Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 7 (3.1933)
- Date
- 1933-03-01
- Page
- Seite 160 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 160 je schwerer wirken menschliche Gedanken: alsdann nur immer die der Natur; die sich aber immer nur ganz materiell für uns ausdrücken, wie sie in jedem Augenblick thut und wirkt, und wir sie gar anders nicht kennen. So sieht mein Geist ein reelles Unheil voraus, wenn die Narren noch länger fortarbeiten: und gelingt ihnen ihr läppisches Schulknabenwerk, oder auch nur etwas davon, so werden Schwerter geschwungen werden, Knüppel Hacken: und beide Partheien an Wunden leiden: aber an den Wunden wird's genug sein, wie am Blitz, wenn er auch trifft: die Luft wird, für eine Zeit gereinigt. Gelehrte Männer, Gesetzgeber, Männer der Regierung, können nur wie große Aerzte, naturkundige Geburtshelfer, die Entbindungen des Menschengeschlechts sanft begünstigen: ihm seine großen Schmerzen erleichtern, vorschreiben wie es sich betragen darf; aber die Art der Geistesgeburt können sie so wenig vorschreiben noch bestimmen, wie jene. Natur, Klima, alles wirkt dort wie hier. Und diese Leute und Konsorten wollen Religionen, Ueberzeugung etc. alles nur so herbei empfindlen! Der Handel z. B.. der den ganzen Weltverkehr mit all seinen Entdeckungen und Bedürfnissen zum Grund und zur Folge hat, ist schlechtweg sündhaft: und mehr dergleichen dictons: ich kenne sie alle. O! armer Novalis, armer Friedrich Schlegel, der gar noch leben bleiben mußte; das dachtet ihr nicht von euren seichten Jüngern. Großer, lieber, ganz blind gelesener Goethe, feuriger ehrlicher Lessing, und all ihr Großen. Heiteren, das dachtet ihr nicht: konntet ihr nicht denken. Eine schöne Säuerei! Aber auch wir sehen sie zu befangen, weil sie uns grad ärgert: welche kleine Biegungen im ewigen Strom des Seins: das heißt, des Werdens! Was ich hier alles reden höre! Aber auch erst mündlich. Für mich genirt sich keine Parthei: weil ich mich wie eine Frage betrage, und in den meisten Stücken eine bin; und wo ich keine bin, eine befriedigende Antwort; keck, sehr bescheiden, und sehr für die Wahrheit; d. h. wahrhaft, oder so lügenhaft, wie sie'« nicht merken können; von ihrem Gebiet nach meinem hin! Also ich erwarte dich ruhig; da du so ruhig, so klug dich beträgst! und mir so schmeichelst, als wäre ich schuld! — Mein g-eliebter August! Wenn du etwa des Nachts nach Frankfurt kommst, oder wenn es finster ist: laß dich nur nach der Gallengasse fahren. Ich wohne auf derselben Seite von der Gräfin Custine, eh man zu ihrem Hause kommt von der Allee aus; es stellt ein Brunnen vor meiner Hausthür. Schneider heißt mein Warth; ist ein Weißbinder, d. h. bei uns ein Stubenweißer. — Grüß ja die Woltmann aus innigstem Herzen! Sag1 ihr* Ihr Brief war gelassen, stark, voll Herz, brav wie sie: und erregte meine ganze Liebe und Verehrung für sie; ich hoffte, wir sähen uns doch. Geh ja, Geliebter, zur Grotthuß: ach! sie ist nie ordentlich verwirrt, nur überreizt, und unter Menschen, die sie nicht verstehen: und krank. Sag' ihr alles von mir. Ihrentwegen war' ich wahrhaftig noch nach Berlin gereist: das ist man sich schuldig: dies hätte sie sehr erhoben. Ferdinand freut mich; ich denke über das Kind wie du: er müßte mir ein Robert werden; wird es auch wohl doch, und bald! Alles grüßt dich. — Sag Theodor, ich hätte gestern in der - Komödie Mad. Chevalier gesprochen, die heute nach Mainz geht, den Winter dort zuzubringen, weil Frankfurt zu ennuyant ist — sagt sie — und theuer ist, und sie künftigen Sommer nach Schwalbach soll: solche Veränderung hätte ich nur bei Major Kaphengst gesehen: sie ist eine Andere: und sieht der in Reinerz auch nicht ähnlich. Höflich und freundlich übrigens. Thu mir den Gefallen, und trag' ihm auch diese meine mir sehr am Herzen liegende litterarische Angelegenheit vor! Da die Neujuden es nun einmal — in die Wette mit den Neuchristen — durchgesetzt haben, ihre Mädchen einzusegnen — die bisher, rein unter Gottes Obhut blühten — und in besonderen Kapellen und Tempeln deutsch zu predigen und zu beten, und modernen Ceremonien zu folgen, so soll er mir helfen, daß auch das Gute davon entstehe, daß des Moses Mendelssohn Uebersetzung der Bücher Moses, in wirklich deutschen Lettern — aber nicht lateinischen, sondern deutschen wie Luthers Bibel — gedruckt werde. Es schreibt bis jetzt niemand besser Deutsch, als dieser wahrhafte Künstler in d e r Sache; Hebräisch wußte er gewiß sehr gut: ich bin gewiß, die Uebersetzung ist ein Meisterstück, ganz deutsch, und doch dem Originale nah. Wer aber kann sie mit den jüdischen Lettern lesen? Mache, daß dies durch eine Subskription bei den Juden zu Stande kommt. Ich unterzeichne gleich. Ich halte unendlich auf die Ausführung dieses Gedankens, der so ein alter von mir ist: wär' ich nicht nur ein toller, sondern auch ein reicher Engländer, ich hätte es längst allein