Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 37 (19.9.1912)
- Date
- 1912-09-19
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3 Nr. 37 . ist, so würde Len GesetzeÄreuen LÄ VM llach' Gründung einer der Moria -ähnlichen Organisation -vergangen sein, die gesetzes'treue Weltorganisation würde überhaupt niemals in die Erscheinung getreten sein. Diese Gefahr ist Lurch die Existenz, der Moria beseitigt. Es wäre aber ebenso gefährlich, wenn nun beide Organisationen, Moria und Agudas Jisroel, ohne gegenseitige Verständigung nebeneinander oder, gar gegeneinander arbeiten würden. Beide wollen sie der gesetzestreuen Sache dienen, beide müssen daher miteinander Hand in Hand gehen. Entweder sie marschieren, wie bisher, vollständig getrennt und grenzen nur ihre Arbeitsgebiete gegeneinander ab, indem etwa die Moria die Palästinaarbeit allein übernimmt, oder sie treten in ein Fraktions- Verhältnis zu einander, wie etwa der Misrachi zur zionistischen Organisation. Irgend ein gangbarer Weg wird sich bei beiderseitigen! guten Willen schon finden lassen. Was die Entwicklung der Moria bisher gehindert hat, war der unglückliche Umstand, daß sie hinter sich keinen. Geldgeber stehen hatte, ivä^ rend die Agudas Jisroel glücklicherweise von vornherein reichlich Geld für die Propaganda zur Verfügung hatte. Mit etwas mehr Geldmitteln hätte auch die Moria eine ähnliche Versammlung wie die Kattowitzer Agudas Jisroel-Versammlung veranstalten können. Denn auch sie besitzt unter den führenden jüdischen Persönlichkeiten des In- und AuslÄides einen großen Anhang. Mit Geld hätte sich buch eine bessere Propaganda organisieren lassen. Hoffen wir, daß dies in Zukunft anders wird) und daß die Moria sowohl finanzielle Unterstützung findet, als auch daß man erkennt. Laß trotz'des Bestehens der Agudas Jisroel es für die Zukunft der gesetzestreuen Judenheit eine unbedingte Notwendigkeit ist, die Mitgliedschaft der Moria zu erwerben. Wenn Moria und Agudas Jisroel die gleichen Lebensbedingungen besitzen, wird sich in Zukunft zeigen können, ob die Agudas Jisroel oder die Moria die ersehnte gesetzestreue Weltorganisation ist. Aus aller Msü. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Aus dem Büro der „Agudas Jisroel" wird uns geschrieben: Bekanntlich hatte das Provisorische Komitee der „Agudas Jisroel" die beiden auf gcsetzestreuem Boden stehenden deutschen Rabbinerverbände ersucht, Delegierte in das Komitee zu entsenden. Diesem Ersuchen ist nunmehr Folge gegeben worden, und es sind folgende Herren als Delegierte in das Komitee eingetreten: Bon seiten der „Vereinigung traditionell gesetzestreuer Rabbiner": Rektor Dr. Hoffmann-Berlin, Rabbiner Dr. Cohn-Rawitsch, Rabbiner Dr. E. Weill-Buchsweiler und von seiten des „Verbandes orthodoxer Rabbiner Deutschlands": Rabbiner Dr. Breuer-Frankfurt a. Main, Großherzoglicher Rabbiner Dr. Marx- Dari» stadt, Provinzialrabbiner. Dr. C a h n - Fulda. Das Komitee hat die Herausgabe eines je nach Bedarf erscheinenden hebräischen Korrespondenzblattes beschlossen, dessen erste Nummer unter dem Titel „Habere ch" im Laufe dieser Woche zur 'Versendung gelangt. Mainstockheim. Hier sprach Herr Gabriel Plaut aus Frankfurt a. M. über die Ziele und Zwecke der .Agudath Israel". Der. jugendliche Redner verstand es in seiner '/«ständigen Ansprache, die Versammlung derart zu fesseln, daß fast alle Anwesenden der Weltorganisation beitraten. Köln «. Rh. Das Direktorium des Jüd. Nationalfon d s (Adresse: Neumarkt 33) erläßt ein Preisausschreiben sür eine neue Nationalfon d s m a r k e. Bedingungen: 2% mal 3 cm. Aufschrift: „Keren Kajemeth Le Jisroel" in hebräischer Quadratschrist. Die Marke soll die Tätigkeit des