Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 7 (3.1933)
- Date
- 1933-03-01
- Page
- Seite 159 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 159« Dies Erblühen geschah aus der Kraft, die Rahel im äußersten Gegensatz gegen das schwächliche Vergessen zur Durchdringung des Leides aufruft: aus der Erinnerung. Wach und wissend muß sie sich den Stachel des Leides immer tiefer ins Herz drücken, um es sich in seiner vollen Wahrheit klar zu machen, es in immer weitere und höhere Lebenszusammenhänge einzuordnen und so, unmittelbar im brennenden Leid über sich selbst hinausgeführt, zu erkennen: „Und alles erinnert mich an alles." So spricht sie vom Leben der Menschen, der Staaten, der Geschichte in einem Atem mit ihrem wilden, unergründlichen Schmerz; es ist alles dasselbe, alles aneinander angeschlossen, alles einander klärend; nichts erscheint ihr mehr einzeln, losgelöst vom andern; durch ihr immer tieferes Erinnern selbst dringt sie in den Wahrheitszusammenhang der Dinge hinab. — Erinnerung: intensives Bewußtwerden ihrer Zusammenhänge als Heilkraft der Leidenschaft wie als Weg zur Wahrheit, — zwei durch Geschichte und Denken weit getrennte Namen steigen vor uns auf: Spinoza und Freud. Und wirklich weiß Rahel bereits wie Freud — und wieder wie Spinoza: daß selbst physischer Schmerz nur Verwirrung ist, in die wir nicht einzudringen vermögen. Welche Grundkraft des jüdischen Wesens ist hier am Werk? Es ist eine Beziehung zur Wahrheit, die Rahel wie Spinoza gemeinsam war und die noch in Freuds zerstörter Welt deutlich erkennbar wieder aufleuchtet. Es ist die ursprüngliche Beziehung zum Gesetz, zur Ordnung, zur Wahrheit, der der Mensch in jedem seiner Gedanken, in Erkenntnis und Selbsterkenntnis unnachläßlich verpflichtet ist und die allein, wie einst das am Sinai gegebene Gesetz Gottes, die unergründlichen Dunkelheiten seines Daseins entwirrt. In Rahel ist diese Beziehung noch völlig deutlich. Sie ist eine der letzten großen Gestalten, die noch rein und ohne jede Trübung aus der ursprünglich erlebten göttlichen Gesetzlichkeit der Welt lebten. Auch ihr ist es wie Spinoza gewiß, daß der Grund der Welt reine Wahrheit ist, daß all die unendliche Wirrnis und Verwirrtheit der menschlichen Schicksale und Gedanken auf nichts anderem beruht als auf der Blindheit und Unwissenheit der Menschen. Während aber Spinoza der ursprünglichen Göttlichkeit und Wahrheit der Welt sich im Geist durch immer reineres Denken anzunähern strebt, sucht Rahel, die Schülerin Goethes, die von der Romantik Geprägte und sie selbst Mitprägende, diesen Weg mit ihrem ganzen Leben: mit der ungeheuren Liebes- und Leidenskraft ihres Dasein:?. Während Spinoza als reiner Denker die Fülle der Wirklichkeit (An Varnhagen) Frankfurt a. M.. Dienstag, den 28. Oktober 1817. Rauhes, sonnenloses, garstiges Wetter. Gestern Abend ein Nebel, wie in Holland; man konnte sich ein Stück davon mit nach Hause nehmen. Liebster August! Ich denke beständig daran, wie du heute meinen Brief erhältst, der da klagt, daß ich keinen von dir habe: und erst morgen den. worin ich dar sage, daß ich einen nach erhielt: seit der Zeit freue ich mich damit! Und Sonntag erhielt ich wieder deinen großen lieben Brief! Wie soll ach auf alles das antworten, so antworten, wie ich es im Lesen und Wiederlesen aufnahm! Zum Glück hab' ich aus Vorsorge Ernestinen, Fanny und Hannen gestern schon geschrieben. — Ich machte gestern noch große Koursen; ging mit Golz'ens in Otto von Wittelsbach, wo Eßlair vortrefflichst spielte — den Mord, den Zorn! — daß man's einsah — war nachher noch bei ihnen; und das alles mit einem ächten Herbsthusten, der mich zu gewissen Stunden des Tages fieberartig alteriert; der oft ein Schnupfen werden will, den ich mit Emser traktire, und nun bald in Ordnung setzen will. — Das Federführen gab mir gestern Fieberbewegungen, und komplete Dämlichkeit; sonst hätte ich doch wohl schon .gestern deinen Liebesbrief zu beantworten angefangen! Ich wollte es mehr als zwanzigmal in Gedanken. Noch nicht einen Augenblick, mein lieber August, hab' ich es bereut, nicht die kurze Reise, im dicken Herbst, nach Berlin mitgemacht zu haben: wenn ich auch öfter schon gewünscht habe, bei dir zu sein; dir zur Seite zu sein: so war mir, selbst daß dies nicht der Fall ist, schon sehr lieb, und ist es mir noch. In meiner Begleitung hätte deine Reise schon ein ganz anderes Ansehen bekommen; schon gar nicht als eine eilige