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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-03-01 · 7 (3.1933) · p. Seite 161

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
7 (3.1933)
Date
1933-03-01
Page
Seite 161 (sequence 7)
Language
German
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Seite 161 von unten darstellen Die moderne Psychologie hat uns aber gelehrt, daß die menschliche Phantasie n i e etwas völlig aus dem Nichts schafft. Keine Hervorbringung des Mythos, der Sage, des Märchens oder der Erzählung, zu der nicht der Keim in der .Natur oder dem Leben vorhanden wäre! Ist es nun durchaus verfehlt und unpsychologisch, zu meinen, daß der Verfasser des Esther-Buches sich seine Erzählung aus dem Finger gesogen habe, daß sie von keinem wirklichen Ereignis angeregt wurde, so hat die Geschichte des jüdischen Volkes seit Purim nur bewiesen, daß die Purimgeschichte mehr als eine historische, weil eine ewige Wahrheit enthält, die sich immer wieder von neuem wiederholt. Die jüdische Geschichte verzeichnet eine stattliche Anzahl von Fällen, die eine so frappante Aehnlichkeit mit dem Purimereignis aufweisen, daß diejenigen, die sie erlebt, jeweils einen Gedenktag für „ewige Zeiten" eingesetzt haben und ihn ebenfalls „Purim" nannten. Ich habe bisher ihrer 20 festgestellt, aber es dürfte wohl mehrere Dutzend davon gegeben haben. Allein man wurde wegen der großen Zahl es müde, immer von neuem ein Purim einzusetzen. Unwillkürlich wird man dabei an ein Wort aus unserer Zeit erinnert. Alexander Zederbaum, der berühmte hebräische Publizist und Begründer der „Ha-Meliz" in Petersburg, stand bei Pobjedonoszow in hoher Gunst und hat mehr als ein Verhängnis, das der allmächtige „Prokuror des heiligen Synods" plante, von -den Köpfen der Juden abgewehrt. Einmal fragte ihn Pobjedonoszow halb im Scherz: „Was sagen die Juden dazu, daß ich sie seit Jahren so unbarmherzig verfolge und . ihnen keine Ruhe gönne?" — „Das möchte ich Ew. Heiligkeit sagen, wenn ich nicht fürchtete, Sie zu beleidigen." — „Sprich nur frei, ich werde nicht böse sein." — ..Nun. die Juden sagen: „Budjet prasdnik" (Es wird ein Fest geben)" — „Was für ein Fest, da ich sie ausrotte, vertreibe und aushungere?" — „Die Juden sagen, das war immer so. Zuerst kam Pharao und wollte sie ausrotten, jetzt haben wir Pessach. Dann kam Antiochus und wollte sie ausrotten, jetzt haben wir Chanukka. Dann kam Haman und wollte sie ausrotten, jetzt haben wir Purim. Es kamen dann noch viele, die uns ausrotten -wollten — aber man kann ja nicht alle Feste feiern " Es wird nicht überliefert, was Pobjedonoszow darauf geantwortet hat Die scharfe Beurteilung des kleinen Buches rührt daher, daß man es nicht in erster Reihe als ein Literatunverk beurteilte und darum nicht als das nahm, als was es sich gibt, sondern mit Maßstäben herantrat, die ganz anders gearteten Büchern der Bibel entnommen waren. Das Buch tritt nicht mit dem Anspruch auf, beglaubigte politische Geschichte zu erzählen. Sein Verfasser gibt sich auch nicht als Prophet oder Psalmist. Das Estherbüch will lediglich eine Festlegende sein, es erzählt eine im Volke überlieferte Sage, wie das Purimfest entstanden ist Als das Estherbuch in Persien endgültig niedergeschrieben wurden, bestand das Purimfest schon lange. Das Buch ist von Susa, der Hauptstadt Persiens, in der Form eines Briefes nach Jerusalem geschickt worden und will für die Einführung des in den jüdischen Gemeinden des Ostens längst gefeierten Festes werben. Nun war Purim zur Zeit des