Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1912-09-19 · Heft 37 (19.9.1912) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 37 (19.9.1912)
Date
1912-09-19
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692768-2692805--07191-3518773
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 37 - Leite 2. stL nden zu h alte n, und mich'in kann von einer Feindschaft. gegenüber den jüdischen Nationalismen überhaupt keine Rede sein! Der Nationalismus hat nicht nur segensreich nach innen gewirkt, nicht nur hat er eine förmliche Umwälzung, eine- Umwertung der Werte in Sachen des jüdischen Sel-bstbewußtseins, jüdischen Stolzes, der jüdischen Solidarität bewerkstelligt, sondern er hat auch nach außen segensreich gewirkt, vor allem hat er durch die von chm bewirkte Stärkung der Mischen Solidarität eine größere Machtentfaltung de-s Judentums nach außen ermöglicht. Zweitens hat er das Mißtrauen und die Geringschätzung, die seitens der denkenden Christ«: den Juden ob der Verschleuderung der kostbaren nationalen Ahnengüter und ob des aufdränglichen Deuts.chelns entgegengebrachtwurden, wenn nicht ganz, so doch halb beseitigt. Und das ist sicher: Je mehr die nationale Idee und mit ihr die Selbstachtung, die jüdische Würde und der jüdische Stolz sowie die Solidarität sich ausbreiten werden, umso mehr wird die Mißachtung und das Mißtrauen weichen und an deren Stelle Wertschätzung, Vertrauen Platz greifen. Die Judenhell — unter Abzug der Täuflinge - ist den Nationalist«: zu Dank verpflichtet, und das Kesseltreiben unserer Liberalen gegen , die jüd. Nationalisten ist ein Werk der Mischen Radikalen, unserer eigenen Judephoven, die in ihrem zähen,' blindwütigen Haß zu allem, was Misch ist, auch die anderen, die halben Juden, mitreißen. Diese Halben, die mitgerissenen Mitläufer, die. doch im Grunde ihres Herzens für ihr gequältes Volk Liche empfinden und das Wohl des Judentums aufrichtig wünschen, werden früher oder später ihren Irrtum einschen und sich.mit den Nationaljud«: aussöhnen. Schon die allgemeine, zunehmende Tendenz zum - Judentum, die man in diesem Jahre - wahrnehmen konnte, wird die Halb«: zu ganzen Juden machen. Wir haben uns so eingehend, -weit über den Rahmen > einer Jahresrevue mit Sombart und dem Nationalismus befaßt, weil wir in den: Gang dieser Bewegung und der Stellung der jüdischen Ocffentlichkeit zu ihr einen Gradmesser vom Stande des Judentums in Händen habest Nunmehr wollen wir zu den anderen Ereignissen in unserem Deutschland übergehen, — und zwar sind es ihrer zwei, die der Behandlung wert sind: 1. Der Streit der D. K. G. mit der Zentrale der A. I. II. zu Paris, und der Streit innerhalb der D. K. G. selbst. 2. Die Entstehung der „Agudas Jisroel". In beiden Ereignissen hat unser Frankfurt eine große Rolle gespielt. Der Gedanke der Agudoh ist von Frankfurt ausgegangen, und einstwellen ist -der Sitz dieser Organisation bei uns in Frankfurt. Mer auch in dem Streit der- D. K. Gmit Paris, besonders in den Streitigkeiten innerhalb der D. K. G. hat Frankfurt sich aktiv beteiligt, vielleicht gar zu aktiv. ... (Fortsetzung in der Beilage) - Aus deu Ereignisse« des Tages. Zum Jaum-Kippur. r Unter allen Feiertagen sind diejenigen die höchsten und wichtigsten, die große Ideen zum sichtbaren Ausdruck bringen sollen. Jeder Mensch und jedes Voll hat den"Drang, das Streben, die abstrakten Ideen, die ihm die teuersten sind, nach außen hin sichtbar, symbolisch auszudrücken. Insofern kann man die höchst«: Feiertage materialisierte Ideen nennen, und zwar symbolisieren sie naturgemäß die ewigsten Ideen der sie Feiernden. 'Will-man die wenigen Gedanken und gbeale kennen, die dein Geist eines Volkes am adäquastetcn sind, so befrage mm: seine Feiertage. •Bon diesem Gesichtspunkte aus gewinnt der „Jaum-Halippurim", der Versöhnungstag, für uns ganz besondere Bedeutung. Er ist zweifellos unser höchster religiöser Feiertag; ist aber auch zweifellos derjenige, der mehr wie jeder andere dazu bestimmt ist, eine Idee zu verkörpern. Kein zeitliches Ereignis, keine historische Erinnerung knüpft sich an. „Zäum Kippur. Er ist ganz und gar ein Tag/! der dem Abstrakten, der Idee, geweiht ist. Und welche Id«: ist es nun, die dieser höchste jüdische Feiertag