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Neue jüdische Presse · 1912-09-19 · Heft 37 (19.9.1912) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 37 (19.9.1912)
Date
1912-09-19
Page
Seite 10 (sequence 12)
Language
German
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Getto iö ' . - v.-' / __ , Das Jahr 5v72 (Forschung.) Wir hckben seinerzeit sowohl über den Streit in -er Alliance wie auch über die Agudoh eingehend berichtet und unsere Stellung präzisiert. Es blieb uns daher jetzt nur übrig, kurz in unserer Jahresrückschau diese Geschehnisse zu erwähnen. Was die Alliance betrifft, so hat Paris „gesiegt. Die Wahlen in die A. I. U. sind abgeschafft, und an deren Stelle ist die Kooptation getreten. Die D. K. G. ist nicht mchr da, auch das. Landeskomitec ist so gut wie vernichtet, und der Zustand von vor 1904, wo es noch keine D. K. G. gab, ist wieder hergestellt. Was die Streitigkellen innerhalb der führenden deutschen Alliancemllglieder arllangt, so Halle sich — laut dem Bericht, den wir erhalten haben — das Frankfurter Lokalkomitee um die friedliche Beilegung des Streites bemüht und zu diesem Zwecke eine Friedenskommission eingesetzt, die in mehreren Sitzungen in Berlin und Karlsbad tagte; und zwar sollle eine neue Organisation M der Stelle der allen, der D. K. G., entstehen. Allein es ist unwahrscheinlich, daß. Paris auf diesen Beschluß eingehen wird. Das BestrÄen der Pariser geht dahin, daß es.still um die Alliance werde urch, daß niemand in die Alliancesachen hineinrede. Zu diesem Zwecke sind die Wahlen abgeschafft worden; zn diesem Zwecke wird die D. K. G. aufgehoben, — wie sollte da - eine andere deutsche Organisation die Billigung der Pariser finden? .... Was die „Agudoh" betrifft, so ist nicht llar zu sehen, wohin sie steuert, und was für ein Gebilde sie werden soll. Die zwei Seelen in ihrer Brust kommen abwechselnd zum Vorschein, und sobald die eine FriedeMchalmeien in die Well bläst, rückt die zwelle, die streitbare, mit Donner und Blitz hervor und schickt sich' in ihrem Ingrimm an, die ganze Well — außer Aschaffenburg, —, auch die Orthodoxie, sofern sie nicht ausschließlich „religionsgesellschastlich" ist, in Rauch aufgehen zu lassen. Und fragt man, welche von den beiden Seelen die maßgeberrde ist, so bekommt man zur Antwort: „Die eircheits- und friedensliebende." Nun ist es aber merkwürdig, warum man die slleitbare gewähren läßt. Warum schüttelt man sie nicht ah? Warum wird gerade der aufrichtigste und opferfreudigste Mann der „Agudoh" in beit Tagen der Versöhnung wegen seiner Einheits¬ und Friedensliebe offwlllich gebrandmarkt und nicht die andern? . . . Warum brachte man es fertig, noch in den Flitterwochen der „Agudoh"scharfe Trennungs-Artikel im zukünftigen Organ der Agudoh zu veröffentlichen? . . . Warum weigerte man sich, die Stellung der. Agudoh zum Misrachi zu präzisieren? Warum weigerte man sich mll allen unhallbaren Ausreden, einem der drei -würdigen Vertreter der hiesigen Gemeindeorth)- doxie zur Wahl ins Komitee zu verhelfet? Alle diese schwerwiegenden Fragen machen einen jeden, und mag er auch ein noch so guter Freund der Agudoh sein', stutzig. Uuwlllkürlich drängt sich einem die Befürchtung auf, ob nicht die „Agudoh" die Trennung international durchführen will. Der Gedanke der Agudoh an sich ist ein gesunder uird verdient, rückhaltlos unterstützt zu werden, wenn chn nicht ° die Doppelzüngigkeit und die Winkelzüge in Mißkredit bringen. . . Es ist höchste Zell, daß die Agudoh uns endlich Laren Wein einschenkt. . . . (Fortsetzung folgt) Brief aus Palästina. . Sichron Jakob, 18. Elul 5672. Ein gut Stück Kulturarbeit ist eben in PaßtjHna geleistet worden. Die Sommerkurse für Lehrer (Schöure Kaiz l'Morim") sind zu Ende. Mer Wochen dauerten diese Kurse, und mit aller Befriedigung gingen sowohl die Begründer der Kurse und ihre Lektoren als auch die Hörer auseinander, — die elfteren im Bewußtsein, für ihre Kollegen etwas Nützliches und Notwendiges geleistet zu haben, die letzteren um manche neue Belchrnng und Anregung reicher. Allgemein war die Ueberzeugung, daß die „Schöurim" ein unschätzbares. Kullurwerk für das neue Leben im Lande unserer Väter bedeuten; daher die gHobene