Josephus, in den letzten Tagen Jerusalems, schon überall unter den Juden bekannt, aber erwähnt wird es erst im zweiten Makkabäer-Buche, also ungefähr hundert Jahre vor der üblichen Zeitrechnung. Doch die darin erzählte Begebenheit spielte unter dem Perserkönig Xerxes I., der von 486 bis 465 regierte, dessen Namen babylonisch Achschiwarschu, bei den Juden aber Achasehwerosch lautete. Es waren also inzwischen mehr als drei Jahrhunderte verstrichen. Wir können natürlich nicht feststellen, wann die Erzählung in die jetzige Form gebracht wurde. Aber wir können es verstehen, daß die Judengemeinden in Persien gerade in der Zeit der Bedrückung Palästinas durch die syrischen Griechen das Bedürfnis verspürten, ihren fernen Brüdern in der Heimat Kunde zu geben von einer alten Ueberlieferung, die unter, ihnen lebte, wonach sie einmal auf wunderbare Weise aus der Hand eines Todfeindes errettet wurden, ein Ereignis, von dem ein alljährlich gefeiertes, fröhliches Fest seinen Ursprung _ nahm. Wir können es auch begreifen, daß die palästinensischen Juden, die bitter unter dem Joch des grausamen Bedrückers ächzten und täglich für Ehre und Leben zitterten, sich an: dem aus dem fernen Persien herbeigeflogenen Pur im¬ Brief erfreuten Er muß wohl im Geheimen unter dem Volk kursiert haben und mancher sonst schwer verständliche Vers ist vielleicht der damaligen Stimmung in Jerusalem entsprechend eingeschaltet worden. •. Das Buch Esther ist eigentlich die Geschichte. eines vereitelten Pogroms, es -ist die erste Pogrom-Geschichte, und will als solche beurteilt werden. Der Verfasser hat offenbar im Volke umgehende, vielleicht zum Teil bereits schriftlich fixierte Sagen mit historischem Hintergrund kunstvoll und geschickt bearbeitet und aus der persischen Umgangssprache in ein etwas präzises literarisches Hebräisch übertragen, gleichwie dies in unserer Epoche so häufig geschieht Nicht Geschichte wollte er bieten, sondern volkstümliche Ueberlieferung, wie sie im Munde der breiten Massen lebte. Dem Verfasser eignete nicht nur eine große schriftstellerische Begabung, sondern bedeutendes künstlerisches Talent und feines psychologisches Verständnis Die göttliche Führung der Dinge setzt er stillschweigend als selbstverständlich voraus, aber es ist nicht seine Sache, fortwährend Gott im Munde zu führen. Er bemüht sich, das Kolorit der Zeit und des Ortes treu wiederzugeben, und die modernen Forscher, auch solche, die ihn ablehnen, haben anerkannt, daß er die Sitten und Gebräuche des persischen Hofes und seine Oertlichkeiten vollkommen zutreffend schildert, offenbar aus eigener Anschauung. In seiner Schilderung der Psychologie des Judenhasses hat der unbekannte, anspruchslose Schriftsteller im fernen Persien ein Meisterstück geleistet, welches zweitausend Jahre nach ihm in unserem Europa unter so unsagbar veränderten religiösen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnissen seine volle Geltung behält. Es handelt sich hier offenbar um einen Grundzug der menschlichen Natur, der bei allen Völkern und Rassen unter allen Himmelsstrichen in allen Kulturen sich gleich bleibt. Seit die Juden in die Fremde gehen mußten, war es damals zum ersten Male, daß ihnen der Massenhaß entgegenwehte und ihnen zum Verhängnis zu werden drohte. Die Gestalt Hanums ist mit vielen individuellen Zügen ausgestattet und äußerst lebendig gesehen. Gleichwohl ist Haman ein Typus, die Hauptmotive seines Handelns wiederholen sich zu jeder Zeit. Weshalb haßt er alle Juden und will sie ausrotten? Der Verfasser führt das