symbolisiert? „Jaum-Hakippurim", der Tag des Verzeihens, der Versöhnungstag. An seinem Frankfurter FfraüitWeS FavMenblaÜ. Namdn ruht seine Idee, zu deren äußerem Ausdruck .bestimmt ist:, die Idee der Versöhnung. Dies ist wesentlicher, als manchie glauben, charakteristischer für den Geist des Judentums, als viele anzunehmen gewlllt find. Seinen höchsten religiösen Feiertag, den Tag, bei dessen Nennung er schon Scheu und Ehrfurcht empfindet, tveiht der Jude der Idee der Verzeihung, der Versöhnung. Dies zeigt uns schon, daß diese Idee ein funda- Merllaler Gedanke in der Weltanschauung des Judentums sein muß, daß sie deutlicher wie jede andere die Stellung des Juden zu feiner Welt züiü Ausdruck bringt. Und in der Tat, was die theoretische Fundamentierung und Verankerung seiner Weltanschauung betrifft, kennt das Judentum gewiß Ideen von größerer Tragweite. Was das praktische Fazit seiner Weltanschauung anlangt, seine Stellung zum Menschen und zum Leb«:, ist diese Idee unbestreitbar die wichtigste und charakteristischste. Was Judentum und jüdisches Wes«: im letzten Grunde ausmacht, ist tiefste, sittlichste Lebensbejahung, und diese Lebeusbejähüng zu verkörpern, ist keine Idee geeigneter wiü die der Versöhnung. Man erkennt den Charakter eines Menschen stets nur an seiner Stellung zu dem' seinem Wesen Widersprechenden und Entgegengesetztein. Einen Künstler wird man am ehesten als solchen empfinden, wenn man ihn etwas Häßlichen: tzegenüb'erstellt, und einen Ethiker, einen Menschen des' sittlichen Imperativs, erfaßt man in seiner Stellung zur Sünde und zum Sünder. Dreifach ist die Art, wie ein Mensch sich zur Sünde stellt, analog den drei großen Typen von Weltanschauungen, die möglich sind. Man kann die Sünde als solche empfinden, aber ohne die Hoffnung zu besitzen, sie wieder gut zu machen, weil mm: sie als die.Grundbedingung des Lebens ansieht. Dies ist der Standpunkt der Buddhisten. Er kennt den Begriff, der Sünde, aber nicht denjenigen der Verzeihung, der Versöhnung. Man kann auch die Sünde überhaupt nicht als solche anerkennen, weil man nicht das' Kriterium des Guten und Bösen besitzt, nur sie zu erfassen: also tut der Grieche. Er kennt wÄer die Sünde noch ihre Verzeihung. Man kann aber endlich die Sünde als Sünde ansehen, sie aber als nicht zum Leben notwendig erachten, in ihr nur Irrtum erblicken und darum Buße wohl für möglich, halten: dies ist der Standpunkt der Juden. Er kennt die Sünde, kennt aber auch ihre Verzeihung. Der Mensch muß nicht sündigen — wie der Buddhist meint —, er darf auch nicht fündigen — wie der Grieche denkt —, aber er kann fündigen, denn er ist nur Mensch. Und well Mensch sein heißt unvollkonnnen sein, gibt es eine Verzeihung für die Sünde, gibt es eine Versöhnung für den Sünder. Zwffchen dem Sünder und dem Gerechten ist ein qualitativer, kein prinzipieller Unterschied: sie sind beide Menschen. Zwischen dem sündigen Juden und dem frommen Juden gibt es auch nur einen qualitativen, keinen prinzipiellen Unterschied: sie sind beide Juden. Und weil sie beide Juden 'sind, hastet der eine für den anderen. Nicht nur darauf kommt es an, daß der einzelne für sich gut ist, sondern ebenso sehr darauf, daß die Gesamthell als solche makellos ist. Selbst auf dem Gebiete der Ethik, ja, da erst recht nicht, gilt der Satz: Jeder für sich; jeder für alle und alle für jeden, das ist jüdisch. Und in diesem Sinne stellt das Judentunr jenen wunderbaren, unerreichten, aber nicht immer richtig verstandenen und richtig getauchten Satz auf: „Kol jisroel urewim seh losch". Nur wer dies«: Satz richtig verstehen und empfinden und befolgen kam:, ist wahrer Jude in seinem Wes«:, nur der ist überhaupt fähig, der: „Jaumhakippur" zu erfassen und zu feiern. Diesen Satz richtig verstehen, heißt aber die Gemeinschaft, die unzertrennliche Einheit ganz Israels anerkennen. Eine Lehre, die ein«: solchen Satz uussprecheU konnte, ist eine Lehre des Friedens, der Milde, der Versöhnung, der Verzeihung; eine Lehre, die den Sünder als solchen brandnmrkt, ihn aber nie sich selbst überläßt, sondern unentwegt und liebevoll an seiner Besserung arbeitet; eine Lchre, die in ihren: wunderbaren sozialen Geist es als Ber- ..brechen ansieht, sich hochmütig und grausam von dem zu scheiden, den man als sich