Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 37 (19.9.1912)
- Date
- 1912-09-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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M W U lkes OlWWK UmKWm fammtattes. Rudis Bersöhuungstag. Humoreske von Clemens Berg. „Großpapa!" „St! Rudi." * Die Hausfrau wirst einen warnenden Blick nach dem unteren Ende der Tafel, allwo ihr Jüngster, seine Arme nach dem Oberhaupt der Familie ausstreckend,und heftig gestikulierend, Becher, Leuchter und einige Gläser umzustürzen droht. „Lieber Großpapa! Hör' doch mal!" „Rudolph, Ml!" Wenn der Vater „Rudolph" sagt und obendrein das „R" bedrohlich rollt, weiß der Angeredete nur zu gut, daß er jetzt den Mund halten müsse. Er beschränkt sich daher auf die ihm trotz seiner acht Jahre schon sehr geläufige Kunst der Mimik und läßt seine großen, schwarzen Taugcnichtsaugen so ausdrucksvoll spielen, daß der 'Großvater, der oben an der Tafel mit dem fremden Gast plaudert, endlich auf seinen Liebling aufmerksam wird und ermunternd fragt: „Nun, Rudi? Was wolltest Du mir sagen?" „Großpapa, ich faste morgen!" „Ach, Spaß!" „Ja, Großpapa, ich faste aus, ganz bestimmt!" „Du und fasten!" höhnt Bruder Karl- Karl der Große. Ja, der freilich hat schon zweimal ausgefastet; aber bei einem Burschen, welcher zwei Jahre über die Bar-Mizwoh steht, äst doch ein Tag Fasten durchaus keine Heldentat! . „Gerade tu, ich's," versichert Rudi, „ich habe voriges Jahr halb ausgefastet, weißt Du es nicht noch, Jeannette?" Rudi hat Unglück mit seinen Beteuerungen. Die dreizehnjährige Schwester mißt ihn geringschätzigen Blickes und antwortet nichts. Jeannette ist überhaupt eine sehr hochmütige Person; seitdem ein Vetter, Student, die Unvorsichtigkeit begangen hatte, in ihrer Gegenwart der Mutter zu sagen: „Das Mädel verspricht ein bildschöner Käfer zu werden," schaut das Fräulein jede steie Minute in den Spiegel, und ihre Heiden Brüder, die sonst in keinem Stücke gleicher Meinung sind, schwören einmütig: „Die Jeannette ist ein furchtbar hochmütiges Ding." 5 Aber selbst der Schwester Kälte kann Rudi nicht abschrecken. Während er seinen Teller mit gutem Appetit leert, murmelt er halblaut: „Ich faste aber doch!" „Mit der Butterbemme in der Hand," neckt Karl. Aufgebracht versetzt ihm Rudi heimlich einen Fußtritt, den die brüderliche Liebe ganz öffentlich mit an den Haaren reißen quittiert, sodaß der Kleine vor Schmerz laut aufschreit. Stimme des Vaters von oben: „Jungens!" Daraus eine Weile scheinheilige Ruhe, die später durch kurzes, aber scharfes Wortgeplänkel unterbrochen wird. Rudi, besiegt, Loch nicht entwaffnet, läßt sich vorsorglich noch einmal' Kompott geben. Sie werden alle morgen schon sehen! Einstweilen wird die Dafel aufgehoben. Die Mutter nimmt ihr Gebetbuch und verschwindet in dem Salon, aus dem sie nach kurzer Frist bewegten Antlitzes wiederkchrt, während durch die einen Augenblick geöffnete Türspaltc geheimnisvoller Lichtschimmer strahlt. Rudi schließt die Augen mit leisem Schauder; er weiß, da drinnen brennt das Seelenlicht, und eigentlich fürchtet er sich ein bischen davor. Die Erwachsenen rüsten sich zunt Aufbruch in das Gotteshaus. Der Vater segnet die Kinder, die Mutter ermähnt den Jüngsten, der zu Haus bleiben soll, recht brav zu sein. Rudi schleicht sich an den Großvater heran, und beide Hände des alten Herrn streichelnd, bettelt er: „Bitte, bitte, nimm mich doch