Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 6 (2.1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Nr. 6 FEBRUAR 1933 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliusstrasse 8, zu richten. JUGEND UND SOZIALARBEIT Sozialarbeit und politische Haltung Es soll in diesem Aufsatz nicht über die praktischen Arbeilsmöglichkeiten in der Fürsorge gesprochen werden, sondern es soll etwas darüber ausgesagt werden, mit welcher inneren Haltung man heute w,ohl au soziale Arbeit herangehen muß. Als eine Selbstverständlichkeit erscheint es mir, daß Menschen, die sozial arbeiten wollen und können, eine bestimmte Haltung mitbringen, die sich kundgibt in dem Willen zur Hilfe- 1 6 i s t u n g und in dem Bewußtsein der V e r a n t w o r tlichkeit für ein menschenwürdiges Dasein der Mitlebenden. Ja, aus diesem Verantwortungsgefühl entspringt erst der Wille zur Hilfe. Das ist wohl — mit dürren Worten angedeutet — die eigentliche Grundhaltung des zur sozialen Arbeit bereiten Menschen. Aber .diese Haltung genügt nicht, sie genügt zum mindestens heute nicht mehr. In Zeiten des wirtschaftlichen Wohlstandes, in denen es noch eine verhältnismäßig breite Schicht von Menschen gab, die kaum materielle Sorgen hatten, empfanden es gerade je^e Menschen als ihre Pflicht, Wohltätigkeit zu üben und das Elend zu lindern. Man war „wohltätig", man „arbeitete sozial" - — das war fast eine Selbstverständlichkeit. Man hatte gerade in diesen Kreisen gar keine Veranlassung anzunehmen, daß das Elend in irgendeinem Zusammenhang mit der Wirtschaftsordnung stünde. So entstand der Typ jener Menschen, die die Verpflichtung in sich fühlten, wohltätig zu sein, ohne die Fra^e nach der Wurzel und dem Ursprung des Elends und damit nach seiner Beseitigung zu stellen. Diese Menschen bejahten bewußt oder instinktiv die G e s e 11 s c h a f t s o r d n u n g , in der sie lebten, und glaubten durch Wohltätigkeit den Vorzug ihrer sozialen Lage verantworten zu können. Man isolierte die soziale Arbeit, betrachtete sie als ..rein menschliche" Aufgabe und übersah, daß man diese Arbeit auch aus einer ganz bestimmten politischen Haltung heraus leistete. Man trennte die Sphären des Sozialen und'des Politischen und glaubte, daß es so etwas wie eine unpolitische, neutrale Sozialarbeit gäbe. Mit dieser These von der Unabhängigkeit der Sozialarbeit von der politischen Einstellung verdeckte man die eigene politische Haltung, deren man sich oft gar nicht bewußt war, die Haltung nämlich, die auf die Erhalt u n g des bestehenden Wirtschaftssystems gerichtet war. Für den Menschen aber, der erh alte n will, kann sich die Sozialarbeit nur auf das „Lindern" der Not und das „Ausbessern" beschränken: denn er will die „Ewigkeit" der Gesellschaftsordnung, in der er aufgewachsen ist, begründen, er ist am „Sein" orientiert und nicht am „Werden".1) Das ..Sein" seiner Zeit wird für ihn zum m e n s e hlichen Sein schlechthin, und so werden alle wesentlichen Formen seines Lebens zu m e n s c h I i c h e n Formen schlechthin. In unserem Zusammenhang: die Fürsorgearbeit einer bestimmten Gruppe in einer bestimmten Zeit wird zu der Fürsorgearbeit überhaupt. *) Vgl. dazu: M. Horkheimer, Bemerkungen über Wissenschaft und Krise. ZciUchr. f. Sozialforschung. Jhg. 1. 1952. Heft 1/2, S. 3. Inzwischen haben sich aber die Verhältnisse wesentlich geändert. Die Zahl der .Menschen. ..die an der Aui'rechterhaltung des gegenwärtigen Wirtschaftssystems objektiv interessiert sind", wird immer geringer. Nach einer Berechnung von Oskar Fried gibt es unter den :ö'-.- Millionen Erwerbstätigen in Deutschland nur rund luOC.iiu. ..die wirklich ohne Sorgen, auskömmlich und gut leben können'".*-) Die Jugendlichen ..Radikalisierung der Jugend" ist ja geradezu ein Schlagwort geworden —■ stehen zum weitaus größten Teil' nicht mehr auf dem Boden des gegenwärtigen Systems. Die ungeheure wirtschaftliche Not bedingt dies. Aeitere Menschen, vor allem solche, die aus dem Bürgertum kommen, und deren wirtsehaltliche Lage völlig erschüttert ist. neigen trotzdem oft zu einer Stabilisierung der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung. Sie erhoffen eine „Wiederherstellung" ihrer „geordneten" wirtschaftlichen Verhältnisse von ..früher", das Ziel ihrer Wünsche ist eine in die Zukunft projizierte Vergangenheit. Die meisten Jugendlichen hingegen haben eine wirtschaftliche Sicherheit nie kennen gelernt, und selbst die Lage der wenigen wirtschaftlich einigermaßen Gesicherten kann sich heute von einem auf den andern Tag fundamental ändern. Die selbstverständliche Folge davon ist. daß die Jugendlichen eine Lösung ihrer Not von dem Neuen erwarten, das geschaffen wertlen muß und kommen wird. Die wirtschaftliche Lage der Jugendlichen und die aus ihr resultierende Einstellung zum gegenwärtigen Wirtschaftssystem bedingt aber auch ein.e veränderte Haltung zur Sozialarbeit. Wenn wir heute Sozialarbeit leisten, so wollen wir nicht lediglich helfen und ü.idern unter stillschweigender Anerkennung der Unveränderlichkeit des Wirtschaftssystems, in dem wir leben, sondern wir leisten Sozialarbeit mit dem Willen zur fundamentalen w i r t s c h a f 11 i c h e n V e r ä n d e r u n g. Wir haben erkannt, daß die frühere, scheinbar unpolitische „Caritas" bewußt oder unbewußt aus dem Gesichtspunkt der Erhaltung des Bestehenden heraus geschah, und wir wissen, daß die weltanschauliche Haltung, aus der heraus man Sozialarbeit leistet, die Art der Arbeit grundsätzlich bestimmt. Wenn gerade heute immer wieder auf die ..rein menschlichen" Qualitäten des Helfenden hingewiesen wird, darauf, wie sehr sich der Fürsorger einleben muß in das Leben derer, denen er Hilfe bringen will, so können wir dein nur zustimmen. Andererseits läßt aber gerade die Ueberbetonung dieser fast selbstverständlichen Voraussetzung in unserer Zeit den Verdacht aufkommen, daß die Menschen, die 1 e d i g lieh diese seelische Haltung des Helfenden fordern, damit die ebenso w e s e n t - liehe Forderung der weltanschaulichen und politischen Entscheidung vergessen oder besser: verdrängen. Wir verlangen also von dem Menschen, der soziale Arbeit 2) Vgl. Frdr. Pollcxk, Die gegenwärtige tage des Kapitalismus und die Aussichten einer planwirtschaftlithen Neuordnung, a. a. O. S. IT.