Jüd. Nationalfonds, der bezweckt, Land in Palästina zur Besiedelung durch Juden zu erwerben, in klarer, allgemein verständlicher Weise zum- Ausdruck bringen. Die Entwürfe sind in einer Farben'auszuführen. Preise: 1. Preis 300 JL, 2. Preis 150 Ji, event. weitere Preise h 100 Preisrichter: E. M/ Lilien, Lesser Ury u. Dr. M. I. Bodenheimer. Endtermin der Einreichung: 31. Dezbr. d. I. Stuttgart. Gleichzeitig mit dem'Gesetz über die Israel. Religionsgemeinschaft veröffentlicht das Amtsblatt des Kultusministeriums die von der israelit. Oberkirchenbehörde beschlossene Kirchenverfassun g der israelitischen - Religionsgemeinschaft. Zu dieser Kirchenversassung hatte die Zweite Kammer in einer Resolution eine Reihe von Wünschen ausgesprochen. Die israelit. Oberkirchenbehörde hat jedoch die umstrittensten Wünsche nicht erfüllt. Den Vorsängern, die die zweite ffnmkfurter JsraelMye5 KmWsMA. Dienstprüfung noch nicht bestanden haben, bleibt die Wahl zum Vorsitzenden bezw. stellvertretenden Vorsitzenden des Kirchenvorstehcramts versagt, ebenso der von den Vorsängern des Landes geäußerte Wunsch nach einer von ihnen gewählten Standcsvertretung im Weitere,! Rat der Dberkirchenbehörde. Auch sind die Bestimmungen über das Recht zur Ablehnung der Wahl als Kirchenvorsteher — entgegen den Wünschen nach Gleichstellung mit den christlichen Kirchen — so geblieben, wie sie im Entwurf standen. Hamburg. Rabb iner Dr. Im Manuel Plato erläßt das folgende Rundschreiben: „Ich erachte es als ein nobile officium der deutschen Orthodoxie, gegen einen Teil des wissenschaftlichen und dogmatischen Inhaltes der Cahnschen Schrift: „Die religiösen Strömungen in der zeitgenössischen Judenheit" P r o t e st e i n z u l e g e n. Der Beweis, den jene Schrift für ihre These, daß das Reformjudentum atheistisch sei, erbringen will, ist m. E. als mißlungen anzusehen. Die Kritik, welche Dr. Cahn-Fulda an den Anschauungen der „Gegenseite", die von mir in wesentlichen Punkten ebenfalls verworfen werden, ausübt, entbehrt nicht selten sowohl des Nachweises, daß er den Gegner richtig verstanden hat, als auch der elementare» Momente eines kritisch-wissenschaftlichen Apparates. Dies bezieht sich sowohl auf den Cahnschen Maßstab für allgemein philosophische und speziell erkenntnistheoretische Voraussetzungen, sowie auf das Verständnis philosophischer Begriffe, als auch auf dogmatische, religionsphilosophische, speziell rabbinisch?, religionsgesetzliche sowie religionsgesetzlich-geschichtliche Grundlagen und deren sprachliche Würdigung im Geiste des rabbinischen Judentums. Auch der Offenbarungs- und Gottesb eg riss, wie Cahn ihn handhabt, ist weder der einzig klassisch allgemeingültige noch bezw. der einzig gültige, mögliche und erschöpfende. Soweit die Cahnsche Schrift in diesem Teile nur dazu bestimmt sein sollte, für den Rabbinatsbezirk Fulda zu wirken, bestreite ich die 'Ausführungen keineswegs! Jeder muß wissen, tvas er seinem Sprengel schuldig ist und welchen Trank er aus dem Meere des Talmuds darzubieten hat. Insofern aber jene Darstellungen im ausschließlichen Sinne Allgemeingültigkcit beanspruchen, dürfte es empfehlenswert sein, soweit tunlich, aufklärend und berichtigend sich zu betätigen. Dieselben sind m. E. teilweise geeignet, verwirrend und zersetzend zu wirken, sowohl für das öffentliche Gemeinde- und Parteileben, als auch hinsichtlich solcher Kategorien von Lesern, die mit den rabbinischen Quellen nicht hinreichend vertraut sind. Anstatt zur Glorifizierung des Glaubens und zur Ermunterung der Gesetzesübung beizutragen, würden m. E. manche Ausführungen geeignet sein, daß mancher Leser an sich selbst irre und dem Zweifel zugeführt wird. Die Frucht der Prinzipienreiterei