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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-02-01 · 6 (2.1933) · p. Seite 140

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
6 (2.1933)
Date
1933-02-01
Page
Seite 140 (sequence 6)
Language
German
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Seite 140 einen Tag geschlafen zu haben glaubt, wird von der naehkoranischen Tradition auf Esra bezogen: vgl. Nehem. 2,12 ff. In' demselben Koranvers findet sich eine Anspielung auf die Wiederbelebung toter Gebeine, wohl eine Erinnerung an Ez. 37. Schließlich 'wird auch Hiob mehrmals48) im Koran erwähnt; von seiner Geschichte werden nur die Hauptpunkte berichtet, im wesentliche]! in Uebereinstinunung mit der Bibel. Damit äst der Kreis der im Koran genannten biblischen Persönlichkeiten erschöpft In nachkoranischer Zeit hat der Islam noch zahlreiche weitere 'biblische Legenden, besonders soweit. sie sich auf die im Koran genannten Personen beziehen, aufgenommen; in späteren Jahrhunderten hat sich auf diese Weise die ..Prophetengeschichte" als eigene Gattung der islamischen Literatur entwickelt. Interessant ist, daß manche der iflamdschrn Prophetengeschichten ihrerseits auf das Judentum zurücKgewirkt haben; so finden wir z. B. im Sefer ha-Jaschar, dem bekannten Legendenbuch50), biblische Erzählungen, die deutlich islamischen Einfluß zeigen. so) Neuere Ausgabe v. Lazarus GoldsdimiiH; Berlin 1923. Das Wunder der Minderheit Von Oberstuäienilirektor Dr. Otto Driesen (Ansprache in der Chanukka-Feier des Phüanthropins am 21. Dezember 1932.*) Die Klage, die WTeh-Klage, das Lied des Leides, das laute Weinen, der fassungslos, hemmungslos ausbrechende Schmerz, das wilde Weil der Verzweiflung bis in seine letzten, lallenden Laute, seine schluchzenden Stöße, das war K u 11 u r der Antike, das war Religion der Antike, das war Kunst der Antike. Der griechische Kriegsgott Ares, als er verwundet wird, erhebt bei Homer seine fürchterliche Stimme zum Gebrüll von zehntausend Stieren. Der Priester Laokoon, als ihm, zur Strafe dafür, daß er die Trojaner vor dem Danaer-Geschenk des hölzernen Pferdes warnen wollte: ..Was es auch sein mag, ich fürchte die Danaer, selbst, wenn sie Geschenke bringen/' — der Priester Laokoon, als ihn und seine beiden Söhne zwei Riesen-Giftschlangen umzingeln und beißen, schreit und weint wild auf. Sein Priesterstand verbietet ihm nicht das schreiende Weinen. Ja, eine ganze griechische Tragödie, und keine der schlechtesten, erzielt ihre erschütterndste Wirkung auf der Bühne durch die immer wieder aus der Stille einer einsamen Insel hervorbrechenden Schmerzensschreie eines von seinen Kriegskameraden ausgesetzten unheilbaren Kranken, des mit Aussatz heimgesuchten unsichtbaren P h i 1 o k t e t. Und so haben wir heute abend soeben von einem deutschjüdischen Dichter unserer Tage, von Stefan Zweig, neu gefaßt, und in deutsche Worte gekleidet, die gewaltigste Klage an unser Ohr schlagen hören — gesehen haben wir niemand — die gewaltigste Klage, die religiöse Dichtung der Juden, ja wohl religiöse Dichtung überhaupt, aufzuweisen hat: Die Klage des Jereinia, des Jeremia, dessen Name in die Welt-Literatur eingegangen ist als Ueberschrift für alles, was jemals religiöse Dichtung an hochgestimmter, wuchtiger, Erde und Himmel erbeben machender Wehklage hervorzubringen imstande war! Heute abend, zur Feier eines Festes der Freude, ein Motiv der Klage? Die jüdische Ueberlieferung will und verlangt, daß auch in der Stunde der Freude das Gedenken nicht fehle an Leid und Schmerz und Not. So wollen wir fernbleiben dem Uebermut, der Unbesonnenheit! So