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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-02-01 · 6 (2.1933) · p. Seite 141

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
6 (2.1933)
Date
1933-02-01
Page
Seite 141 (sequence 7)
Language
German
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Seite 141 Die jüdische Hauspflege in Frankfurt a. Main Z u 111 2 5 j ä Ii r i g e n .1 u b i lä um der Jüdischen H a u s p fl e g e Von Dr. Max S e e 1 i g Ein stilles J u b i 1 ä u m. Die Jüdische Hauspflege in Frankhirt a. M. konnte vor kurzem auf eine 25jährige Arbeit im Dienste der jüdischen Gemeinschaft zurückblicken. Sie hat. dem Ernst der Zeit gehorchend, den Erinnerungstag nicht durch ein großartiges Jubelfest gefeiert, und sie hat nicht einmal die übliche ..akademische Feier" veranstaltet. Ganz ohne Sang und Klang ist der Tag, von dem nur die Eingeweihtesten wußten, vorübergegangen, aber nun soll er uns willkommenen Anlaß bieten, um den Schleier der Pescheidenheit etwas zu lüften und einen. Blick in ihre segensvolle Tätigkeit zu gewähren. V o m Sinn de r H a u s p f 1 e g e. Das Leben in der Großstadt bringt es mit sich, daß die Familie, die Grundlage jeder sozialen Gemeinschaft, in ihrem Bestand schwer bedroht ist. Erleidet die tägliche Arbeit der Hausfrau eine Unterbrechung —■ durch Wochenbett. Krankheit, Unfall, Gebrechen, seelische Erschütterungen —, so gerät das gesamte Familienleben aus dem Gleis, denn entweder gönnt sich die Hausfrau und Mutter nicht die nötige Schonung, dann gefährdet sie für lange Zeit ihre Gesundheit, oder Haushalt und Kinder werden vernachlässigt, dann bedeutet das ein Hinabgleiten in noch tiefere Armut. in Frankfurt a. M. hat man diese Gefahr zuerst erkannt und im Jahre 1893 nicht nur den Begriff ,.Hauspflege" geprägt, sondern auch den ersten Hauspflegeverein begründet, der die Mittel beschafft, um den g-est orten Haushalt durch bezahlte Hauspfiegei'innen wieder in Ordnung bringen zu lassen. A u s d e r G e s c-h i c h t e d 'e r Jüdische n II a u s p f 1 e g e. Auch in jüdischen Kreisen eiwies sich die Einrichtung einer Hauspflegeorganisation bald als Notwendigkeit, aber erst vor 25 Jahren ißt die „Jüdische Hauspllege"' durch die Frauenvereinigung der Frankfurt-Loge, also zunächst als reine Logen- Institution, ins Leben gerufen worden. Sie war im Anfang verhältnismäßig klein und die Geldquellen flössen reichlich. Die Arbeit hatte auch einen wesentlich anderen Charakter als heute. Man betreute nur ausgesprochen proletarische Familien, und diese waren im reichen Frankfurt der Vorkriegszeit dünn gesät. Während des Krieges ging die Arbeit unausgesetzt weiter. Die Inflation vernichtete das aufgesparte Vermögen, und so stand man 1924 vor dem Nichts. Aber die Frauen des Vorstands stellten ihre Organisation auf eine neue Basis. Die Ilauspflege trat aus dem engen Kähmen der Loge heraus und warb in jüdischen Kreisen innerhalb und außerhalb der Logen Mitglieder, die durch monatliche Beiträge die Mittel aufbringen mußten. Durch diese Umstellung gelang es, das Werk zu erhalten und auszubauen. Und das ward nötiger denn je! Auch der jüdische Mittelstand hatte ja durch die Inflation sein Vermögen verloren und wurde auf fremde Hilfe angewiesen. Es war aber nicht leicht, an diese verschämten Armen heranzukommen, die lieber hungerten und litten, als daß sie die öffentliche Wohlfahrtspflege in Anspruch nahmen. Es hat mehrere Jahre gedauert, bis das Vorurteil dieser Kreise überwunden war, und erst die große Not der Wirtschaftskrise hat es mit sich gebracht, daß heute der früher wohlhabende Mittelstand einen wesentlichen Teil der Hauspflegearbeit bildet. Von der 0 r g a n i s a t i o n. An der Spitze, gleichsam als G e n e r a 1 s t a b, stehen zwei Frauen, die ganz in ihrer Arbeit aufgehen: Frau B e 11 y Plaut und Frau Flora R o s e n f e 1 d. Sie sind es, die seit Jahren mit hingebendem Eifer, mit vorbildlicher Umsicht und erstaunlichem Geschick die Geschäfte führen, für die nötigen Mittel sorgen und den wöchentlichen Arbeitsplan aufstellen. Die Hauspflegerinn.cn sind meist ältere Frauen, die auf allen Gebieten der Hauswirtschaft — Kochen, Putzen. Waschen, Bügeln — Tüchtiges leisten. Ihre Arbeit wird von einem Ausschuß, dem etwa 20 ehrenamtliche' Helferinnen angehören, beau fsichtigt. Auch ihre Aufgabe ist nicht leicht; sie müssen die ihnen