Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 7 (3.1933)
- Date
- 1933-03-01
- Page
- Seite 162 (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 162 er schafft sie" Eine solche schöpferische Darstellung der Wahrheit enthält das Estherbuch Sein Verfasser hatte das Zeug zu einem großen Dichter in sich. Das jüdische Volk hat dies naiv herausgefühlt und hat ihm die denkbar größte Huldigung dargebracht, indem es während zwanzig Jahrhunderten in zahlreichen Fällen jedesmal, wenn es aus der Hand eines feindlichen Menschen oder Schicksals wie durch eine wunderbare Fügung, errettet wurde, das Ereignis in dem Lichte seiner Erzählung gesehen, den aus diesem Anlaß eingesetzten Erinnerungstag nach dem Purimfest benannt und das Ergebnis in einer Erzählung verewigt, den Stil der Megillat Esther nachgeahmt hat Das jüngste dieser Purimfeste ist erst vor kurzem 100 Jahre alt geworden. Es ist dies das Purim Bobowno, das am 18. Adax Scheni 1829 eingesetzt wurde. Am 20. Adar 1616 wurde in Frankfurt a. M das Purim Winz eingesetzt, zur Erinnerung daran, daß an diesem Tage die Juden dieser Stadt wie im Triumphe mit Paukenschlag und Hörnerschall wieder in ihre Wohnungen eingeführt wurden, nachdem sie am 22. August 1614 auf Betreiben der Vinzenz Fettmilch, des „neuen Hamans der Juden" gegen den Willen der Stadt- und Landesregierung ausgetrieben worden waren. Das älteste und bekannteste Purim dieser Art dürfte vielleicht das Purim Narbonne von 1236 sein, zur Erinnerung an die Abwehr eines Ueberfalles auf die dortige jüdische Gemeinde, hervorgerufen durch eine Schlägerei zwischen einem Juden und einem Christen auf dem Fleischmarkt. Es ist indessen unwahrscheinlich, daß dieses Purim das erste seiner Art sein sollte Das Charakteristische der meisten dieser Purimfeste ist neben der betreffenden Megilla, daß ihnen stets ein F a s 11 a g vorausgeht, wie beim ursprünglichen Purim. Es gab auch eine große Anzahl von Familien-Purimf este, die nur von einzelnen Familien gefeiert wurden, zur Erinnerung an die glückliche Errettung eines ihrer Vorfahren aus einer Gefahr: Brände, Erdbeben, Explosionen, räuberische Ueberfälle, Verleumdungen und dergleichen. Das berühmteste ist wohl das Purim des gefeierten Gelehrten Jomtob Lippmann Heller, welches er im Jahre 1644 für seine Nachkommen eingesetzt hat zur Erinnerung an die stürmischen Jahres seines Lebens, die aufhörten, als er zum Rabbiner von Krakau gewählt wurde. An diesem Tage sollten die Nachkommen ein Schriftchen lesen, das die Geschichte seines Lebens enthält, nach vorhergehendem Fasten einen Festtag halten, Almosen geben und fröhlich sein So ist Purim zu einem Typus der jüdischen Geschichte geworden Mordechai und Esther in Schuschaan Hbira Von Dr. Walter Fischel Eine der auffälligsten Erscheinungen des religiösen Lebens der orientalischen Juden ist ihr stark ausgeprägtes Wallfahrtsbedürfnis. Zu gewissen Zeiten und bei gewissen Anlässen an das Grab großer Vorfahren zu pilgern, dort zu beten, Gelübde zu tun und sich neue seelische Kraft für den schweren Kampf im Leben zu holen — das ist zu einem wesentlichen Bestandteil der "religiösen Formen der orientalischen Juden seit langem geworden. Die Juden in Mesopotamien und Persien haben an solchen verehrten 'Grabstätten keinen Mangel. Der jüdische Volksmund oder die Legende hat die Gräber der Propheten wie JecheskeL Jona, Nachum, Daniel und auch des Schriftgelehrten Esra nach Mesopotamien verlegt So wenig auch die Geschichtlichkeit dieser Stätten nachgewiesen ist. und eo unzuverlässig die über sie bestehenden, Ueberlieferungin auch sein mögen, nichtsdestoweniger glaubt der babylonische oder persische Jude fest und unerschütterlich an die Echtheit dieser Grabstätten. Ja, es hat sich ein wahrer Gräberkult unter diesen Juden entwickelt, und es wurden sogar feste liturgische Formen (Gebete, Piutim) für den Besuch der Gräber geschaffen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieser dem Geist des Judentums so fremde Brauch auf die islamische Umgebung zurückgeführt werden muß, in deren Mitte die Juden leben. Die Wallfahrt nach Mekka ist für den frommen Mohammedaner einer der fünf Hauptpflichten, und auch das Pilgern an andere Stätten von Frommen und Märtyrern ist seit altersher unter ihnen verbreitet Jährlich ergießt sich ein ungeheurer Strom von