Stimmung und das freudige Gefühl der Versammelten. AranHttter AraetiMcheA AamKievbliÄ. Einer der mrgenehinsten Eindrücke, lvelche die Besucher Palästinas in den letzten. Jahren nach der. Golus-tzeimat mitbringen, ist der dom Wiederaufleben der hebräischen Sprache im Geburtslande der Bibel. Mit wohlverständlicher Bewunderung und Begeisterung sprechen sie alle — sogar die pessimistischsten Skeptiker von gestern — von der unglaublichen und doch zur Tatsache gewordenen Erscheinung, daß unsere alte, totgeglaubte und von so vielen auch totgewünschte Sprache zu neuem, kraftvollem Leben erwacht ist. Dieses großartige und bewundernswerte' Werk hat der nationale Lehrer geschaffen. Der preußische Schulmeister hat bei Sedan gesiegt, — und der jüdisch e Lehrer in Palästina hat den glorreichstenSieg für die hebräische Sprache errung en.'Freilich ist der Kampf noch lange nicht zu Ende; noch spuken gewisse Golus'geister uinher, Jedoch die Hauptschlacht ist geschlagen und! der entscheidende Sieg errungen. Und wenn wir in Betracht ziehen, daß diese wunderbare Tat in ein paar Jahrzehnten geschehen ist, dann verstehen wir, was nationale Begeisterung und intensive, zielb'ewußte Arbeit zu schaffen vermögen. Die Geschichte des Lehrwesens in Palästina begann vor" kaum drei Jahrzehnten mll den Anfängen der nationalen. Bewegung und der Kolonisation. Erst vor neun Fahren wurde hier in „Sichron .Jakob" die Lehrerorganisation gegründet. Seitdem ging ihre Entwicklung regelmäßig vorwärts, und das kleine Häuflein der geistigen Vorkämpfer ist in einer kaum bemerkbaren Zeitspanne zu einer numerisch wie kulturell beachtenswerten Organisation ausgewachsen. Daß die Lehrerorganisation die Einrichtung der Sommerkurse zustande brachte, zeugt eben von ihrer Bedeutung. Ferienkurse für Lehrer, wo diese die.Gelegenheit bekommen, 'manche Lücke in ihrem Wissen auszufüllen und ihren Kenntnisschatz zu bereichern, sind überall eine schätzbare Institution; desto nützlicher und notwendiger sind sie hier zu Lande, wo ein großer Tell der 'Lehrerschaft nicht die Möglichkeit hatte, systematische Schulbildung und regelmäßige Fachkenntnisse sich anzueignen, diese vielmehr autodiktisch erlernen mußte. Daher beschäftigte seit lange der Gedanke an die Gründung solcher Kurse die hiesige Lehrerwelt. An die Ausführung dieses Gedankens wagte man aber nicht zu schreiten, da sowohl die dazu nötigen Lehrkräfte als auch die materiellen Mittel fehlten. Die Zentrale der Lehrerorganisation fühlte sich zu schwach/ um dieses große Werk zu vollbringen. Da kam ihr die nötige Hilfe von anderer Seite. Herr A h r o n s o h n, der beriihnüe Kenner der Flora Palästinas, versprach seine Anteilnahme an den eventl. Kursen als Lektor; außerdem warer für die Ausführung dieses Gedankens sehr tätig und widmete viel Zeit für die Arrangierung jbet Kurse. Auf Veranlassung des Dr. M a g n e s steuerte die Newyorker Gemeinde 2000 Frs. und Dr. Fr i cdenwald aus Chicago 1000 Fr», bei; das zionistische A. C. beteiligte sich, mit 1000 Frs., das Odessaer Komitee der Chowewe- Zion mit 750 Frs., die Gesellschaft „Karmel" spendete 1500 Flaschen Wein, und einige wohltätige Damen aus.Westeuropa lieferten einige Kisten Gelee, Bisquits u. dergl. Somit konnten die Kurse zustande kommen'; „Sichron Jakob", der. Mittelpunkt Mischen den jüdischen und galiläischen Kolonien und der Wohnort des Herrn Ahronsohn, wurde als passender Ort fiir die Kurse befunden. Die Nachricht von den „Schöurim" wurde von allen.Seiten mit Freude ausgenommen. An 80 Lehrer, Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen aus allen Teilen Erez-Jsraels fanden, sich zur Eröffnung der Kurse ein. Einige Lehrer brachten ihre Familien mit. Aus den Arbeiterfarmen des unteren Galil und aus Jehuda kamen junge Arbeiter und Arbeiterinnen, um die Lektionen über Botanik und Agrikultur Kn hören. Ein freudiges Gefühl über das Gelingen des .wichtigen Unternehmens beherrschte die Versammlung beim Begrüßungsbankett. Schon das Zusammenkommen aller Kollegen von nah und' fern nach .einem mühevollen Arbeitsjahr war an.sich ein erfreuendes Ereignis; und das Ziel der Zusammenkunft steigerte das Freudegefühl aufs höchste. Den 18. Ab begannen die Kurse. Das