zugewiesenen Schützlinge aufsuchen, sie müssen bemüht sein, mit den zu betreuenden Familien in seelischen Kontakt zu kommen und gegebenenfalls andere Wohlfahrtsstellen — :üe Gemeindeschwester, die Jüdische "Wohlfahrtspflege, die Tbc- Fürsorge, die Berufsberatung — zur weiteren Betreuung heranzuziehen. Dokumente des Elends. Aus den Berichten dieser „Aufsichtsdamen", bei deren Lektüre einen „der Menschheit ganzer Jammer" anpacken kann, sollen hier einige Notizen mitgeteilt werden, die ein grelles Licht auf die Verelendung des jüdischen Mittelstandes werfen. Fall A: Früher angesehener Bankier, hat sein Vermögen völlig verloren, ist heute ohne Existenz, lebt in kläglichen Verhältnissen. Seine Frau hat sich seit dem Zusammenbruch von ihm getrennt. V a 1 i ¥>: Aelteres Ehepaar, war früher sehr reich (Villa, Dienstpersonal, Kunstsammlung), heute mittellos, körperlich heruntergekommen, auch seelisch, zusammengebrochen, jetzt in einem Heim untergebracht. V a i 1 C: Früher Mitinhaber einer großen Firma, besaß mehrere Häuser, ist seit Jahren "leidend, bettlägerig. Frau ist durch Hautausschlag an schwerer Hausarbeit gehindert. Ersparnisse sind u. a. durch Studium des Sohnes, der noch nichts verdient, aufgezehrt. Fall D: Früher guter Mittelstand. Mann ist schwer krank, Frau ist seit Jahren in einer Irrenanstalt. Tochter (Verkäuferin) ernährt die Familie. Fall E: Mann war früher Vorarbeiter in einer großen Fabrik, ist heute über 7(i Jahre alt, besorgt den Haushalt. Frau ist völlig gelähmt. Sehr ärmliche Leute, haben nichts zu essen. F all F: Mann ist Reisender, verdient fast nichts. Frau ist schwer asthmaleidend. hat 2jähriges Kind. Fall G: Ostjiidische Familie. Mann ist arbeitslos, Frau hat über 1 Dtzd. Wochenbetten hinter sich (7 Kinder sind am Leben), leidet an Krampfadern, kann die Haushaltsarbeit nicht ganz schaffen. Fall II: Ostjüdische Familie. Mann ist arbeitslos, kümmert sich wenig um die Seinen. 3 Kinder, darunter ein Säugling. Sehr fleißige Frau, steht früh um 4 Uhr auf, stillt das Baby, gellt tagsüber hausieren. Fall J: Alleinstehende 70jährige Näherin, jetzt ohne Arbeit, hat Venenentzündung und Arm gebrochen. Eine Hauspflegerin erzählt: „Was für ein Elend heute in ehemals guten jüdischen Kreisen herrscht, ist kaum zu glauben. Man sieht es den feinen Möbeln und den goldgerahniten Bildern noch an, daß die Leute früher reich waren, aber die Eleganz ist abgeschabt, die Wäsche verschlissen, es fehlt an Lebensmitteln, oft am Notwendigsten. Wenn ich auch nur so viel verdiene, wie ich brauche, so langt es doch noch dazu, daß ich den Familien, bai denen ich pflege, hie und da ein Stückchen Seife, ein Päckchen Persil ode.- 1 Pfund Reis mitbringen kann." Nervus r e r u m! Ueber den Umfang, den die Arbeit der Jüdischen Hauspflege heute angenommen hat. lassen sich genaue Zahlenangaben leider nicht machen. Nur so viel läßt sich sagen, daß wöchentlich etwa 50 Familien zu betreuen sind und daß dies durch 4—5 hauptamtliche Hauspflegerinnen geschieht. Da jede von ihnen in der Woche durchschnittlich 40 Stunden arbeitet, so bedeutet dies, daß wöchentlich für mindestens IM Arbeitsstunden (zu 50 Pfg.) zu zahlen sind. Wie schwer es fällt, den Jahresbedarf von rund 50Ü0 M. in dieser Zeit der schweren Not aufzubringen, kann man sich vorstellen. Die Haupteinnahmequellen, die monatlichen Mitgliedsbeträge, fließen immer spärlicher, sind doch in den beiden letzten Jahren etwa 150 Beitragzahler abgesprungen, und nur ein Stamm von wenig mehr als 100 Getreuen ist geblieben. Was Charles Hallgarten vor einigen Jahrzehnten aussprach (..In Zeiten ökonomischen Niedergangs pflegen die wohlhabenden Leute in erster Linie ihre Wohltätigkeitsausgaben zu beschränken"), das hat sich heute in erschreckender Weise bestätigt. Dennoch ist es denn unverwüstlichen Optimismus der Führerinnen bisher stets gelungen, die notleidenden, Finanzen zu sanieren.* Bedauerlich ist. daß man seit einiger Zeit sich genötigt sah, die Hauspflegearbeit einzuschränken. Zuweilen muß man auch von Familien, die dazu in der Lage sind, für die geleistete Hatispfiege einen Zuschuß verlangen. Einen Fall an die städtische Hauspflege weiterzugeben, gelingt nur selten, denn die Klienten der Jüdischen Hauspflege — teils Mittelstand, teils Ostjuden — kommen für die öffentliche Fürsorge kaum in Frage.

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