ausgesehen, wie sie es doch ist. — Berlin regrettire ich in diesem Augenblick gar nicht; die Geschwister hab' ich gesehen. Moritz'ens soll ich verwarf, wirft Rahel sich einem mutigen Schwimmer gleich hinein. Nur wenn sie selbst mit dem Einsatz ihrer Person das andere Ufer erreicht, ist es ihr wahrhaft gewonnen. Aber dies war die Begnadung, die in all diesen zerstörenden Schicksalen ihr Leben unzerstörbar trug: der Grund, das andere Ufer, die echte Heimat ihres Daseins, war die Wahrheit. Nie entschwand Rahel die Gewißheit des unmittelbaren Teilhabens, des ursprünglichen Geborgenseins im Wahrheitsgrund der Welt. Darum ist sie, sobald sie nur wieder atmen kann, nur Avieder bei sich ist, geborgen. Und darum erfährt sie in sich selbst immer wieder jene tiefe festliche Freude im Gesetz, die keinem großen jüdischen Geist je gefehlt hat: die Freude an der reinen Göttlichkeit des Lebens selbst, deren Ueberschwang im Geiste, sobald er rein dem Ganzen zugewandt ist, heraufsteigt. Nicht anders als Spinoza war auch ihr die Freude nur das Zeichen für das Beisichsein des Geistes, sein natürlicher Zustand. Darum war das Letzte in Etahels Leben V ertraue n. Vertrauen zu eben jenem göttlichen Grund, der sie trug. Nichts ist für ihr Lebensgefühl bezeichnender als der Traum, den sie zuerst als siebenjähriges Kind träumte, und der sie ihr ganzes Leben hindurch — immer, und eharakteristischerweise gerade in den qualvollsten Zeiten, wiederkehrend. — zuletzt noch als waches Bewußtsein in die Todesqualen ihrer letzten Krankheit hinein begleitete: daß sie Gottes Mantel in weitem Blau über sich ausgebreitet sähe und daß er ihr erlaubte, zu seinen Füßen auf einer Ecke seines Mantels zu ruhen. Das ist Rahel in ihrer ganzen kindlichen Trostbedürftigkeit und ewigen Trostgewißheit, die sie unter den Menschen nicht finden konnte, die ihr aber im eigenen Lebensgrund unerschütterlich bezeugt war. Aus diesem ursprünglichen Geborgensein im göttlichen Wahrheitsgrund der Welt kam ihr das wunderbar Auftreffende, die schlagende Richtigkeit ihrer allgemeinen Wahrheiten: ihrer geschichtlichen Rückblicke und Voraussichten, die nicht nur die Vergangenheit und Gegenwart, sondern noch unsere trübe Zeit mit erleuchten und überleuchten: Wahrheiten; die oft wie Worte der Sibyllen aus dem Weltgrund selbst geschöpft, von Ewigkeit zu Ewigkeit gesprochen scheinen. Das unerschöpfliche Verstehen alles Menschlichen, das Bewegende und Liebreiche ihrer nahen menschlichen Wahrheiten aber entspringt daraus, daß ihr großer Geist seine Wurzel hatte in einem noch größeren Herzen. sehen: und die Stadt lieb' ich im Frühling und Frühsommer mehr, und wenn sie sich erst wieder wird gesetzt haben nach dem großen Aufstand. Du weißt, wie ich Aufgepustertes hasse; Feste vermeide etc.! Den ehemaligen Freund kenne ich: d. Ii. von dem wundert es mich weniger als von manchem Andern, wie allerlei aus ihm werden konnte: aber ich sehe doch nun erst, daß das. was ich in ihm für eine Seelenblütlie. für Milde hielt, auch nur Biegsamkeit aus Schwäche war: er pflegte meine Aeußerungen schon auf eine Art zu bewundern, die den höchsten Widerspruch in ihm offenbarte, und mich nur stutzig und ungeduldig machte: er gab mir bewundernd zu. was ich behauptete, und reservirte sich einen nicht mit Gründen zu belegenden Widerspruch: ein dunkles Bedürfniß. etwas zu vergöttern, ließ sich bei ihm spüren, wozu ihm die Macht fehlte einen Gegenstand zu finden; weil das Bedürfniß der Vernunft, und der Sinn für das, was da ist, der Wahrheitssinn, bei ihm nicht scharf genug ist. Der faule Punkt im Geschlecht, woraus sich alle Geistesepidemieen, Schwächen und Erhitzungen bilden: all jene Krankheiten! in all ihren ekelhaften und merkwürdigen Nüancen. Solche Leute können auch grausam werden; wie man längst darthat, daß Grausamkeit sich aus Schwäche erzeugt. Dieses ganze Gelichter von epidemischen Geisteskrankheiten wurde, in der verschrieenen Aufklärungsepoche, von den braven Aufklärern, heilsam und unschädlich durch Lächerlichmachen gehemmt; man sieht: nicht auskurirt; doch hoffe ich, eine Stufe tiefer im Volke. Ich wollte nur von dem Einen sprechen, und spreche von Allen; sie empören mich zu sehr; und mein neuster Gedanke drängt sich auch hier wieder ein. Jeden großen Irrthum, nämlich der in seinen Folgen so groß werden kann, werden Nationen nur durch Blutvergießen los. Je mehr in Massen gehandelt wird und geschieht,. Ein Brief der Rahel