mit!" Der'Großvater, der seinem Liebling gegenüber Momente unglaublicher Schwäche hat, ist natürlich schon halb gewonnen; aber der Vater zögert noch : „Die Fülle heute übend! Und der Bengel ist so, vorlaut und stört!" Rudi schwört: „Ich werde ganz gewiß nicht stören^!" „Nun, so nimm Deine Mütze!" " Wirklich verhält sich der kleine Kerl während des Gottesdienstes so still und andächtig. Laß der Großvater seine helle Freude an ihm hat. Ja, Rudi geht auch, der Helligkeit des Abends' entsprechend, hernach artig zu Bett und schläft ganz schnell ein, um das Kommen des großen Tages zu beschleunigen, an dem er fasten will. * Es ist ein prachtvoller Septembermorgen. Die Sonne steht bereits ziemlich hoch, als Rudi, nach erquickendem Schlummer, erwacht, aus dem Bett klettert, eins, zwei, drei Toilette macht und' dann aus vollem Halse schreit: „Anna! Meinen Kakaos" Neben ihm ertönt schallendes .Gelächter. In der Tür steht Karl, in seinem besten Anzug, ein Gebetbuch unter dem Arm, er fteut sich über das ganze Gesicht und lacht und lacht: „Ich denke. Du tvillst fasten?!" „Ja so!" Rudi ist glühend rot geworden; aber schnell gefaßt, wendet er sich .gegen die Küchentür: „Anna, meinen Kakao bringen Sie mir nicht! Ich faste heute!" „Nun, frühstücke nur," sagt Karl gönnerhaft, „Kinder in Deinem Älter dürfen noch, die zählen ja noch nicht mit! Kinder in Deinem Mer!" Rudi, empört, hat eine rechte' Rüpelantwort auf der Zunge, besinnt sich aber zum Glück, daß heute Versöhnungstag sei. Außerdem ist Karl' schon gegangen, wahrscheinlich nach dem Gotteshaus; die Eltern, der Großvater, Jeannette sind längst schon dort. Rudi beschließt, ihnen zu folgen. Da ringelt sich schon die Versuchung durch die Türe, nicht in Gestalt einer Schlange, nein, weit appetitlicher, sie trägt ein blitzsauberes, weißes Häubchen, eine helle Schürze und flüstert mit der freundlichen Stimme des Hausmädchens: „Wie ist's, Rudichen? Willst Du nicht in die Küche, etwas triken kommen?" Aber Rudi, mannhafter wie sein Ururältervater Adam, kehrt dem Werbe stolz den Rücken und! geht standhaft davon. * Die Stufen der kleinen Treppe am Eingang des Männerraums der Synagoge sind von einem Heer kleiner und größerer Jungen belagert. Der Wächetr wirft einen Blick hinter den Plüschvorhang in den Betsaal, wo Mann an Mann gedrängt .sitzen. Er schließt die Tür. Aber die herandrängcnden Burschen im Zaum zu halten, ist schwer. Während er fünf zurückjagt, schlüpft ihm der sechste hinein. „Jetzt habe ich's satt," ruft der Pförtner böse, und er teilt rechts und links Püffe aus, daß die getroffenen Schultern und Ohren blau werden, „komm mir noch einer hier rauf, — den Schutzmann hol' ich, so wahr heute Jomkippur ist! — Zurück! sag ich, Kroppzeug von Jungen!" (Gilt Rudi, welcher sich durch alle hindurch gedrängelt), „machst Du, daß Du runter kommst! In zehn Minuten ist Masker, danke Gott, wenn Du draußen bleiben kannst bis hundert Jahr!" Im nächsten Augenblick sieht Rudi seinen Vater herauskommen. „He, Rudi, Du hier?" „O, Papa, ich darf doch hinein?" - „Nein, mein Junge, jetzt nicht! Komm am Nachmittag!" „Adieu, Papa, bitte Dir viel Gutes aus." Der Vater winkt ihm zu und verschwindet hinter der Türe. „Allons, marsch. Junge!" schilt der Pförtner, „was stehst Du noch hier wie ein lehmener Golim?" „Selber einer . . . ." Rudis Finger zucken, dem Hüter der Schwelle eine Nase zu ziehen, oder ihm einige zoologische Komplimente