und einseitigen Erfassung des Judentums dürfte vielleicht auch in der eigenartigen Beurteilung zu erkennen sein, welche der Berliner Sonntags gern ein de zuteil geworden ist. — Cahn erblickt in der sog. Sabbatverlegung wesentlich Nur „eine der jüdischen Volksseele widerfahrende Kränkung, die als Verletzung der Religionsvorschrist unvergleichlich milder wiegt als die von dem, den Sabbat offiziell feiernden, allgemeinen Reformjudentum erklärte und betätigte prinzipielle Verleugnung der Sabbatheiligung als göttlicher Verpflichtung" (S. 74). Ich frage: Ist es wahr, daß das Reforinjndentum, und das find in diesen: Falle doch wohl die Reformjuden, allgemein prinzipiell die göttliche Verpflichtung der Sabbatheiligung in charakteristischer und bewußter Weise derart leugnet, daß sie niedriger als die Sonntagsgemeindc einzuschätzen sind? Wieso jst bewiesen, daß die Mitglieder der Sonntagsgemeinde von der prinzipiellen Heiligkeit des Sabbats als göttlicher Institution in höherem Grade überzeugt sind als die anderen Resormjnden, die den Sabbat „offiziell" feiern? Diese Auffassung liegt nichtweit vom Wege! — Nach der Cahnschen Methode könnte eine allgemeine Erklärung, die alle 100 Jahre von der „Reform" erlassen wird, die theoretische Göttlichkeit aller Gesetze öffentlich anerkennen und — mit diesem Scheine in der Hand — in der Praxis munter drauflosreformieren! Die Glaubenseinheit der deutschen Juden wäre also gewahrt und die Zwangsorganisation ermöglicht! Hebt man als das Charakteristische die Anerkennung der „unmittelbaren Göttlichkeit" hervor, wo bleibt dann, so frage ich, das Charakteristische unseres wirklichen Judentums, das kein unmittelbar göttlich-sinaitisches, sondern ein rabbiuisches zu nennen ist. — Wie leicht kann inan sich den Sabbat machen und vieles andere, wenn das „unmittelbar Göttliche" so charakteristisch in den Vordergrund gestellt wird. Vieles ist nicht zu „O h r e n Moses und zu den Ohren des Volkes unmittelbar gelangt!" Protest lege ich dagegen ein, daß, nach Cahns Darstellung, so viele Großgemeinden nicht das Recht hätten, sich noch „jüdische Gemeinde" zu nennen. Selbstverständlich muß die Orthodoxie auf der Hut sein, nicht „überrumpelt" zu werden." . Rußland. Kiew. Die Brutalität der Regierung kennt keine Grenzen. Jetzt sollen aus der hiesigen Handelshochschule 1800 jüdische Studenten ausgeschlossen werden. Jahrelang hatte diese Hochschule unter Leitung von Prof. Downar-Sapolsky, als sie finanziell schwach war, die jüdischen Jünglinge und Mädchen ohne Rücksicht auf etwaige Prozenlnormen ausgenommen und ihnen die feierliche Zusage gegeben, daß alle diejenigen, die. bereits immatrikuliert seien, sämtliche R«hte genießen würden. Infolge dieser Erklärung hätte die "Hochschule in ihrer kritischen Zeit im Laufe weniger Jahre über eine Million Rubel jüdkscherferts zusammen- 1 gerafft. Denn ein großer Teil all derer, die von den Universitäten und technischen Hochschulen zurückgewiesen 1 wurden, hatte hier eine Zuflucht gesucht und gefunden. 1 Jetzt aber, da die Hochschule finanziell;3 fichergestellt ist, hat sie neue Satzungen erdalten,; laut d°nen die Juden nur bis zu 5% der gesamten j Studierenden zu immatriku.irren find. Dabei soll die brutale j Vorschrift rückwirkende Kraft und die Ausschließung ] faßt aller jüdischen Studierenden zur Folge haben. Rur j als rechtlose Hörer werden sie die Hochschule weiterbesuchen > dürfen. 