Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 6 (2.1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- Seite 154 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 154 leisten will, daß er nicht nur den -allerdings unbedingt notwendigen Willen hat, seinem Mitmenschen zu helfen, sondern daß er sich auch politisch entscheidet oder zum mindesten den Willen zur politischen Entscheidung mitbringt. Die Sphären des Politischen und Sozialen sind nicht von einander zu trennen — das beweist zum Beispiel jede Etatberatung in Reich. Ländern oder Gemeinden — und wer behauptet, lediglich aus ..reiner Menschlichkeit" Sozialarbeit zu leisten, schafft sich damit eine Ideologie, die dazu dient, den eigenen Standpunkt zu verdecken und als den absolut richtigen und menschenwürdigen erscheinen zu lassen. Wir fordern damit, daß Menschen, die in der Sozialarbeit beruflich oder ehrenamtlich tätig sind, zweierlei mitbringen: Aufgeschlossenheit gegenüber der Not jedes Mitmenschen und den Wallen zur Veränderung der Gesamtsituation. Wenn wir mit dieser Haltung an die Arbeit herangehen, wird es uns klar werden, wie sehr soziale Arbeit fast in jedem Einzelfall heute Stückwerk bleibt, wie wenig wir in Wirklichkeit tun können. Gewiß, wir werden jede, auch die kleinste Möglichkeit zur Hilfe ausnützen — dazu gehört übrigens, nebenbei gesagt, eine ganz gründliche Sachkenntnis; der Glaube aber an eine Besserung und an ein erstrebenswertes Ziel wird uns davor behüten, verzweifelt über unsere Ohmnacht dem Elend gegenüber die soziale Arbeit aufzugeben. Erst von unserem Ziel her erhält die Sozialarbeit heute ihren Sinn. Rosy Epstein Vom Menschlichen We.im man mit irgendwelchen Illusionen von Helfenkönnen und Aendernkönnen an die Menschen herankommen wollte und in diesem Glauben an die Arbeit — Fürsorge für gefährdete Jugendliche — gegangen ist, so ist die erste Auswirkung, daß einem diese Illusionen gründlich vergehen. Und zwar so gründlich, daß nicht der 'kleinste Rest Glauben an den Sinn irgendwelcher Bemühung übrig bleibt. Ich sage absichtlich „irgendwelcher", denn das Entsetzen, das einen da befallen kann, ein Entsetzen vor soviel Unwürdigkeit und Entartung, kann einen Zusammenbruch des ganzen bisherigen Welt- oder besser Menschenbildes veranlassen. Man will gar nicht mehr helfen. Das ist ja so sinnlos. tMan möchte nur davonlaufen, weit weg. Doch das geht nicht. All das läßt einen zunächst wider Willen nicht mehr los. Aber je mehr man die tieferen Zusammenhänge -erkennt, desto mehr sieht man ein, daß es einen ja auch nicht loslassen darf, daß es keine Dinge gibt, vor denen man weglaufen darf, daß .man sich allem stellen muß und versuchen soll, Antwort zu geben. Zunächst kann man nur die Erfahrung registrieren, sein Bild vom Menschen umbauen und immer tiefer merken: dies alles gibt es, so trübe sieht die Schattenseite aus und solche Möglichkeiten sind im Menschen! Das führt aber schließlich immer stärker zu dem Bewußtsein: solche Möglichkeiten sind in allen Menschen, auch in mir: denn je mehr man erfährt und lernt von dem Leben dieser Menschen, desto mehr weiß man, wie sehr alles bedingt ist, abhängig von Vererbung und Milieu. Wie wäre ich, wenn ich dies alles erlebt hätte, wenn ich diese Eltern gehabt und in diesem Milieu aufgewachsen wäre? Diese Frage taucht dann notwendig auf. Von diesem Augenblick an ist das Sichstellen kein bloßes Registrieren mehr. Durch die Erkenntnis der Bedingtheit jedes Menschen überwindet man mehr und mehr das sinnlose, ungerechte Sichdistanzieren und Abwendenwollen, das aus dem instinktiven Schrecken eines bürgerlichen, wohlbehüteten Menschen kam und sieht dann im Andern den Menschen, dessen Schicksal einen angeht. Und dieses Bewußtsein wird umso stärker, je mehr man Menschen begegnet und nicht nur Vorgänge aus Akten liest. Immer deutscher weiß man: all das, was der andere trägt, trägt er ja für mich mit. Es ist nicht mein Verdienst, daß ich nicht in diese schwierige Situation geboren bin. aber meine Sache ist es, mich davon anrufen zu lassen und damit fertig zu werden. Denn da all dies Dunkle, Schwere meistens nicht nur persönliche Schuld ist, kann es auch nicht nur persönliches Schicksal sein, sondern muß eine Frage an uns alle sein, an alle, die die Welt im Sinn haben wollen und nicht ihr unwichtiges Kinzelleben. Eine Frage, die man beantworten muß, indem man Konsequenzen aus dieser Wirklichkeit zieht. Konsequenzen? Zunächst, indem man sich müht, dauernd standzuhalten und sich treffen zu lassen. Man merkt dann, wie leicht man immer wieder ausweicht, und wie überall Menschen ausweichen. Oder ist es kein