gethan, und dieselbe Uebersetzung mit deutschen Lettern drucken lassen. Es ist gewiß vortrefflich und ersprießlich; wie alles sehr Gute und Schöne. Ich will mal sehen, was du vermagst. Lebe wohl, Theuerster! Morgen bekomme ach wieder einen Brief von dir! Ich umarme dich in Liebe. Deine R. Sechs Botschaften und Billete störten mich im Schreiben. Das Schreiben hat mir nicht schlimm gethan. Adieu! — Das ewige Purim Von B i n j a m i n Kein Buch der Bibel ist so vielen und so scharfen Angriffen einer unfreundlichen Kritik ausgesetzt gewesen, wie das Buch Esther, das die Entstehungsgeschichte des Purim-Festes erzählt. Man hat die Moral des kleinen Buches getadelt und ihm vorgeworfen, daß es Haß und Rachsucht predige, man hat seine Personen, namentlich Mordechai und Esther im unvorteilhaftesten Lichte geschildert, schließlich hat man sie alle des Daseins beraubt, hat dem Buch die „historische Wahrheit" abgesprochen und die ganze Erzählung ins Reich der Fabel verwiesen. Von jüdischer Seite stellte man mit Erstaunen fest, daß in dem ganzen Buche der Name Gottes nicht ein einziges Mal vorkommt (was übrigens auch im Hohen Lied der Fall ist). Nöldeke hat ausgerechnet, daß das Wort „Mischthe" (Trinkgelage) im Esther-Buch nicht weniger als zwanzigmal vorkommt, genau so viele Male wie in allen anderen Büchern der Bibel zusammengenommen. Zunz stellt nicht ohne Bitterkeit fest, daß das Wort „König" darin 187mal, „Königreich" 25mal, aber Gott nicht ein einziges Mal genannt wird. Man hat auch für die ..Schlemmerei und Völlerei", der sich die Juden angeblich am Purim zu ergeben pflegen, das Buch Esther verantwortlich gemacht, hat aber vergessen, einen Blick auf den Karneval zu werfen, der um dieselbe Zeit stattzufinden pflegt, und an dem auf diesem Gebiet ganz andere Dinge geleistet werden, Dinge, wie sie die Juden in ihrer ausschweifendsten Phantasie nicht geträumt haben. Im Mittelalter erregte das Fehlen des Gottes-Namen im Esther-Buch das Bedenken der Kommentatoren, welche das zu erklären suchten. Am nächsten kommt der Wahrheit der berühmte spanische Prediger aus dem 15. Jahrhundert, Isaak Arama, der Verfasser des bekannten „Adekat Izchak", der annimmt, das Buch sei auf Bitten Esthers von den Männern der Großen Versammlung aus dem Persischen ins Hebräische übersetzt worden. Der Stil des Buches unterscheidet sich in der Färbung und im Ton von allen anderen Prosabüchern der Bibel. Uns heutigen, die wir eine große Anzahl klassischer hebräischer Prosaübersetzungen aus arischen Sprachen besitzen, drängt sich dieser Gedanke von selber auf. Viel getadelt (weil gänzlich mißverstanden) wurde es, daß Esther auf Mordechais Geheiß 1' s. A. ihre Abstammung verbirgt Man deutete diesen Ausdruck als Gesinnung derer, die sich in unserer Zeit „nicht zu erkennen geben", weil ihnen das zur Karriere nützt oder den Verkehr in nichtjüdischer Gesellschaft erleichtert. An der Gestalt der Esther fanden die geistesaristokratischen Kreise, die an ein heroisches Empfinden gewohnt waren, kein sonderliches Gefallen. Erstens war das Errettetwerden durch höfische Frauenprotektion anstatt durch Kampf im Namen Gottes nicht nach ihrem Geschmack. Man mißbilligte es ferner, daß sie die Gattin . eines Nichtjuden, wenn auch eines Königs, wurde und ersann ein Wunder, um diesen Schritt zu rechtfertigen. Von der Gestalt der Esterka, die als Geliebte des Königs Kasimir des Großen von Polen im 14 Jahrhundert ihrem Volke eine Beschützerin geworden sein soll, haben sich ja nur bei den Polen, nicht aber bei den Juden Erinnerungen erhalten. Das kleine Buch hat für alle diese Verunglimpfungen Revanche genommen, indem es anstatt der ihm von der Professorenweisheit abgesprochenen historischen Wahrheit eine höhere, man möchte sagen eine welthistorische, eine psychologische Wahrheit bewährte. Die Gelehrten verwechseln nämlich Wahrheit mit Wirklichkeit. Wenn man Kindern eine Geschichte erzählt, fragen sie immer: „Ist das auch wirklich wahr?" Sie möchten nämlich wissen, ob Hänsel und Gretel, Rotkäppchen, Aschenbrödel, die Menschenfresser, Rumpelstilzchen und Rapunzel irgendwo wirklich zu sehen, zu greifen und zu haschen wären. Die Kinder können natürlich nicht ahnen, daß eine erdichtete Geschichte, die sich nie zugetragen hat, tausendmal wahrer sein kann, als ein Ereignis, das wirklich stattgefunden, sogar mehrere Male stattgefunden hat und dennoch tief unter der Wahrheit steht, nämlich kein Element des ursächlich zusammenhängenden Weltgeschehens spiegelt, sondern nur eine zufällige Aufeinanderfolge sinnloser, unbedeutender Vorkommnisse, zusammenhangloser Fragmente aus dem Kaleidoskop des Völkerlebens. Manches Grimmsche Märchen schließt, obwohl es nie wirklich gewesen, tausendmal mehr Wahrheit in sich, als manches Jahrhundert russischer Geschichte voll derber, schreiender Tatsachen, die aber doch nur ein wüstes Durcheinander sinnlos-roher Missetaten von oben und