Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 37 (19.9.1912)
- Date
- 1912-09-19
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 4 _ Frankfurker NraÄitisHeS FamMenblatk. Nr. 37. möchte, was ich gewiß weiß, so würden sie's mir den düsteren, zornigen Blick gesenkt, ihrem Hause zu, das sie in wenigen Minuten^erreichte. Simon,, der ihr nachgesehen, bis sie hinter sich die Tür des Gemaches zugeworfen hatte, schüttelte den Kopf. „Hat sie etwas mit Dir gehabt, Sara?" „Nicht mit mir, aber wieder mit ihm! Markus ist gelonunen." „Wir wissen es schon," sagte Joach Schamech, der Vorsteher. „Der Statthalter hat in der Versammlung , auf dem Rathause erzählt, daß Markus mit ihm hereingekommen ist und aüsgesagt hatte, die Schweden stünden bei Buchau und würden zur Kleinseite herein wollen!" „Wo ist er, Sara?" „hinaus auf den guten Ort gerannt vor der Esthm giftige» Reden!" „Gott soll behüten!" rief Simon. „Aus meiner Väter Hause soll sie zum zweitenmal meinen Sohn - nicht treiben! Er hat für sein heißes Blut genug geküßt! — Geh, Sara, hole ihn!" . ' ' Sara entfernte sich. Der Rabbi und Schamech nahmen am Tische Platz und sahen einander trübe ins'Auge. „Gott Israels," rief letzterer, „was werden wieder für schreckliche Zeiten kommen! Werden die schwedischen Räuber und Mörder noch, einmal über die Stadt hcrfahren und sie peinigen und plündern wie voriges Iaht?" „Der Herr ist in der Höhe, Joach," sagte der Rabbi. „Er wird das Elend seiner Welt anschaucn und wird es enden, wenn die Zeit der Prüfung erfüllt ist." Schamech wollte etwas erwidern, als Markus mit . Sara eintrat. Der gigantische Sohn schloß seinen schwächlichen Vater liebevoll in die Arme uiü> küßte - seine Hände. „Preis und Ehre sei unserer Väter Gott, der Dich unbeschädigt zurückgeführt hat, Markus. Erzähle, was Du von den Schweden weißt. Graf Colloredo hat schon gesagt, Du wüßtest von ihnen." „Ich weiß von ihnen, Vater, mehr als mir lieb ist. Geh' hinaus, Mutter, und laß uns Männern die Sorge. Du sollst nicht Dein Herz beschweren vor der Zeit, wirst auch schon noch zu schleppen kriegen Dein Pack über und über!" ' Sara senkte das Haupt und verließ das Gemach. „Vater, sage mir erst, was in der Versammlung beschlossen worden ist?" ° „Graf Colloredo und sein Bruder, der Kinsky und Czernin, auch der Herr von Sternberg von den Meuzherren"meinen. Du könntest wohl recht haben; die Kleinseite wäre zuerst-in Gefahr. Wer Wratislav, Clam-Gallasch, Lobkowitz, Marzin, Collowrad, Marti-, nitz und die übrigen Herren vom Hradschin lachen bloß Wer Dich; der Hartik von der Reiterei aber spottet am meisten." „Nun, wenn der Hartik, Wratislaw und 'Marzin nur nicht die ersten sein weiden, denen es leid ist, daß der Jude Markus gescheiter war. als sie!" „Die Edelleute von Hradschin und der Kleinseite haken gesagt," fiel Schamech ein, „die All- und Neustadt sollten nur allein zusehen, daß nicht die.Schweden zu ihr hereinkämen; sie wollten schon sorgen, daß die linke Moldau vor den Schweden bewahrt bliebe. Darauf hat Graf Colloredo erklärt, er wolle hier drü-. ken die oberste Verteidigung führen und hat seinem Bruder, dem Matheser und dem Clani-Martinitz sein Haus übergeben wie das Kommando über die Burg. Er will bei uns bleiben. Ebenso machen es Kinsky und Czernin." - „Es ist gut, Vorsteher. Was wird nun die Bürgerschaft von der All- und Neustadt beginnen?" „Dohalsky und Werby wollen alle Bürgersleute -und Knechte ausbieten bis zum achtzehnten Fahr," antgegnete der Rabbi. „sind was wird von der Judenschaft verlangt?"