Territorium" heißt es bei ihnen. Der eine Staat sagt, das Territorium ist sein Territorium, und der andere Staat sagt: nein, es ist mein Territorium. Von den sechs Tagen der Schöpfung an, heißt es, hat Gott dieses Stückchen Land diesem Staat zu Ehren erschaffen. Jetzt kommt ein dritter gegangen und sagt: Ihr seid beide Rindvieh; das Territorium ist allgemeines Territorium, das heißt Jedermanns Gebiet. Kurzum, Territorium hin, Territorium her, es wird so lange „territoriert", bis man mit Büchsen und Kanonen zu schießen anfängt, Menschen einander wie Schafe töten, und Blut, Blut wie Wasser vergossen wird. Aber ich komme gleich zu Beginn zu ihnen und sage: Ruhig, Brüderchen, laßt euch raten! Worum geht eigentlich bei euch der ganze Streit? Versteht man denn nicht, was ihr meint? Ihr meint nicht so sehr die Haggada, wie die Klöße. Territorium ist bei euch doch nur eine Ausrede: die Hauptsache ist doch bei euch die Sache mit „Netto Kasse", die Kontribution! Und sobald von Kontribution die Rede ist, zu wem kommt man mit einer Anleihe? Zu mix, das heißt zu Rothschild. Also, wißt ihr was? Da, du Engländer mit den langen Beinen und den Kastenhäusern, hast du eine Milliarde! Da, du närrischer Türke mit der roten Mütze, eine Milliarde! Da, Tante Röschen, auch eine Milliarde! Selbstredend, wenn Gott euch hilft, werdet ihr mit Zinsen zurückzahlen, beileibe keine hohen Zinsen, vier oder fünf jährlich, ich will an euch nicht reich werden. Versteht ihr jetzt? Sowohl habe ich ein Geschäft gemacht, als auch Menschen hören auf, einander zu töten wie Ochsen, für nichts und wieder nichts. Und sobald es einmal aus ist mit den Kriegen, nun, wozu braucht man dann noch Waffen und Militär, mit allen siebzehn Sachen und dem ganzen Trara? Zu neunundneunzig Teufeln damit! Und sobald es einmal aus ist mit den Waffen, mit dem Militär und dem Trara, ist es doch aus mit dem Haß und dem Neid, aus mit dem Türken, aus mit dem Engländer, aus mit dem Franzosen, aus mit dem Zigeuner, aus — nicht zusammengenannt — mit dem Juden. Die ganze Welt bekommt dann ein ganz anderes Gesicht, wie es im Schriftvers bei uns geschrieben steht: „Wehojo" — und 'es wird sein — „bajom hahu" — wenn der Messias kommen wird . . . (Er unterbricht sich.) Ja und vielleicht . . . wenn ich Rothschild wäre, kann sein, daß ich dann gar das Geld abschaffe? Aus mit dem Geld! Lassen wir uns doch nicht zum Narren halten! Was ist denn Geld? Geld ist doch eigentlich nur eine Bescheinigung, eine eingebildete Sache. Man hat ein Stückchen Papier genommen, ein Bild angebracht und darauf geschrieben: „Drei Rubel Silber". Geld sage ich euch, ist nichts anderes als ein böser Trieb, so ein Gelüst, eines von den größten Gelüsten. Etwas was alle wollen und was keiner hat . . . Aber wenn nun überhaupt gar keine Spur Geld mehr auf der Welt wäre, dann .hätte doch der böse Trieb nichts mehr zu tun und das Gelüst wäre kein Gelüst mehr. Versteht ihr oder nicht? Und weiter, fragt sich doch: Wo würden dann die Juden Geld auf Schabbos hernehmen? (Er denkt eine Weile nach). Die Antwort ist: wo soll ich denn jetzt Geld auf Schabbos hernehmen? (Uebertragung aus dem Jiddischen von Eugen Mayer) Die Vorfahren Hermann Levis Die Fünfzigjahrfeier des Todestages Richard Wagners weckt auch die Erinnerung an einen der Getreuen des Hauses Wahnfried, den 1872 von Karlsruhe nach München berufenen Generalmusikdirektor Herrn annLevi (1839—1900), der nach dem Tode Wagners der treueste Berater seiner Frau Cosima gewesen ist. Der Vater, der den Künstlerdrang seines Sohnes schon früh erkannt hatte und ihn in seinem Künstlerstreben immer zu fördern suchte, war Rabbiner Dr. Benedict Levi zu Gießen, der 1806 als Sohn des Rabbiners Samuel Levi in Worms geboren wurde. Dieser war der Sohn des Rabbiners Wolf Levi in Pfersee bei Augsburg, besuchte die höhere Schule daselbst und eignete sich die französische Sprache derart an, daß der Bürgermeister von Worms und einige Stadträte allwöchentlich bei ihm in der Judengasse einkehrten, um sich von ihm die französischen Zeitungen übersetzen zu lassen. 