Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 6 (2.1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- Seite 156 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 156 wie ich, stellte einen Antrag für Schuhe. Das Wohlfahrtsamt lehnte .dies ab mit der Begründuag: Du hast ja früher .daheim (in Rußland) auch keine Schuhe getragen. Dieser Fall ist einer von vielen. Wie lebe ich von :uei:ier ..großen" Unterstützung? Ich gehe abends um 10 Uhr ins Bett, stelle mittags gegen 11 oder 12 Uhr auf. Warum nicht früher'? Ich darf nicht, habe kein Geld zum Frühstücken. Also schlafe, damit du keinen Hunger verspürst. Um 12 Uhr gehe ich in die Suppeuanstalt essen. Auch das Essen hat an Qualität nachgelassen. Früher bekam man es umsonst, heute bezahlt man 20 Pfg. dafür, alles verkehrt. Es wäre besser, wenn man uns das Essen umsonst geben würde, da die Unterstützungen zu knapp sind. Ich sitze fast den ganzen Mittag im Volksbildungsheim, um nicht zu frieren. Kohlengeld und vieles andere habe ich nicht bekommen. Materielle Not ist auch geistige Not. Literatur, Geschichte, Musik und Theater — alles ist einem mehr oder weniger egal. Die einzige Ausnahme bildet das Problem Arbeit. Es ist heute das aktuellste Thema für den Arbeitslosen. Der jüdische Arbeiter ist größtenteils hoffnungslos, weil er auch nirgends mehr eine Beschäftigung erlangen kann. Die einzige Sehnsucht eines Arbeitslosen ist Arbeit und nochmals Arbeit. Wenn .diese nicht bald kommt und man uns nicht hilft, so wird aus dem. jungen jüdischen Arbeiter ein energieloser Lumpenproletarier werden. Vermeidet das! Alfred Lorch Jüdischer Faschismus? Diskussionsbeitrag zur Augustnummer von „Jugend und Gemeinde". Die innerjüdische Auseinandersetzung ist um ein neues Schlagwort bereichert worden: „Kampf gegen den Jüdischen Faschismus". Damit erheben sich die Fragen: was ist „Jüdischer Faschismus", gibt es überhaupt etwas Derartiges, und worin bestellt der Kampf dagegen? Um auf diese Fragen eine Antwort zu geben, empfiehlt es sich, vorderhand einmal auf©das einzugehen, was gemeinhin unter Faschismus verstanden wird. Faschismus ist in Italien entstanden und ist typisch italienisches Produkt. Mussolini hat mehr als einmal erklärt, daß „der Faschismus kein Exportartikel" sei und nur unter den besonderen politischen Bedingungen Italiens verstanden werden könne. Inzwischen scheint aber so etwas wie ein Export des Faschismus nach dem übrigen Europa eingesetzt zu haben, und man spricht daher von den verschiedenartigsten Faschismen in Europa. Was ist an all diesen Systemen gemeinsam? In erster Linie das Bekenntnis zum ..totalen S t a a t". Der Staat umfaßt alles, er ergreift die individuelle Lebenssphäre des Menschen, welche ihm im Zeitalter des Liberalismus zur freien Gestaltung überlassen war. Der Staat wird Allmacht, und die Staatsgewalt wird die zentrale Kraft des Zusammenlebens. Ohne Staat und ohne Staatsgewalt ist kein Faschismus denkbar: daher ist es absurd, bei Organisationen, die auf freiwilliger Grundlage aufgebaut sind, und bei denen Menschen nur deshalb sich zusammenfinden, weil sie wollen, von Faschismus zu reden. Faschismus ohne zentrale Staatsgewalt, d. h. ohne die Möglichkeit einer Diktatur, ist Widerspruch in sich selbst. Hinzu kommt ein weiteres: Wesentlich für den Faschismus ist der hierarchische Aufbau der Verwaltung. Keine Selbstverwaltung, kein Aufbau von unten nach oben, keine demokratische Verantwortlichkeit, sondern Befehlsgewalt von oben nach unten. Der Untergebene untersteht dem nächsten Vorgesetzten bis zur höchsten diktatorischen Spitze. Auch dieses System ist nur möglich in einer Staatsorganisation, welche in der Lage ist, sich auf eine Macht zu stützen und ihren Willen notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Unmöglicli ist eine derartige Verwaltungsstruktur in einer freiwilligen Organisation, die von dem Vertrauen der breitesten Massen getragen werden muß. Und als Drittes muß bemerkt werden: Dem Faschismus ist wesentlich die besondere Organisation der Wirtschaft und des sozialen Zusammenlebens. Aehnlich wie der kommunistische Staat, bekennt sich der faschistische Staat gewissermaßen zur klassenlosen Gesellschaft. Organisationen