Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 6 (2.1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- Seite 155 (sequence 21)
- Language
- German
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Seite 155 schatten oder Schutzaufsiehten übernehmen, und ähnliches tun, müssen wir zunächst einmal unsere Illusionen, unsere unbescheidenen Forderungen begraben. Wir müssen herangehen mit dem deutlichen Wissen' um die Begrenztheit unserer Möglichkeiten und mit der Bescheidenheit, die mau bekommt, wenn man merkt, daß die Erfahrung, die uns aus dem Wissen von dem Leben dieser Menschen kommt, viel mehr ist als das, was wir im besten Falle tun. Helene Kahn Wie Jugend der Jugend helfen kann In den Beziehungen der Menschen zueinander nimmt die Sozialarbeit einen großen Raum ein. Jugend wird durch sie erfaßt und will an ihrer Gestaltung mitarbeiten. In normalen Zeiten fand die Wechselwirkung "zwischen Sozialarbeit und Jugend in der Schaffung von Organisationen der J u g endpf lege ihren Ausdruck, die auch noch heute von den Förderern der Sozialarbeit unterstützt werden. Die Erzieher übten und üben auch heute noch ihren Einfluß auf die Jugendvereine aus. Revolution entstand, als die Jugendbewegung jeden Einfluß von außen ablehnte und den ,.W i 11 e n zur eigene n Verautwort u n g" sich zur Devise machte. War bis zur Entwicklung der Bewegung Jugend passiv, so wollte sie in¬ Zukunft aktiv, gestaltend, wirken. Nachdem jetzt Jugendpflege und J u g e n d b e w e g u n g derart ineinander übergehen, nachdem die Jugend in einer chaotischen Zeit groß wurde uud die Sozialarbeit — Sozialpolitik und Fürsorge — Frage des täglichen Lebens geworden ist. ist in dieser Zelt Jugend mit Sozialarbeit unlösbar verbunden. Obwohl der Gedanke des Mitbestimmungsrechtes im Vordergrund stehen müßte, ist bedauerlicherweise festzustellen, daß heute praktisch die Jugend keinen Einfluß auf die Sozialarbeit hat. Gibt es nun in Fragen der Sozialarbeit für den j u n g e n Juden eine S o n d e r s i t u a t i o n? Aus pädagogischen', psychologischen und wirtschaftlichen Gründen ist diese Frage zu bejahen. In der jüdischen sozialen Arbeit werden sowohl vorbeugende als auch fürsorgende Maßnahmen getroffen, die durch das ganze Leben gehen. Von den Maßnahmen für Jugendliche, seien nur erwähnt: Heime, Erziehungsfürsorge. Erholungsfürserge, Berufsberatung. Bei allem Willen der Jugendlichen zum -Helfen ist aber bis jetzt nur sehr wenig vorhanden. In einigen wenigen Heimen gibt es Selbstverwaltung, in anderen l'nterhaltungsabende durch Jugendliche. Es gibt die ..Selbsthilfe der Jugend" im Kollektiv (beispielsweise in Berlin). Patenschaften (Betreuung Jüngerer in Heimen) und eine Reihe von Kleinarbeiten, bei denen jeder Bund seinen Weg geht. Daß dieses Wenige der Jugend nicht genügt, ist selbstverständlich. Warum fällt es ihr so schwer, den guten Willen in die Tat umzusetzen? Hier muß eine Kritik an den jüdischen Fürsorgestellen ausgesprochen werden, wie sie sich bereits bei dem Schulungskurs der jüdischen Sozialarbeiter im Winter 1930 in Seesen zeigte. Es fehlt an geeigneten freiwilligen Kräften in der Fürsorge, aber man kümmert sich nicht genug um den Nachwuchs. Mit einigen Referaten ist es nicht getan, es muß hier im Interesse der Jugend und der Sozialarbeit Bahn gebrochen werden zu neuen Formen. Es gilt, einerseits die Begeisterung der jungen Menschen zu wecken, zu erhalten und zu vertiefen, andererseits sich einordnen und nach und nach in die Arbeit einzudringen. Es muß dem jungen Menschen die Möglichkeit gegeben werden, sich mit dem Bestehenden auseinanderzusetzen. Die anzustrebende Wechselbeziehung — bei der als günstiges Vorzeichen auf beiden Seiten der Wille zum Helfen vorhanden ist — kann zu einem die Fürsorgearbeit befruchtenden Ergebnis geführt werden. In der Praxis wird diese Arbeit Schritt für Schritt vorwärts gehen. Den Anfang bildet eine Besprechung des Gewollten, dann folgt Kleinarbeit und dann erst ein allmähliches Hineinwachsen in die Arbeit. Die Bünde müssen sich untereinander verständigen, um je nach ihrer Einstellung Verbindung mit den Zöglingen der Heime zu erhalten. Es können außer Cnterhaltungsabenden in allen Heimen Fahrten mit den Jugendlichen der Heime unternommen werden. Auch eine große Anzahl von Kindern und Jugendlichen, die nicht in Heimen untergebracht sind, wäre durch gemeinsame Spaziergänge und Fahrten zu erfassen. Daß man die bereits in die Bünde eingereihtem Erwerbslosen besonders behutsam betreut, ist ganz selbstverständlich. In den Ferien können außer der Ferienkolonie - die immer nur einem bestimmten Kreis von Nutznießern zugute kommt — Ferienveraust;>!tuügeu unter Eiebeziciituig der Schüler und Jugendlieben KrwcrtMosen gemach; werden. Das Erwerbslosenheim der jüdischen Jugend und der Freiwillig- Arbeitsdienst bieten noch eine Reihe von Möglichkeiten. Darüber hinaus muß aber auch erreicht worden, in der offenen Fürsorge mitzuwirken. Außer rein mechanischer Arbeit muß das Paten- und Pflegschaftswesen ausgebaut werden.!