1807 wurde er in das Synhedrion zu Paris berufen. Der französisch sprechende Rabbiner von Worms gefiel Napoleon so gut, daß er ihn mehrmals in Audienz empfing, und um ihm eine Gnade zu erweisen, bot er ihm das Rabbinat Metz oder Mainz an. Levi wählte das letztere, und so wurde er 1808 zum Grand Rabbin du consistoire du departement de Mont Tonnerre berufen. Dr. Levi erzählte gerne in Freundeskreisen, wie er 1812 Napoleon auf seinem Zuge nach Rußland über die Große Bleiche in Mainz ziehen sah, und wie ihn sein Lehrer in die Höhe hob und ihn aufforderte, den Segensspruch beim Anblick eines gekrönten Hauptes zu sprechen. Dr. Levi besuchte nach dem Tode seines Vaters, der sterbend ihn aufgefordert, Rabbiner zu werden, die Schulen in Mainz, Frankfurt und die Universität in Würzburg. In Gießen promovierte er 1828 und besuchte dann die „Jeschiwa" des Rabbiners Koppel Bamberger in Worms, wo er auch die rabbinische Ordination erhielt. Im Alter von 23 Jahren wurde er zum Rabbiner in Gießen gewählt. Großherzog Ludwig I. von Hessen war nach 40jähriger Regierung gestorben. Sein Sohn Ludwig II. bereiste nach seinem Regierungsantritte auch die Provinz Öberhessen, wo er Dr. Levi mit zwei Vorstehern in Audienz empfing. Bei dieser Gelegenheit überreichte Levi dem gegen Kopfschmerzen, Zahnschmerzen, Rheuma, HexenschuS. Grippe, Erkaltung. "^SJSÄI. *5KJF£ä: U RStmhac *ll « PL, 90 PI «. US RM. In Ilten Apotheken. Landesfürsten ein Huldigungsgedicht mit folgendem Motto: ..Und die Zeit, die König David über Israel regierte, ist 40 Jahre. Und er starb im hohen Alter voll an Leben, Größe und Ruhm, und es herrschte sein Sohn Salomo an seiner Stelle. (I. Chronik Kap. 29 Vers 27, 28.)" Der Großherzog äußerte wiederholt seinen Beifall über 'die sinnige Widmung, und als das Rabbinat Friedberg frei wurde, ernannte er Levi zum Rabbiner der Provinz Oberhessen mit 90 Gemeinden. 1832 führte Levi Henriette Mayer aus Mannheim als Gattin in sein Haus. Diese gemütreiche und geistig hochstehende Frau war bis zu ihrem frühen Hinscheiden 1842 eine der ansprechendsten Erscheinungen der Gießener Gesellschaft. Sie war eine ausgezeichnete Klavierspielerin, und ohne Zweifel hatte ihr Sohn Hermann seine musikalische Begabung von ihr empfangen. 1858 verheiratete sich die einzige Tochter Dr. Levis mit einem französischen. Offizier, dem Leutnant Julius Moch, Repetiteur der Kaiserl. Militärsohule zu St. Cyr. In Rödelheim vollzog Levi die Trauung. Moch war iim Kriege 1870/71 als Oberst Gefangener in Gießen. Während Dr. Levi ins Greisenalter eingetreten war, erlebte sein Herz die Freude, seinen Sohn Hermann, den genialen Dirigenten, Sprosse um Sprosse an der Ruhmesleiter emporklimmen zu sehen. 1882 wohnte Dr. Levi der ersten Aufführung des „Parsival" unter seines Sohnes Leitung in Bayreuth bei. Richard Wagner, der ihn aufs herzlichste begrüßte, fragte ihn scherzend: „Wie sind Sie mit Ihrem ungeratenen Sohne zufrieden?" „So ziemlich," antwortete Levi. „Ihr. Hermann," sagte darauf Wagner, „müßte als mein alter ego eigentlich den Namen Wagner führen." Dr. Levi starb nach der Feier seines 90. Geburtstages. S. Rothschild (Worms) Jakob Wassermanns Heimattreue Zu seinem 6 0. Geburtstag Am 10. März 1933 werden es sechzig Jahre, daß Jakob Wassermann, einer unserer größten deutschen Schriftsteller, in der bayerischen Stadt Fürth das Licht der Welt erblickte. Alexanderstraße 13, inmitten schmaler Häuserzeile, in altertümlichem Haus, kam er als erstes Kind des Kaufmanns Adolf Wassermann und seiner Ehefrau Henriette zur Welt. Wenig glückhafte Erinnerungen sind es, die den Dichter an seine Geburtsstadt knüpfen. Traurige Kinderjahre waren ihm beschieden. Als er neun Jahre zählte, starb die geliebte Mutter, eine aus dem Unterfränkischen stammende, blonde traumhafte Schönheit. Auf. dem historischen uralten Fürther Friedhof liegt ihre Grabstätte. Der Vater, zeitlebens vertrauensseliger Optimist, zerrieb sich in hartem Wirtschaftskampf. Wirtschaftliche