der Klassen werden zerschlagen und die soziale Organisation wird, da der Staat total alles erfaßt, vom Staate durchgeführt. Der faschistische Staat kennt keine Klassen, er kennt nur Berufe, und er organisiert diese Berufe vertikal in Verbänden, denen er nur in einem beschränkten Maße eine Autonomie zugesteht. Die Zusammenarbeit mehrerer Berufsverbände miteinander, also die horizontale Verbindung, das ist Sache des Staates und diese horizontale Zusammenarbeit nennt der Faschismus „Korporation". Wenn man sich nunmehr Klarheit darüber gemacht hat, was man gemeinhin unter Faschismus zu verstehen hat, dann kommt man zwangsläufig zur Antwort auf die Frage: „Gibt es einen jüdischen Faschismus?" Man ist in letzter Zeit häufig dazu übergegangen, die revisionistische Bewegung als eine faschistische zu betrachten. Nunmehr, nachdem vorstehend klargestellt worden ist, was Faschismus bedeutet, erkennt man ohne weiteres, daß diese Behauptung völlig gegenstandslos ist. Das jüdische Volk kennt keinen Staat und kann somit keine faschistische Bewegung haben. Insbesondere aber lehnt die revisionistische Bewegung das hierarchische Prinzip wie das Prinzip der korporativen Idee ab. Nichts bleibt also von einem jüdischen Faschismus übrig. Es kommt hinzu, daß kein Geringerer als der Führer der revisionistischen Bewegung, Wladimir Jabotinsky, auf der vor kurzem in Wien veranstalteten revisionistischen Konferenz folgendes erklärt hat: „Ich halte an der demokratischen Form der Organisation unbedingt fest, und ich kann sagen, daß ich den Hitlerismus in jeder Form verachte, eine Bewegung, die die Gleichberechtigung des jüdischen Volkes angreift." Zur Frage der Diktatur erklärt Jabotinsky wörtlich: „Ich bedaure, wenn in der Außenwelt daraus eine Theorie des Staatslebens gemacht wurde." Kann man andererseits stärker sich zur Demokratie bekennen als mit den Worten: „Ich würde lieber verschwinden, als eine Weltanschauung annehmen, derzufolge mein Sohn und der Sohn eines anderen nicht gleichberechtigte Menschen sind: daß mein Sohn und mein Schuster nicht gleich sind." Wenn man also über die sehr durchsichtige Phrase von einem jüdischen Faschismus zur Tagesordnung gehen kann, muß andererseits festgestellt werden, daß häufig etwas als faschistisch bezeichnet wird, was mit Faschismus nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Die revisionistische Bewegung beispielsweise anerkennt uneingeschränkt die politische nationale jüdische Idee. Sie fordert die politische Normalisierung des jüdischen Volkslebens und des jüdischen Volkscharakters. Sie ist der Ansicht, daß eine derartig nationale Lösung der jüdischen Frage nur durch Schaffung eines jüdischen Staates möglich ist. Demzufolge ist der ganze Kampf nicht auf Schaffung irgend eines geistigen oder kulturellen Zentrums allein gerichtet, sondern auf Schaffung einer politischen Lösung der Judenfrage durch den jüdischen Staat. Sie erzieht den Menschen zu einer Staatsgesinnung und empfindet zugleich, daß der Kampf um ein derartiges Ziel mit ganz anderen aktivistischen Methoden geführt werden muß als bisher. Sie bejaht das Irdische stark und verlegt die Schwerkraft der Aktion von der Metaphysik in die Gegenwart. Sie ist sich andererseits darüber im klaren, daß ein derartiges Ziel die Konzentration aller jüdischen Kräfte erfordert und betrachtet daher alle anderen politischen Wunschbilder nur mit distanziertem Interesse. Jede andere Einstellung — Sozialismus, Pazifismus usw. — hat sich dem Judenstaatsgedanken unterzuordnen, Synthesen sind undenkbar, da alle diese Bewegungen die jüdische Schlagkraft lähmen, wenn nicht zuvor der Normalzustand des jüdischen Lebens mit Schaffung des jüdischen Staates herbeigeführt ist. So erklärt sich auch der revisionistische Kampf gegen klassenkämpferische Zersetzungstendenzen im jüdischen Volke, die nur geeignet sind, den Aufbau des jüdischen Lebens zu hindern. Das hat alles nicht das Geringste mit faschistischen Ideologien zu tun, sondern entspricht einer zionistischen Auffassung, wie sie klar- und heilig durch Trumpeldor proklamiert worden ist. Dr. Paul Arnsberg Schluss der Beilage. Verantwortlich für die Schriftleitung der Beilage: Ernst Holzer in Frankfurt a. M.