mohammedanischen Pilgern nach den heiligen Stätten im „Zweistromland", und diese Erscheinung ist es, an die sich der orientalische Jude assimiliert hat, indem auch er seine „heiligen Stätten" aufsucht und so seinem Wallfahrtsbedürfnis Ausdruck verleiht. So wie die babylonischen Juden gleichsam ihre „nationalen" Grabstätten in Esra, JecheskeL Nachum, Jona usw. verehren, so besitzen auch die persischen Juden ihre „nationalen" Heiligtümer. In der Nähe von Isfahan befindet sich das stark besuchte Grab von S e r a c h (Sarah) bath Ascher, der Enkelin Jakobs, über die der Midrasch sehr viel Interessantes zu berichten weiß. In Sustar ist das Grab Daniels der Anziehungspunkt für die persischen Juden und auch für Mohammedaner, bei Kum liegt nach der Ueberlieferung der persischen. Juden Zippora, die Frau von Moses, begraben. Doch die erste Stelle unter all den Heiligtümern der persischen Juden nimmt die Grabstätte von Mordechai und Esther ein. die sich in Hamadan, dem angeblichen Schuschan Habira, befindet. Man braucht nicht an die Richtigkeit dieser Ueberlieferung zu glauben und kann doch ergriffen sein beim Anblick einer solchen für Tausende von Juden heiligen Stätte. Will man den Grad ihrer Verehrung kennzeichnen, so müßte man sagen, daß diese Gräber die „Klagemauer" der persischen Juden darsteilen. Und es waren auch eigentümlich feierliche Empfindungen, y'n naSbn iJibVtt Grabstätte von_Mordechai und Esther in Hamadan als ich auf meinem Weg von Jerusalem über Bagdad ins Innere von Per&ien mich in Schuschan Habira bei Mordechai und Esther einfand Schon der Weg aus der Tigrisebene zu den Höhen des iranischen Hochplateaus! Ein treppenartiger Höhenpaß, auf dem sich seit Jahrtausenden die Heere aller Herrscher, die Kaufleute und Pilger aller Nationen bewegten, jene alte Karawanenstraße nach China, eine von der Natur geschaffene Verbindungslinie •zwischen Morgenland und Abendland. Ueberall sieht man Spuren der ältesten Menschheitsgeschichte. Da liegt hoch oben im Gebirge jene welthistorisch bedeutsame Behlstun-Insehrift des Darius eingebauen, mit ihren noch heute erhaltenen, Reliefs und Inschriften, deren Entzifferung im vorigen Jahrhundert die Geburtsstunde der Keilschriftforschung bedeutete. Und dann Hamadan selbst! Eine der ältesten Städte, auf den Ruinen des alten Ekbatana oder Achmetha stehend, die- Somanerresidenz der medischen Könige. War es nicht in diesem Achmetha, wo sich das Reichsarchiv des Cyrus befand, und wo, wie Esra 6, 2 schildert, jene andere historische Megilla aufgefunden wurde, die den Befehl des Cyrus enthielt, den Juden die Rückkehr aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem und den Wiederaufbau des Tempels zu .gestatten,! Aber es war noch eine andere Megilla, die in dieser Stadt den Juden so etwa wie heiligen Boden unter den Füßen empfinden ließ: Die Megilla Esther selbst, deren Gestalten am Grabe ihrer Helden auftauchen. Man sieht im Geiste die trauernden fastenden Juden vorüberziehen, den in Sack und Asche gehüllten Mordechai, die schöne und anmutige Esther, den gierig-haßerfüllten Haunan, den wankelmütigen König, und dann die Boten, die die frohe Kunde von der Rettung an alle jüdischen Gemeinden des großen persischen Reiches tragen. Kein Wunder, daß zu Purim alles an die Gräber jener Helden der Megilla pilgern möchte. So eng und dunkel auch das Innere der Grabstätte ist, jeder möchte doch jene besondere Mizwah erfüllen und die Vorlesung der Megilla an dem historischen Schauplatz der Ereignisse selbst hören. Es haben sich auch hier in Persien besondere Formen der Purimf e i e r entwickelt oder erhalten, auf die hier kurz eingegangen sei. Purim wirft schon viele Wochen seine Schatten voraus. Zu den lange vorher einsetzenden Vorbereitungen für das Fest gehört aber nicht nur das Lernen der „Megilla" und des „Tikkun Purim", es 'gehört dazu auch die „Vorbereitung des Ha man". Es ist nämlich ein alter Brauch unter den orientalischen Jaden und den Juden Schuschan Habiras insbesondere, am Purim den Sturz und das Ende Hamans symbolhaft zu demonstrieren, indem eine Haman-Figur an den Galgen gehängt und dann verbrannt wird. Der Brauch wird schon in alten hebräischen und arabischen Quellen geschildert. Aus alten Tüchern, Lappen und Matten wird eine Haman-Figur in Menschengröße zurechtgezimmert, Hände, Füße, Rumpf