>-t jugendliche Einzelgänger, der den Weg der Fürsorgeerziehung, des Asozialen, der Abkehrung' von der Genieinsehaft geht, muß erfaßt und in die Gemeinschaft gestellt werden, da-uiit die ihm fehlende ..Nestwärme" Aviedcrgewonnen wird. Audi das Zusammenkommen mit Jugendlichen in Kleingemeinden gehört in den sozialen Aufgabenkreis der jüdischen Jugend. Das bereits in kleinen Anfängen Vorhandene - z. I!. Nachhilfeunterricht. Chamikkabesehenkimg. 1 Muvhführuug von Sammelaktionen für Kleider und Lebensmittel. Mitnehmen von Jugendlichen auf Fahrt — darf nicht genügen. Auch das Frankfurter ..Tagesheim für die erwerbslose jüdische Jug-nd" ist hier nur ein. wenn auch erfreulicher Anfang. Wichtig ist. daß die Wohlfahrisstellen den Bünden keine Arbeit zuweisen dürfen, denen sie nicht ohne weiteres gewachsen sein können, aber auch seitens der Bünde darf kein Dilettantismus in der Fürsorgearbeit eintreten. Der Führer eines Bundes mag ein guter Führer sein, deshalb ist er noch kein Fürsorger. Der einzelne mag ein guter Kamerad im Bunde sein, deshalb ist er es noch nicht dem von außen Kommenden. Auch die Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde kann nur Spitze, aber keineswegs alleiniger Träger der Arbeit sein. Die jüdische Jugend hat hier unbeschadet ihrer sonstigen Interessen eine große Aufgabe. Will sie mitbestimmen, so muß sie sich schulen für die soziale Arbeit. Diese S c h u 1 u n g kann nur erfolgen im Einvernehmen mit den sozialen Institutionen. Es ist zu wünschen, daß diese Arbeit an der Jugend sich bald für alle Teile zufriedenstellend auswirken möge. M a 1 1 y B e n j a m i r; Erfahrungen eines jüdischen Jungarbeiters Wenn sich heute zwei Arbeiter begegnen und fragen, wie es geht, so hört man das Wort „notverordnungsgemäß". Dies charakterisiert die heutige Lage der sozialen Fürsorge. Ich bin 21 Jahre und habe das Bäckerhandwerk erlernt. Ich habe auch andere Berufe ausgeübt, die mir aber nicht weiterhalfen, als bis zu der .großen Armee der Arbeitslosen. Als ich im Jahre 1930 arbeitslos wurde, hatte ich noch etwas Geld. Jeder Unterstützungsempfänger hatte damals eine Karenzzeit von drei Wochen durchzumachen, bis er seine Unterstützung bekam. Ich hatte bald mein erspartes Geld aufgebraucht. Nach der Wartezeit bekam ich eine Unterstützung von 13.80 Rm. Ich hatte die Woche 5 Rm. Miete zu zahlen, und mußte von den übrigen 8.80 Rm. meinen Unterhalt bestreiten sowie Wäsche und Kleider in Ordnung halten. Ich ging zu der jüdischen Wohlfahrtsstelle in der Langestraße. Dort bekam ich unentgeltlich Eßkarten für die Suppenanstalt und die Einhorngasse. Aber das war alles einmal. Wie wurde es, und wie ist es jetzt? Mitte des Jahres 1931 kam die erste Notverordnung für die Sozialversicherung. Ich bekam daher gleich i\7i) Hm. abgezogen. Bald darauf kam wieder eine Notverordnung, nun hatte ich 9.80 Rm.. eine fürstliche Unterstützung, die zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel ist. Heute bekomme ich noch 9.40 Rm.. sonst nichts. Aber wo bleibt die Unterstützung von Seiten der jüdischen Wohlfahrtspflege? Eßkarten bekommt man nicht mehr, die bekommt der Durchwanderer. Geldunterstützung gibt es fast gar nicht. Warum? Man behauptet, es gäbe noch Aermere als ich. Das ist absolut wahr, aber kann ein Mensch von 40 Pfg. pro Tag leben? Es gibt der Armen viele, maßlos viele. Der amerikanische Journalist Knickerbocker behauptet in einer Elendreportage durch Berlin, diß die Arbeitslosen mit solchen Unterstützungen höchstens 3 Vis 10 Jahre leben können, und danach wird keine Medizin mehr imstande sein, den Menschen vor dem Tode zu retten. Ich darf nur 1.40 Rm. die Woche verdienen, was mehr ist. .bekommt man an der Arbeitslosen-Unterstützung abgezogen. Zuschüsse für Schuhe und Kleider gibt es nicht, nur bei Ausnahmen. Mein Freund, ein Ausländer, der genau so arm ist