Lehrprogranrm enthielt folgende Punkte: *10 Borträge über die hebräische Sprache und ihre Vergleichung Nr. 37. Mit den übrigen semitischen Sprachen und mit’ der arabischen insbesondere von David Jellin; 15 Vorlesungen über Botanik und Agrikultur und 10 Vorlesungen über Geologie von A. Ahronsohn; 6 Vorlesungen über Schul- und allgemeine Hygiene von Dr. Hillel Joffe; 15 Vorträge über Physik von Dr. B. Rosenstein (Lehrer in der „Gymnasin ibrith" in Jaffa); ferner Stunden für Zeichnen, Gesang und Turnen (die Lehrer ebenfalls! von saselbst). Außerdem versprach Dr. S ch e m a r j a h n- Lewin zwei Vorträge über „Das Judentum als Lebensanschauung". Zum allgemeinen Bedauern wurde in letzter Stunde bekannt gegeben, daß H. Jellin wegen eines traurigen Familienfalles leider verhindert wurde, hierher zu kommen; dadurch verloren' die Kurse einen sehr wichtigen Teil ihrer Leistungen, da H. Jellin als gründlicher Kenner des Hebräisch-Arabischen und glanzender .Lektor berühmt ist. (Fortsetzung folgt). Die jüdische Wiffeuschaft in Amerika. New Aork, Apgust 1912. Amerika ist in den letzten zehn Jahren ein Zentrum jüdischer Wissenschaft geworden. Dia-Vorarbeit von K o h u t, I a st r o w, M i e l'° zincr, Sold usw. 'hat ihre Früchte getragen, und' der gewaltige Strom der jüdischen Einwanderung hat die Reihen der Männer, die im Dienste der jüdischen geistigen Arbeit stehen, ständig vermehrt. In die Hunderte gehlen die Namen der jüdischen Schriftsteller und Gelehrten unseres Landes. Und imponierend sind die Leistungen dieser Männer. Seit dem Talmud ist kein so gewaltiges jüdisches Werk wie die vor einigen Jahren fertiggestellte?) ewish Encyclopedia geschaffen worden! Ihr reiht sich Eisenstadts hebräische Enzyklopädie würdig an. Dann: Sch echter „Dokuments of Aewish Sectaries", Nenmark „Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters",Professor Margolis „Grammatik der Talmud Babli", und Professor Ginzberg „Jüdische Legenden", eine der besten und vollkommensten Sammlungen der Legenden des Talmuds und der Midraschim. Dr. Singer, der Herausgeber der „Iewish Encyclopedia", widmet sich jetzt einer neuen, riesenhaften Aufgabe. Eine S a m M l u n g h e b r ä i sch e r Klassiker von der talmudischen Periode bis zur Gegenwart in englischer Sprache und in ihren besten Werken ist sein neuestes literarisches Unternehmen. Wir haben nur die hervorragendsten Werke angeführt. In nächster Zeit dürsten sich diesen wohl noch Mehrere anWießen. Professor Friedland schreibt eine Geschichte des jüdischen Volkes, Dr. Salm'on Jakoh Reisin eine Geschichte der Haskalah. Erwähnen wir zum Schluß 'iroch das Vorhandensein einer ausgebreiteten und fortschreitenden jüdischen Presse in Jargon und in Englisch, — darunter die wissenschastlichje Vierteljah'rsschrist „The Aewish Qnarterly Review" , fo dürften sich vollauf hie Worte mll Begimr dieser Ausführungen bestätigen, daß Amerika heute ein Zentrum der jüdischen Wissenschaft geworden ist, Herzl und Achad Haam. Als Anhänger des in Nr. 34 so scharf kritisierten Achad Haamismus seien mir einige Worte der Entgegnung gestattet. Es ist dies meiner Ueberzeugung nach nicht eine bloße theoretische Streitfrage, sondern ich glaube, daß das Gelingen der jüdischen nationalen Arbeit davon abhängt, wie weit die Ideen Achad Haäms Fuß fassen. Wer Achad Haam nicht kennt, wird aus jenem Artikel eine derartige Tlbneigung gegen ihn bekommen, daß er ihn vermutlich nie lesen wird. Und das wäre sehr bedauerliche Da ich weiß, daß Herr Ben-Kohelet Achad Haam sehr gut kennt, so bin ich über die Verkennung seiner Gedankengänge sehr erstaunt: Ich will diese Verkennung durch Vergleich einiger Stellen des Artikels mit Stellen von Achad Haam belegen. Dabei muß ich freilich bemerken, daß mir der letzte Artikel von Achad Haam nicht zur Hand ist, sondern nur sein grundlegendes Werk: Al pareschat darachim I. Teil. Herr Ben Koheket sagt: Nach Achad Haam ist die wirtschaftliche Judenfrage nicht die brennendste Seite des Problems. — Man vergleiche dazu „Pinsler irnb seine Broschüre (Deutsche Ausgabe S. 81): „Wofür sollen wir uns entschließen, Palästina für das Judentum oder die Juden«

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