anzuhängen. Aber er besinnt sich auf Ort und Stunde. Gut, Rudi ist heut der Klügere, der nachgibt . Er zupft' Re Schleife seines Lavalliers auf, zieht die Manschetten vor wie ein richtiger Beau und geht spazieren. Zunächst im Ghetto, das heißt in den Straßen, welche der Synagoge zunächst liegen und die zumeist von -Juden bewohnt werden. Er konstatiert mit Befriedigung, daß die Mehrzahl der Geschästslokale geschlossen sind und regt sich auf,, als. wäre er unseres Herrgottes Gendarm, da er gewahrt, daß Aron Meyers Nachfolger seinen Materialwarenladen offen hält. Da fällt chm ein, daß das Geschäft neulich in andere Hände übergegangen ist. Richtig: da steht es in kleinen Buchstaben unter den großen des Schildes: „Jetziger Inhaber Christoph Gottfried Schmidt". Rudi nickt beruhigt. Aber bald wird ihm die Welt des Ghetto zu eng. Er begibt sich auf die großen Plätze und Hauptstraßen. An einer Ecke im Zentrum der City fliegt wie ein Schwarni Tauben eine Schaar junger Mädchen auf ihn zu, alle weiß gekleidet, unter ihnen Jeannette als eine der hübschesten. „O, Netty, ist das Dein Bruder?" „Gott! ist der Junge süß!" „Nein,^ bloß die Augen!" Es schwirrt und girrt um Rudi herum. Eine niedliche Blondine versucht ihn zu küssen, was der junge Mann sich mir nach äußerstem Widerstreben gefallen läßt. Eine stramme Braune fällt gar mit der. Tür ins Haus: „Willst Du mich heiraten, kleiner Mann?" „Wenn Sie warten wollen , . ." „Wie lange?" „Dreißig Jahre!" „Bischen reichlich, Rudi!" „Ja, ich gehe nach Südaftika. Ich möchte erst Löwentöter werden." „Ehe Du heiratest? — Und was treibst Du jetzt?" „Ich faste." „Gott! Sehe einer das Kind!" Tank dieser Aeußerung haben es feine Verehrerinnen gründlich mit Rudi verdorben. Er entdeckt auf eigene Hand die alte Wahrheit des Predigers, daß man mit den Weibern bloß seine Zeit verliere und läuft grußlos davon, während das Lachen der Verlassenen ihm nachspottet. In einer großen Stadt gibt es fiir einen kleinen Jungen allzuviel zu sehen. Tausend Augen wie die Fliege müßte er haben, um all die Schaufenster, Plakate, Maueranschläge, Karossen, Räder und Autos gebührend anstaunen zu können. Besonders die Schaufenster! „Rudi steht und staunt, — bis ein sonderbares Unbehagen die Harmonie seines Wesens stört: „Ich fühle, in mir brennt mein Eingeweide." Sein Magen bellt wie ein hungriger Hund, der etwas beißen möchte .... „Kusch Tich!" sagt Rudi tapfer. Aber o weh! Der nächste Laden ist eine Zjuckerbäckerei, und der kleine Philosoph lernt heute aus dem Grunde verstehen, was die Großen die Tücke des Objekts nennen. Dieses Schaufenster wirkt nicht nur künstlerisch geschmackvoll. Da steht ein ganz richtiges Pfefferkuchenhaus, so groß, daß es reichlich den dritten Teil des Schaufensters einnimmt — gebaut aus Lebkuchen, gedeckt mll einem Dach von Schokolade und Bonbons! Das genäschige Gretel, von dem schüchternen Hansel am Schürzenband festgehalten, hat eben ein Stückchen Fensterscheibe aus eitel Zuckerkant losgebrochen, die Hexe steht in der Türe und grinst mll honigsüh-freundlichen Gesicht: „Bllte näherzutreten, verehrte Herrschaften! Immer anbeißen, wenn's gefällig ist!" Und was da noch alles herumliegt von Schokoladenwürsten, Marzipanherzen, Torten und Konfekt! (Fortsetzung fotzt-) I "Wäsolie m Dam en-Taghemdeu u. Beinkleider ■ Nachthemden, Nfachtfachen ■ Unterröcke M — Solid» anatk/asaigo Fabrikat» I Heuer ds SoHoen. I Boasmarkt 1. I 1