• „Wir sollen Geld und Proviant geben. Ich habe gesagt, wir wollen es überlegen. Ich und Joach werden morgen die Judenschaft in den Tempel zusammenrusett lassen,- um zu beten und Geld und Gut nach Iuhcreir Kräften zu opfern. Dir aber läßt der Colloredo befchlen, ,Du sollst Dein Vieh bestimmt heute Nacht hcreinbringen." . „Er hat recht, Vater! Das Vieh ist für uns mehr wert als Menschen im Panzer und Geld!" „Was redest Du für einfältige Sachen, Markus? Seit wann sind Ochsen mehr wert als lebendige Menschen?" „Wir werden sehen, Vater, wer recht hat. — Ich kann nicht sprechen, wie ich will. Wenn ich erzählen doch, nicht glauben, und ich käme noch überdies um den Kopf! Aber es ist gewiß, die Schwüren haben Einverständnis mit jemand von der Kleinseite, dort kommen sie auch herein. Drüben bleiben werden sie nicht. Die steinerne Brücke zerbrechen können wir nicht vorher so rasch, und es würde auch keiner von den hohen Herren erlauben. Wenn die Schweden aber ein paar Kartaunen auf die Brücke fahren, schießen sie das Altstädter Tor ein und sind hier drin. Dann wird es Prag schlimmer ergehen als voriges Jahr, der Judenschast aber am schlimmsten." Schamech 'hob verzweifelt die Arme zum Himmel empor. „Ich bin des Todes! Du erschreckst mich, Sohn!" rief Rabbi Simon aus. „Ist wirklich ein Verräter auf der Kleinseite und alles eine ausgemachte Schufterei?!" v „Vater, es ist so! Als ich beim Aufkauf des Viehes mich bis nach Buchau gewagt habe, um den Schweden nachzuforschen, da haben sic mich erwischt." „Dich haben sie wieder gefangen, Markus?" rief Schamech. „Gefangen, wie vor drei Jahren?" „Sic haben mich wieder gekriegt, und ich habe schon mein Leben aufgegeben gehabt. Aber weil ich ein bißchen schwedisch konnte und eben bloß '»Jude bin, haben sie mich gezwungen auf Leib und Leben, daß ich zwei Kundschafter bringe nach der Kleinselle herein zu dem Mann, mit dem sie ihr Einverständnis haken.' Ich habe cs tun müssen, Vater, wenn ich leben bleiben wollte; aber ich habe ersonnen 'neu feinen Plan, daß doch ken Schweden ihre Tücke, Niedertracht und Mörderci cingetränll werde!" „Markus, was denkst Du zu tun?" „Ich denke eher nichts, bis ich, nicht glücklich mein Vieh in der Stadt Habe. Aber ich will Dir etwas sagen, Vater, das sollst Du überlegen mll dem/Herrn Vorsteher. — Ich meine, wenn wieder so große Not in Prag wird, und sic kommen, alles Lebendige zu würgen, und wenn da die Christen fechten um Leib und Blut für ihren Glauben, Weiber und Klltder, — sollen da die Juden weiter nichts tun als ihr Geld geben und bloß ihr Geld?! Es sind vor Zeiten Helden auferweckt worden in Israel, und der Herr hat ihnen verliehen Kraft und Weisheit! Warum soll er nicht heute auch wieder Helden unter uns. erwecken,- wenn er cs will? Warum sollen die Prager Juden nicht so gut wie die Christen kämpfen für ihren Tempel, für das Gesetz und für den Kaiser?" (Fortsetzung folgt.) Amerikanische Fits-u Pincenez KTJ:“ Grosse Auswahl in amerik. und deutscher Optik. J. W. Albert, Ecke Nene Maimerctr. n. Wemfranenstr. 11. Am Grabe der Mutter. .Skizze von Hermann Jakob-Ludwigshäfen. Herbstliche Stimmung, der Himmel schwarzgrau bewölll, im Osten ein sattblauer, breiter Streifen. Die Sonnenstrahlen wollen den schwarzen Wolkenballen durchdringen. Der Sommer denkt noch nicht an sein nahes Ende. Im Bewußtsein seiner glänzenden Regierung zeigt er seinen« Nachfolger, dem Herbst, noch die Türe, dessen Verbündeter, der Sturm, darüber sehr empört ist. Mit Heulen und Toben fordert er zum Kampf heraus, sein Gesetz ist Gewalt. 'Er läßt seine Laune an den schon gelblichen, bald welken Blättern der Bäume aus, die er ohne Erbarmen zur Erde herabwirbelt. An der 'Friedhosmauer macht er - Halt, als wenn ihm diese heilige Stätte solches gebiete. Ja, heilig ist diese Stätte, wo Du weilst, Mutter. — Frieden nur ist hier. Dein ersehnter Wunsch auf Deinem schweren Krankenlager, hier erlöst zu ruhen, ist erfüllt. Hier weile ich jetzt an Deiner Ruhestätte, entfernt dem Lärm der Straßen und dem'täglichen Getriebe, ganz in Gedanken nur an Dich versunken. Wie dankbar warst Du auf Deinem Krankenlager für die kleinste -Hilfe, wie hart >var Dir der Gedanke, von uns scheiden zu müssen. Du hofftest immer noch auf Rettung, bis auch der letzte Funke an diesen Glauben in Dir erlöschen mußte. Deine