sollen wir uns hüten, durch allzu selbstsichere Einschätzung das Schicksal herauszufordern. Aber nun zu C-hanukka! Zum Weihefest! Was ist sein Sinn? Es ist der T r i u m p h , es ist das Wunder der Minderheit! Das Weihefest sagt uns: Die Mehrheit mag lärmen und glänzen und blenden. Sei es unter dem Adler des Zeus, oder der vergotteten römischen Imperatoren, sei es unter dem Kreuz, dem Halbmond, dem Hakenkreuz oder dem Sowjet- Stern! Je größer die Mehrheit wird, desto mehr hat sie Recht, nur weil sie groß ist. Du aber, so unscheinbar und klein und verborgen Du dastehst, fürchte Dich nicht! Wie David gegen Goliath, so bricht *) Mit der Veröffentlichung dieser Ansprache wird einem vielfach geäußerten Wunsch entsprochen. Schriftleitung. Dein Geist die Fesseln der Macht. Der Kampf des Geistes gegen die Uebermacht der Massen, das war Deine Geschichte, das ist Dein Schicksal, das ist der Sinn Deines Daseins, das ist Dein Anrecht auf die Zukunft. Das ist Deine Aufgabe in der Menschheit, Immer wieder hat es den Anschein, als sei Dein letztes Stündlein angebrochen. Immer wieder will die Mehrheit, will die Masse gleichgültig, oder gar, wenn nicht gefühllös, überheblich über Dich hinweg. Immer wieder geschieht ein Wunder: Vorgestern waren es die M ak k ab ä e r, die paar Leutchen, deren Heldentum gegen alle Wahrscheinlichkeit, gegen allen Verstand und alle Voraussicht der Weltgeschichte eine andere Richtung gab. Gestern, unmittelbar vor der zweiten Zerstörung des jüdi-* sehen Staates, war es ein Mann ohne die geringste äußere Macht, der der Geschichte eine neue Wendung gab, indem er den siegreichen römischen Imperator bat, den Imperator, an dessen Macht und Triumph noch heute in Rom der Triumphbogen des Titus erinnert, indem er den Imperator ganz bescheiden bat — und die Bitte erfüllt bekam — außerhalb Jerusalems, irgendwo im Lande — eine Schule gründen zu dürfen. Dieser Mann ist R a b b i Joe h a n a n b e n S a k k a i. Ohne ihn-wären wir nicht mehr da! Immer wieder, wenn alle Ausgänge versperrt erscheinen, geschieht ein Wunder: Spanien wird um 1492 geschlossen. In demselben Jahr wird, gegen alle Voraussicht der Mehrheit, A m e r i k a entdeckt und eröffnet, ein ganzer Erdteil, den Juden unbegrenzte Möglichkeiten geistiger und kultureller Entfaltung. Gleichzeitig steigt der Staat der Türken zu einer vorher nicht geahnten Machtfülle auf, und aus den verfolgten spanischen Juden werden die hochgeachteten türkischen Spaniolen, aus deren Reihen einer sogar ein selbständiges jüdisches Fürstentom geschaffen hat. So geschahen Wunder für unsere Väter, so geschehen Wunder für uns. „In jenen Tagen bis in diese Zeit". A uch 1938 können W under g e s c Ii e Ii en! Wir müssen nur den Mut haben, sie nicht abzulehnen! Wir müssen nur den Mut haben, sie zu wollen! Und daß wir, in unserem Kreis des P h i 1 a n t h r o p i n s , jener Schule, die vor 128 Jahren zu gründen — mit einem einzigen Schüler zu gründen! — ein 24jähriger Kaufmann, .Siegmund Geisenheimer, den Mut hatte, im Vertrauen auf die „Aufgehende Morgenröte" der Aufklärung und der Humanität, daß wir hier in unserem Kreis den Mut haben, auch in diesen traurigsten Zeitläuften der Weltpolitik und der Weltwirtschaft zu arbeiten, froh zu arbeiten, und. der Jugend mit Freude zu dienen, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft, das möge Ihnen der heutige Abend beweisen, an dem sich Ihre Wünsche und unsere Wünsche vereinen in der Bitte: Unser Gott und Gott unserer Väter: Segne und beschütze und erhalte unsere Jugend, die Zukunft unserer Gemeinschaft!

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