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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-03-01 · 7 (3.1933) · p. Seite 158

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
7 (3.1933)
Date
1933-03-01
Page
Seite 158 (sequence 4)
Language
German
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Seite 158 Rahel Von Margarete Susman „Ein schönes Leben hatte ich nicht; aber gottgeliebt war ich doch. Es war immer Feiertag in mir." Rahel Dia seltene Frau, die am 7. März vor 100 Jahren ihre Augen schloß, gehört nicht nur zu den größten Frauen, sondern überhaupt zu den wahrhaft .großen Menschen der deutschen wie der jüdischen Geschichte. Zutiefst mit den Bildungsgeltalten der deutschen Welt, die damals so üppig wie je blühten, gesättigt, ist sie doch in der Grundstruktur ihres Wesens, weit mehr, als ihr selbst bewußt war. ein wahrhaft jüdischer Mensch gewesen. Die Lebens- und Wesensform Rahels ist uns heute die denkbar fernste. Die Geselligkeit in ihrer höchsten Blüte, die der Unterbau ihrer Existenz war, die sie selbst einmal als „das Eigentliche, das Menschlichste unter Menschen, als den Inbegriff und Ausgangspunkt aller Moral" ausspricht — ist uns heutigen von der Wirklichkeit bestürmten und aufgezehrten 'Menschen ebenso entfremdet wie der Begriff der universalen, zu voller Blüte entfalteten Persönlichkeit, den Rahel in so einziger Weise repräsentiert, daß Gentz ihr einmal schreiben konnte: „Sie allein sind bei dem lebendigen Gotte Ihr eigener Typus und Archetypus." Rahel gehört dem Berliner Romantiker kreis an, der — ursprünglich von der genialen Geselligkeit Moses Mendelssohns begründet — bald die erlesensten Namen der Zeit,, den Adel des Geistes und der Geburt, in sich umfaßte. Wenn hier Geselligkeit gepflogen wurde, so bedeutete das einen Dienst am reinen Geist, wie er in so glanzvollem Reichtum, in so schwebender, sorgloser Leichtigkeit, abseits von der vollen Lebenswirklichkeit und doch als ihre höchste Krönung nur in jenem einen Augenblick möglich war. Und nur diese äußere und innere Lostgelöstheit und Freiheit einer rein geistigen Existenz konnte zugleich als ihre vollkommenste Frucht eine Persönlichkeit wie die Raheis hervorbringen, deren Lebenssinn einzig das freie Ausströmen ihres Geistes selbst war. Aber obwohl Rahel mitten unter diesen Menschen lebte, geschätzt, bewundert, verehrt von einem Goethe, Jean Paul, Schleiermacher, Humboldt, Kleist, die nahe Freundin des genialen Prinzen Louis Ferdinand und vieler anderer außerordentlicher Menschen, die jeder in seiner Art die Einzigkeit ihres Geistes anerkannten — nichts wäre falscher, als in ihr nur eine geistreiche Frau zu sehen, deren geniale Aeußerungen ein bloßes sprühendes Feuerwerk abgelösten Geistes gewesen wären. Nie war eine zähere Einheit aller Kräfte in einem Menschen vorhanden. Und zweifellos liegt es auch an 'dieser Einheit, daß Rahel uns kein abgelöstes Werk hinterlassen hat. Aber daß es nur eine unermeßliche Anzahl von Briefen und einige Tagebucbaufzeichmmgen sind, ist eben darum kein bloßes Nur. Mar man das Fehlen eines geschlossenen Werkes bei der eminenten Kraft dieses Geistes beklagen — es ist dennoch nicht abzumessen, was Raheis unmittelbare, höchst persönlich hingeworfene Aeußerungen dafür an Freiheit, an Unmittelbarkeit, ja an uneingeengter Unbedingtheit der Wahrheit gewinnen. Daß alle ihre Aeußerungen ihr mehr „entfahren", als . daß sie si-3 'erarbeitet hätte, ist für die Nachwelt ein seltenes Glück. Ein Leben ständigen Schaffens, unablässigen Produzierens, das doch den Begriff der Arbeit, der Erarbeitung im strengen Sinne nicht gekannt hat, gibt uns eine Offenbarung der Wahrheit in einem Aggregatzustand des lebendigen Fließens, als reines „Wunder der Existenz", wie wir ihn sonst kaum je in der Geistesgeschichte wiederfinden. Aber nie würden diese Aeußerungen für uns den großen Wert besitzen, der ihnen tatsächlich zukommt, wenn ihre Willkür und Vereinzelung nicht eine rein äußere wäre, wenn nicht vielmehr ihre Größe gerade darin bestände, daß ein ursprünglicher strenger Wiahrheitszusammenhang alles Einzelne in ihnen unterbaut. Wie scheinbar zusammenhangslos und rein vom Augenblick und dem augenblicklichen Zustand bestimmt in diesen Briefen alles herausgeschleudert ist, wie sehr hier jede klare Ordnung zu fehlen scheint: auf dem Grunde ist sie durchaus gegenwärtig, weil Ordnung, Wahrheit, Gesetz der Grund von Raheis Leben selbst war. Darum fällt auch das Allerpersönlichste. fallen ihre tiefen Verstimmungen, ihre leidenschaftlichen Klagen, Empörungen und Verbitterungen, fallen auch die Orts- und