Aus-deni-Wege-Gehen, wenn man sich allmählich innerlich bedeckt hat mit einer Kruste von Gleichgültigkeit und Gewöhnung. Wenn n.m „Fälle" sieht, die nur in den Dienststunden vorhanden sind, und die in den Innenraiun in dem das „private" Leben sich abspielt, nicht eindringen. Das ist keine besondere Eigenschaft vieler Wohlfahrtsbeamter. Ueberall kann man ja mit der Wirklichkeit zusammenstoßen, und überall haben Menschen Schutzvorrichtungen, um nicht getroffen zu werden. Es kommt darauf an, dauernd wach zu sein. Wir dürfen also unsere so gegebene Situation nicht zu leicht nehmen, das ist die eine wichtige Konsequenz. Aber diese Konsequenz reicht nicht aus. Es kommt für uns ja nicht nur darauf an, unser persönliches Leben verantwortlich zu gestalten, das wäre noch keine wirkliche Antwort. Von dem Augenblick an, wo wir ernsthaft gespürt haben, daß uns das fremde Leben angeht und fordert, kommt es nicht nur darauf an, die Bedingtheit zu seilen und zu verstehen, sondern die Bedingungen, die zu all diesem Leid geführt haben, zu ändern. Sicher ist vieles erbbedingt, viel mehr aber milieubedingt. Man, braucht nur zu sehen, aus welchen Kreisen fast alle gefährdeten Mädchen und die meisten Hilfsschulkinder kommend Wieviel Schuld hat an allen „Verfehlungen" das Leben in den engen, häßlichen, überfüllten Altstadtwohnungen? Und vor allem, wieviel Schuld hatder Druck der Arbeitslosigkeit, die — oft unbewußte — Verzweiflung über die Sinnlosigkeit eines Daseins, dem nicht mehr die Möglichkeit gegeben ist, die eigene Existenz aus eigener Kraft zu erhalten? Nichts aber zerfrißt mehr Mut und Glauben, Selbstvertrauen und Selbstachtung als das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, noch nicht einmal zur Bestreitung des eigenen Unterhalts. Wieviel Schuld hat das Nicht-mehr-Wissen wohin mit sich, und seiner freien Zeit? Und zu all der inneren Ausweglosigkeit kommt noch der Hunger. Es ist eigentlich unnötig zu sagen, welche Konsequenzen wir daraus ziehen müssen. Oder sollte dies alles uns etwa nicht dazu aufrufen, mitzuhelfen eine Wirtschaftsordnung zu ändern, die zu solcher Not und Ausweglosigkeit geführt hat? Kann man aber nicht mehr tun als Erfahrungen machen und persönliche und politische Konsequenzen ziehen? Gibt es also doch keine direkten Möglichkeiten in der Jugendwohlfahrtspflege? Zunächst meinte ich wirklich, es gäbe keine solchen im heutigen Wirtschaftssystem. Aber immer mehr merke ich, wie unwirklich eine solche Meinung ist. Ich glaube heute, daß eine Antwort, die nur im Erfahrungen machen und daraus Konsequenzen ziehen besteht, nur eine halbe Antwort ist, selbst wenn die Konsequenzen ernsthaft im Hinblick auf das Schicksal des andern gezogen werden (politische Arbeit). Dasein .-.und sich ganz zum.andern hinwenden und ihm das Bewußtsein geben, daß seine Not einen angeht, trotz dem Wissen, daß damit nur selten etwas geschieht, ist erst die rechte Antwort. Wir wissen ja nicht, wann etwas geschieht. Ich weiß nicht, ob nicht z. B. doch etwas damit geschehen ist, daß ein kleines Mädchen, das ein sehr liebloses Zuhause hat, und mit dem ich mich einmal länger beschäftigte, als es_ auf seine Mutter wartete, mich jetzt immer freudig begrüßt, wenn es mich auf der Straße sieht. Aber sich etwas zugute tun auf seine -Wirksamkeit, ein Aufgehen in Vielgeschäftigkeit mit dem Gefühl, daß maa lauter wichtige und welterschütternde Sachen tut, das ist meiner Meinung nach das Schlimmste, was es in der Wohlfahrtspflege geben kann. Immer dann, wenn man das Gefühl hat, man ist der gebende Teil, ist es schief und der Wirklichkeit nicht -ent.T-piechend. Und dabei ist jene gewisse „Menschlichkeit und Güte", die sich nicht zu dem andern hinwendet, sondern zu dem armen Menschen „herunterbeugt", so schief und entwürdigend und bewirkt ganz das Gegenteil des Gewollten. Es ist nicht entwürdigend, sich helfen 'zu lassen. Aber ahhäigig zu'sein, sijh helfen lassen müssen von einem Menschen, der sich darauf etwas zugute tut, mit einer wohlwollenden Gönnermiene einem, dem man Recht und Menschenwürde gestohlen hat, das gibt, was nur ein kleiner Teil des ihm Zustehenden ist, das ist entwürdigend. Und ein paarmal schon habe ich, wenn ich außerhalb des Dienstes mit solchen Menschen sprechen konnte, den Haß erlebt, der in ihnen durch eine gewisse „Behandlung" aufgewacht ist, und der sie sich zuschließen und unnahbar machen läßt, wenn sie hören, daß man von der „Fürsorge" kommt. Dies alles, was für die berufsmäßige Wohlfahrtsarbeit gilt, gilt natürlich auch für die freiwillige Hilfe. Auch hieT gibt es Möglichkeiten. Aber immer, wenn wir Hortarbeit :r.:ic!:e.i, Pfleg-