Lebenstaten stehlen vor mir. Galcs je eine bessere Frau? ~ Ein Asyl den Armen, dem Hilflosen ein Hält, dem. Trauernden ein Trost. Hier ruhst Du nun in Frieden, die Du den bitteren Kelch des Lebens auch gekostet. Dem Gatten und den Kindern' nmßtest Du einst ins Grab schauen. Mit Geduld, ohne Klagen ertrugst Du Dein Schicksal. Dein Glaube war Dein Trost, Dein Mut in jeder Stunde. Doch ich muß jetzt von Dir scheiden, die Pflicht des Lebens ruft ... * Es ist Jom-Kippur. In Andacht lauscht die Gemeinde der Predigt, die vom „Kommen und Vergehen" erzählt. Manch Auge ist betränt, und der Atem stockt in Trauer. Da bin ich wieder im Geiste dort bei Dir, an der Mauer des Friedhofes, in der herbstlichen Landschaft, an Deinem mit Epheu bedeckten Grabe. Dieser alte Epheu, der noch Deinen Grabstein fest umschlossen hält und als. immergrüne Krone Dein Grab beschattet. Darüber die Z>veige der bald entlaubten Bäume, tvo noch an einem Aste einleeres Vogelnest klebt. Die Sonnenstrahlen durchdringen die schwarzen Wolken. Verklärt in Ruhe und Frieden liegt , der Gottesacker ausgebreitet. Bunte Chronik. Eine Jüdin auf dem Thron Bulgariens. In einer älteren Schrift finden wir Nachrichten über eine jüdische Frau, die Gemahlin des Königs von -Bulgarien war. Sie hieß Sarah .und war von strahlender Schönheit. König Iwan Alexander (14. Jahrhundert) verliebte sich in sie, als sie in einer nicht bekannt gewordenen Angelegenheit ihn ausgesucht hatte. Der König ver> stteß um ihretwillen seine Eeinahlin Theodora, sie gab um seinetwegen die' Religion der Väter aqf und »ahm als', gekrönte Königin und Christin den Namen ihrer Vorgängerin an. Die Inden hatten keinen Grund," sich der Rangerhöhung ihrer vormaligen Neligionsgenossin zu freuen. Sie war eine fanatische Christin geworden und tat nichts, Judenverfolgungen zu verhüten. Im Jahre 1352 beschloß ein angeblich zur Verteidigung des Glaubens abgehaltenes Natioiial-Konzil die Austreibung der Ketzer und Juden. Diese hatten in Tirnowo seit 1295 em eigenes Viertel bewohnt. Man Nagte sie der Verachtung des orthodoxen Glaubens an, drei Juden wurden wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt, kamen aber aus Fürsprache der Königin durch des Königs Gnade mit .geringeren Strafen davon. Die jüdische Gemeinde von Tirnowo, von deren Friedhof noch Reste vorhanden sind, löste sich auf, ihre Migliedter zerstreuten sich, — unS bis heute wohnen in Tirnon'o keine Juden. Interessantes aus dem Jahresbericht der englischen Bibelgesellschaft. Der letzte Jahresbericht der englischen Bibelgesellschaft enthält abermals einige interessnate Daten über die Juden in den verschiedenen fernen Ländern. Im Bezirke Limassol auf Cypern traf ein Agent der Gesellschaft eine Kolonie von 30 jüdischen Familien, welche sich vor zehn Jahren als Flüchtlinge aus Rußland zwischen Nicosia und Larnaca angesiedelt, haben. In Mosul, deren Judengemeinde heute als die älteste angesehen wird, findet sich heute eine jüdische Gemeinde von 300 Familien. Hier versuchte der Agent der Gesellschaft das Neue Testament unter den Juden anzubringen, hatte aber wenig Glück, da' sich bloß drei Juden fanden, die aus Neugierde das Buch kauften. Der Bericht klagt darüber, daß in verschiedenen Ortschaften zwischen den Missionären der Gesellschaft und den ansässigen Juden blutige Schlägereien entstanden und die Missionare aus der Gemeinde gejagt wurden. Aus Marokko berichtet der dortige Agent, daß daselbst „leider nicht viel zu machen sei, da sowohldie Juden als auch die Mauren auf ihre Religion stolz seien «tnd jeden Annäherungsversuch energisch abweiscn." Offenbacher Druckluft - Anlage Ottenbach a. H. Telefon 123. 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Das Mussaf behandelt genauer den schweren Tagesdienst des hohen Priesters im Heiligtum. Unesano-Tokef (Schicksalsbestimmung), Olenugebet, öfteres Niederwerfen als Zeichen der Huldigung vor Gott (sogen. „Awaudo"). Nach-