Menschenschilderungen, fällt selbst der jedem Briefe vorangesetzte knappe und charakteristische Wetterbericht nicht aus diesem fest geschlossenen Ganzen heraus. Denn in all diesem ist nie eine bloße gleichgültige Tatsächlichkeit berichtet — sondern alles, jede Einzelheit erhält Bedeutung und Sinn aus dem Gesamtzusammenhang von Rah eis Leben, das als Ganzes gesehen ein einziger Dienst an der Wahrheit war. Denn die Beziehung Raheis zur Wahrheit war eine durchaus andere als die der übrigen Frauen der Romantik. Wo Caroline durch ihre Wahrheit auch im Fremdesten haargenau der Kreis ihres eigenen Lebens, und was ihm diente, erleuchtet wurde, so daß sie jenen genau auftreffenden Wahrheitssinn besaß, von dem Friedrich Schlegel einmal schrieb, er könnte nicht so unaussprechlich tief sein, wenn er rein wäre — da erleuchtete umgekehrt die Wahrheit Raheis kraft ihrer durchdringenden Reinheit durch ihr eigenes Leben ihr auch das Fernste und Fremdeste. Und wo Bettina mit der natürlichen Grazie ihres Geistes und Witzes leicht wie eine Eidechse durch die Wirklichkeiten um sie her, die sie wohl sah, hindurchschlüpfte oder sich durch Scherze und Paradoxieren, ja durch manche Lügen gegen sie half, — wo die Günderode traumhaft über das Wirkliche hinwegblickte, weil sie nicht in ihm, sondern in einer fernen Vergangenheit ihre Heimat hatte — da war Rahel gezwungen, jederzeit mit rücksichtsloser Leidenschaft den Wahrheitsanspruch ihrer unbestechlichen Augen und ihres unbestechlichen Herzens anzumelden. Und wenn ihr Leben nicht wie das der anderen Frauea der Romantik leicht und harmonisch, blumengleich sieh entfalten konnte, wenn ihre Seele, wie Clemens Brentano ihr einmal in geistreicher Roheit schrieb, „kein Hemd ohne Naht" hatte, so kam das sicher nicht allein daher, daß dies Gewand zart und verletzlich gesponnen war xmd daß es von frühester Kindheit an schicksalsmäßig immer wieder verletzt und zerrissen wurde und aller ihrer Kräfte zu seiner Heilung bedurfte, — sondern ganz gewiß auch von der Größe und Unbeirrbarkeit ihrer Wahrhaftigkeit. Nie und nirgends konnte Rahel ausweichen und sich anpassen. Es gibt in ihren so verschiedenartigen Aeußerungen persönlichster wie objektivster Art kein halbes, kein falsches oder zweideutiges und trotz ihrer rasenden Leidenschaft und Ichbezogenheit kein eigennütziges und kein ungerechtes Wort. Auch das scheinbar Uebermäßige und Allzupersönliche ist mit dem strengen Maß der Wahrheit gewogen. Aber es gibt in ihnen auch kein bloß gedachtes Wort. Hierin Goethe verwandt, kennt Rahel kein in sich selbst kreisendes Denken, kann sie immer und überall nur an das Wirkliche, an das Erfahrene anknüpfen. Unmittelbar tragen ihre eigenen ganz realen Erlebnisse und Erfahrungen sie in immer weiteres Verstehen und Wissen, in immer tiefere Wahrheitszusammenhänge hinein. Eben weil alle Kräfte ihres Lebens eine derart durchdringende und unzerreißbare Einheit bilden, konnte sie auch zur Wahrheit nur durch das Ganze ihres Daseins gelangen. Darum ist ihr zu einer der tiefsten Wahrheitserschließungen das Leid geworden: das Leid, mit dem ihr Leben so überreich gesegnet ivar — trotz all ihrer unermeßlichen Leidensfähigkeit letzhin gesegnet. Denn der Schmerz war in ihr eine Kraft ohnegleichen: bestimmt, sie in das Herz der Wahrheit selbst zu führen. ..Alles in der Welt, nur nicht sich trösten" — dies Wort weist auf die große produktive Rolle des Schmerzes in ihrem Leben hin. Nie hat sie ein Leid beiseite geschoben, nie es zu vergessen gesucht; immer hat sie es bis zur Neige geleert, um ganz auf seinen Grund zu gelangen; nie auch hätte sie, in so tiefer schwesterlicher Menschlichkeit sie Kleists Selbstmord begriff und so nah ihre Seele selbst mehr als einmal über demselben Abgrund schwebte, seinen Weg gehen können. Denn erst galt es für sie Ordnung zu schaffen: jene Ordnung, ohne die sie weder leben noch sterben konnte. An der Gewalt und Fruchtbarkeit des Schmerzes selbst erkennt sie — was Spinoza denkend erkannt hat —, daß der Schmerz Unordnung, Verzerrung und Verwischung des reinen Wahrheitsgrundes der Welt ist. Darum arbeiten all ihre Kräfte mit fieberhafter Gewalt dem zerrüttenden Andrang des Schmerzes entgegen. Nie arbeitet ihr Geist kräftiger, hellsichtiger als im dunkelsten Leid. Es gibt nichts Erschütternderes, als inmitten des weitesten und klagendsten aller Briefe Raheis, wo ihr Leben zertrümmert zu ihren Füßen liegt, wo sie eine ganze Tränenflut über ihrem Herzen fühlt, das Wort aufgehen zu sehen: „Sie können sich das ewige Erblühen meines Lebens gar nicht denken."

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