auf ein persönliches Erlebnis zurück. Es ist ja ebenso schwer ein ganzes Volk zu hassen, wie ein ganzes Volk zu lieben. Liebe und Haß sind höchst individuelle Gefühle. Ein solches höchst persönliches Erlebnis entzündet zuerst in Hamans Brust glühenden Haß gegen Mordechai; dann kommt die Verallgemeinerung, dieser Vernunft-Ersatz, mit dem die platten Menschen ohne Anstrengung des Denkapparates sich durchs Leben -fretten und dabei stolz auf ihren Scharfsinn sind. Verletzte Eitelkeit ist das Motiv, die stärkste Triebfeder gewöhnlicher Naturen, die Mutter des Neides und des Judenhasses. In einer Republik oder in einer demokratischen Monarchie würde Haman versuchen, das Volk aufzuwühlen, in einer Despotie wendet er sich an den König. Was sagt nun Haman zum König? Etwa, daß die Juden schlechte Patrioten, unzuverlässige Untertanen sind? Oder daß sie das Volk auswuchern, schwere Arbeit fliehen, unehrlich im Handel, habgierig und hartherzig sind? Ach nein! Das hätte wohl nicht verfangen können, es war viel zu leicht zu widerlegen. Haman spricht nur die Wahrheit, nichts als die Wahrheit, aber er gibt ihr eine Beleuchtung, die schlimmer ist, als die ärgste Lüge Es gibt da ein Volk, zerstreut und hingesät zwischen den Völkern. Seine Gebräuche und Sitten sind verschieden von denjenigen der anderen Völker, nach Sitte und Brauch des Königs handeln sie nicht Was hat der König für ein Interesse, sie in Ruhe zu lassen? Haman ist es nicht um die gewaltigen inneren Gegensätze zwischen der persischen Staatsreligion und dem ethischen Monotheismus der Juden zu tun. Auf solche Feinheiten läßt er sich nicht ein, er hat auch wahrscheinlich keine Ahnung von ihnen. Was ihn ärgert, ist das Aeußere, was jeder wahrnimmt, also die besonderen Feste, der Sabbat, die Speisegesetze, welche die Juden von den anderen unterscheiden, sie als andersartig erscheinen lassen. Der Andersartige ist der Fremde und der Fremde ist der Feind Der Feind steht aber nach dem Empfinden des antiken Menschen außerhalb jeden Rechtes, ist vogelfrei — ein Empfinden, das leider auch in der Gegenwart noch lange nicht ausgerottet ist. Und der König hat kein Interesse daran, ihn zu schonen, besonders wenn der Fremde, dieser Feind, eine verschwindende Minderheit bildet, die sich nicht wehren kann und der keiner von außen zu Hilfe kommen wird. Da ist es ja ganz ungefährlich, ihnen den Garaus zu machen Die zwei Hauptmotive des Judenhasses, welche die Jahrhunderte hindurch an erster Stelle wirksam waren, hat der Verfasser der Esther-Geschichte mit feinem psychologischen Empfinden erfaßt. In ihrem Dekret zur Vertreibung der Juden aus Spanien reden Ferdinand und Isabella nicht etwa von jüdischem Wucher oder jüdischer Ausbeutung, sondern davon, daß die fremde Religion im katholischen Lande nicht geduldet werden könne. Damals war die Religion das konstituierende Element Heutzutage ist Haman aufgeklärt und gebildet, er hat Anthropologie studiert und daher sind die Juden die fremde Rasse, die im arischen Lande nicht geduldet werden dürfe. Die Tatsache, daß die Juden stets und überall eine Minderheit bilden, ist das andere konstituierende Element im Verhältnis der Juden zu ihrer Umwelt, ein Moment, das sowohl nach innen wie nach außen wirksam ist Gorki sagt einmal: „Der Künstler sucht die Wahrheit nicht, „Totenkleider haben keine Taschen" sagt ein altes jüdisches Sprichwort. Also gebt und"" helft, solange ihr könnt! Jüdische Wohlfahrtspflege, Langestrasse 30. Postscheckkonto 54893

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