minderwertig, als sündhafter ansieht. Das Volk, das diesen Satz proklamiert hat, ist ein Volk von Menschen, die ihren Brüdern, mit Liehe und Bescheidenheit Letzen-! übertret«:,. die jette tiefe Weisheit ihr Eitzen nennt, deren höchstes Prädikat die Milde und Güte .ist,-, ein Volk, das seinen klassische Thp'us in jenem Hillel gefunden hat, dess«: Nachsicht unerreicht war. Und es mußte eine tiefe Wandlung Und Entartung! jüdisch«: Wesens cingetreten sein, eine Wandlung,! die nur das Ghetto und die Assimilation erklären können, wenn Männer, die hierin den graden Gegensatz zu jüdischem Wesen bilden, die anstatt Güte Unversöhnlichkeit, statt Nachsicht Hochmut, anstatt liebevolle Mitsorge -rücksichtslose Scheidung Proklamieren, den groAn Satz von der Einheit Israels für sich beanspruch«: dürfen und das wahre Judentum als ihr ausschließliches Eigentum auszUgeb«: den Mut haben. Dies zeigt, ivelche Wiederwandlung wir durchzumachen haben, um wieder wahre Juden zu werden, um wieder fähig zu sein, die Jh^ des „Jauim Kippur" zu verstehen und zu feiern. Eine solche Wandlung kam: naturgemäß nicht Plötzlich vor sich geh«:. Mögen wir auch darum diesen Jauni- Kippur :wch nicht alle reif fein, den Tag ganz so zu feiern, wie es sich gebührt, das eine Mögen wir doch alle tun: den innerlichen Entschluß ..fassen, wieder ganz Juden zu werd«:, und das will so viel sagen , wie Menschen der Güte und Nachsicht, Menschen, denen die Jd'ee der Beirsöhi:ung und Verzeihung über' alles steht. Armdas Jisroel und Morig. Bon Referendar Carl Cohn, Altona. (Schluß.) Das, was die „Agudas Jisroel" will, die Unterstützung der Gesetzestreuen überall dort in der Welt, wo ihre Position gefährdet ist, ist eine wichtige Aufgabe der Gesetzestreu«: und eine notwendige Förderung der gesetzeskreuen Sache'; Uber die Lösung der gesetzestreuen Judenftagc bringt sie nicht. Die bringt uns das Programm der Moria, die durch Gesetzestreue gesetzestreue Kolonisation in Erez Jisroel treiben will. Hier muß der eigentliche Schwerpunkt der gesetzestreuen Arbeit liegen. Was ferner den: Programm der Moria den Vorzug gibt vor dem der Agudas Jisroel, ist seine Einheit, Klarheit und Bestimmtheit. Das Moria- Programn: hat nicht nur wie auch das Agudas Jisroel-Programm die einheitliche Idee, die ihm zu Grunde liegt, nämlich die Idee des Thorageistes, sondern es hat auch für diese Idee den einheitlichen Ausdruck und die einheitliche Form gefunden. Jede Organisation, die große Menschenmassen unter ihrer Fahne sammeln und .jn dauernder, nicht nur vorübergehender, Begeisterung erhalten will, muß ein wuchtiges, einheitliches und eindeutiges Programm haben; nur ein solches hot die ungeheure propagandistische und .begeisternde Wirkung, deren die gesetzestreue Weltorganisation ant wenigsten entraten kann. Das lehrt uns die Geschichte jeder Organisation. Der Zionismus, die Sozialdemokratie auf der einen, der politische Liberalismus ap.f 8er'änderen Seite. Der Liberalismus, seiner Idee und Ausbreitung im Volke nach eigentlich zur Herrschaft berufen, krankt an der Zersplitterung seines Programms. Er hatte die Einheitlichkeit praktischer Programmtätigkeit einst besessen,-dos war vor der Gründung des Deutschen Reiches: die Forderung der Schaffung des Reiches. Damals wär der Liberalismus stark. Hätte .er rechtzeitig .sich ein neues einheitliches Programm geschaffen, wäre er heute noch stark. Gewiß, Programme sind nicht ewig, und' cs kcum sehr wohl einmal die Zeit kommen, die eine Aenderung des Moria-PrograMms als notwendig erscheinen läßt; diese Möglichkeit darf aber nicht dazu führen, nun von vornherein sechs bis sieben praktische Arbeitsgebiete lose und willkürlich beinahe nebeneinander zu stellen, wie es im Agudas Jisroel-Programm geschieht. Das ist kein Programm einer, demokratischen Weltorganisation. So notwendig und wichtig daher die-Ähgudas Jisroel auch sein mag, die Moria ist durch sie nicht überflüssig geword«:.. Im Gegenteil, wenn die Moria nicht vorhanden wäre, würde die Agudos Jisroel eine Gefahr für die gesetzestreue Judercheit sein. Denn wenn man nach Jahren eingesehen hätte, Laß sie doch nicht die erwartete gesetzestreue demokratische, allumfassende Weltorganisation geworden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.