1 Der Jammer der Betroffenen ist unbeschreiblich. Wie es letzthin heißt, wollen zwar einige Professoren der Kiewer Handelshochschule noch einige Jabre auf die von der Regierung der Hochschule gewöhnen Rechte verzichten, vis wenigstens die jetzigen jüdischen Studenten und Studentinnen ihre Studien absolviert haben werden. Es ist jedoch sehr zwevelhast, ob der derzeitige Direktor ' Downar-Sapolsky diesem Vorschlag stattgeben wird. Jst doch die Regierung selbst unerbittlich. Kiew. Die Komödie der „erneuten Untersuchung" im Prozeß Iustschinski Z naht ihrem Ende. Man hat freilich im Laufe dieser „Untersuchung" sehr interessante Details an den Tag gefördert. So hat z. B. Frau Diakonowa, die Haupt-;; zeugin Brasul-Bruschkowkhs, die bekanntlich R u ds i n s k h und L a t y sch e w als die Mörder bezeichnete, diese erkannt. Untersuchungsrichter Maschkewitsch ließ sie nach dem Gefängnis kommen, wo sie Rudsinsky, der dort irgendein Verbrechen abbüßt, unter elf Sträs- 5 fingen sofort erkannte. Dieselbe Probe wurde mit L atys ch e w im Kerker gemacht, und Frau Diakonowa erkannte - auch ihn unter fünfzehn anderen. Trotzdem diese Tatsache in Gerichtskreisen großen Eindruck machte, sollte man sich doch bald überzeugen, ) daß alles beim alten bleiben dürfte. Sehr verblüffend wirkte die Tatsache, daß Fürst Karajew 1 und der Student Malachin, die zu den wichfigsten Zeugen Brasul-Bruschkowskys gehören, kurz darauf wegen angeblicher anarchistischer Um triebe verhaftet wurden. Beilis, das arme Opfer des böswilligen Ritualmordwahns, wird voraussichtlich noch lange im Gefängnis schmachten. Wie die gut unterrichtete „Nowoje Wremja" zu melden weiß, sollen die Verhandlungen gegen ihn in diesem Jahre nicht mehr stattfinden. — Es \ hat auch Teilte Eile damit. Vorläufig ist ja die Affäre ein > trefflicher Bissen sür unsere Patrioten. Namentlich wirb? sie in der gegenwärtigen Wahlkampagne reichlich ausgenützt. Die Wahllosung der „patriotischen" Parteien» speziell im Südbezirk, lautet: „Ritualmord". Palästina. Jerusalem Hier find Bestrebungen im Gange, in l Palästina eine Organisation der religiös-traditioneklen Juden zu schaffen, die vorderhand ihre Selbständigkeit wahren und ersi späte«hin, wenn sie bereits seiten Fuß geiaß> haben wird' und die Umstände es erforde'n sollten, sich an ähnliche Organisationen Europas onsckließen soll. Ein Aukruf im diesigen .Hamonah" betont, daß das Tätigkeitsgebiet der g-wlan'en Organisation hauptlächkich auf ökonomischem Gebiete liegen solle. Sie werde bestrebt sein neue Erwerbsmöglichkeiten zu suchen, damit die Heranwachsende Jugend im Lande bleiben und der jüdischen - Tradition erhalten werden kann. 0 Bor den Toren Prags. . Historische Erzählung von A. E. Brachvogel. __ «Fortsetzung). In diesem Augenblick trat Rabbi Simon Spira - ein, hinter ihm Schamech, 8er Vorsteher. An Rabbi Simon Spira war äußerlich nichts auffällig als sein - edel geformtes Haupt und Gesicht und 8er lange,.-. , graue Bark. Seine Gestalt aber war klein,, schmächtig und gedrückt, sein Rücken etwas gekrümmt — man sagte vom vielen Sitzen und Studieren —, er war - seinem herkulischen Sohne so unähnlich wie möglich. ■: Esther begrüßte ihn kalt und wollte vorüber. „Was hast Du. Mädchen, wenn ich - komme? Willst. Du nicht hören, was aus der Stadt wird, wenn-wieder . . die Schweden kommen? Willst Du nicht sägen, was die reiche Esther Katz mit all ihren Steinen und' ' ihrem Geld dann tun will für ihre armen, bedrängten Mitmenschen?!" „Wenn ich etwas wissen soll von 'den Schweden und etwas geben für unsere bedrängten Leute, Rabbi, so weißt Du, wo ich zu treffen bin." Sie schritt an: i ihm vorüber. „Esther! Mädchen! Steh' still!" ~ „Laß sie gehen, Simon!" rief Sara. »Faß. sie. mir gehen! Sie hat sich verschworen mit einem Eide! . . . Ich glaube, es ist in ihrem Kopfe nicht richtig!" . 7 setzte sie halblaut hinzu. 3 Esther Katz hörte sie nicht mehr. Sie hatte raschen * Schrittes das Haus des Rabbiners verlassen und eilte, ■