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Neue jüdische Presse · 1912-09-19 · Heft 37 (19.9.1912) · p. [Seite]

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 37 (19.9.1912)
Date
1912-09-19
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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(Fortsetzung) Nunmehr sind'w-ir mit den christlichen Ländern fertig. Es bliebe noch das antisemitische Rumänien; allein es genügt zu konstatieren, dass in diesem Ländchen alles beim alten geblieben ist: Was Rußland im großen, ist Rumänien im kleinen. Sy könnten wir denn v'on der Welt des Christentums zu der des Islamszum Lande der Türken, übergehen. Hier gereicht es uns zur hohen Genugtuling?,u sagen, daß es gerade unter den „Barbaren" des.Islam mit unseren. Brüdern weit besser bestellt. ist als in den Ländern der- „christlichen Liebe". In der Türkei gibt es weder einen politischen odersozialen noch einen gesellschaftlichen Antisemitismus, — und wenn hie und da antisemitische Melodien zu unseren Ohren gelangen, so kommen sie aus einer christlichen Brust; die arabischen Christen sind ech die gegen die Einwanderung von Juden mobil machen; Wohl haben auch muselmanische Abgeordnete aus der damaligen Opposition der Entente Liberale gegen den Zionismus inr türkischer; Parlament Frorrt gemacht; allein die Bestrebungen der Nationaljuden waren in den türkischen Kreisen nicht genügend bekannt, und daher war es für die Verräter aus dem jüdischen Lager — ä la Fresko und seinen Hintermännern aus Paris— ein leichtes, den Zionismus'zu verleumden. Aber dieselben Männer aus der Entente Liberale führen jetzt, da sie im Besitz der Macht sind, eine ganz andere Sprache. Wir haben bereits von den diel verheißenden Worten des neuen Gouverneurs von Jerusalem, Muhadi Bey, in Beth-Am von Rischon le Zion unseren Lesern berichtet, und es ist eine feststehende Tatsache, daß die. gegenwärtige Regierung von dem größten Wohlivollen gegenüber dem- Zionismus getragen ist, und wenn die Regierung Von den Kolonisten verlangt, sie . sollen ottomanische Staatsbürger werden, so ist nichts dagegen einzuwenden. . Dies ist eine selbstverständliche Forderung, die jeder noch so starke Staat an seine. Kolonisten stellen , würde, um wie viel mehr muß es'. die-Türkei tun, die sich in der permanenten Gefahr befindet, von ihren christlichen Nachbarn, den christlichen Großmächten, erwürgt zu werden. Die Türkei befindet sich gegenwärtig in einer großen, zum Teil überstandenen Krisis. Darunter haben auch die Juden zu leiden. Es ist nur zu wünschen, daß diese Krisis bald behoben wird; sobald dies geschehen, wird sich die Lage der dortigen Juden von selbst konsolidieren und auch die . Entwicklung in Palästina, die sich bereits in günstigen Bahnen befindet, noch kesser gestalten. Nur eines läßt ' uns unserer Zuversicht nicht ganz froh werden, der Umstand, daß die Türkei eine andere Politik eingeschlagen und sich statt an Deutschland an England angeschlossen hat, das an dem Nichtaufkommen des Mosle- : mismus zu sehr interessiert ist. So die Lage der gesamten- Judenheit in der ganzen Welt! Wir haben uns bisher bemüht, ein getreues; Bild von der Lage der Judenheit z,u entiver- : fen; doch wenn dieses Bild düster und grau gemalt war, so tragen wahrlich nicht wir die Schjuld daran, sondern die graue Landschaft, Lie sich unserem ob- . jektiven Auge offenbart hat. .Wr gehören nicht zu den Künstlern der Entstellung, die das Grane hell malen, die Jammertäler als idyllische Stätten der Ruhe und des Friedens zeichnen. Wir können und wollen nicht in die Posaunen der falschen Propheten Friedensschalmeien blasen, weder wollen wir wie Ueberfromme alles mit dem Himmel auszureden, noch wie die Hyperkosmopoliten alles mit der Humanität zu vertrösten suchen. Wir wollen und können nicht diese Methode akzeptieren, die — wenn auch bequem — so doch im höchsten Grade unehrlich ist. * Nunmehr können wir mit der inneren Lage, mit der Betrachtung des Judentums beginnen und mit D e.utschland, das in diesem Jahre von sich so viel zu reden gemacht hat, den Anfang machen. ' Noch in keinem der vorhergehenden Jahre hat die öffentliche Meinung Deutschlands sich so eingehend tnit dem Judenproblem befaßt wie in diesem Jahre: Köhler, Sombart, Avenarius brachten die Judenfrage aufs Tapet, und während erstercr als Liberaler das Heil des jüdischen Volkes in dessen.völliger Auflösung, in seinem Verschwinden durch die Taufe erblickt, sehen die letzteren als Nationalisten die Lösung der Judenfrage in der Sammlung und Renais a n c e d e s.Ä o l k e s. Dieses Eingehen auf das Judenproblem seitens der geistigen Elite der Christenheit versetzte weite Kreise der Judenheit Deutschlands in lÄhafte Bewegung. Besonders war es Sombar.t, der mit seinem Auftreten in Wort und Schrift den Zorn unserer Herren Konfessionalisten und Assimilanten von rechts und links auf sich heraufbeschwor, und dieser ihr Zorn machte sich in gehässigen Angriffen und Protestresolutionen Lust. ' Zweierlei, sagten sie, mißfiel ihnen an Somb'art: aä. 1: Sombart unterschiebt dem Judentum praktische wirtschaftliche Tendenzen und sieht in den Juden ein praktisches, nüchternes Volk, während das Judentum rein ideelle Ziele verfolge und seine Bekenner, die Juden, Idealisten seien. Ad. 2; Nach Sombart ist es schicklich oder opportun, daß die Juden beim Gebrauch ihrer Gleichberechtigung, die ihnen rechtlich unbestreitbar zukommt, sich freiwillig, eine .gewisse Reserve auferlegen. Doch ob dieser beiden Anschauungen, wenn sie auch noch so unzutreffend sind, braucht man wahrlich weder geräuschvolle Proteste in die Welt zu setzen, noch Sombart g l e i ch C h a m b e rlain als hartgesottenen Antisemiten zu schelten und ihn in Grund und Boden zu verdammen; denn warum sollte auch Sombart nicht das Recht, als Mensch sich zu irren, zustehen? Und übrigens, was schadet es uns, wenn man uns als Realisten hinstellt, warum müssen gerade wir Juden die Idealisten sein?! Allein, wer nicht an her Oberfläche haften bleiben will, dem haben sich auch ganz andere und gar tiefere Gründe für die förmliche Sombärthetze ausgetav: Hundert Jahre hindurch hat man sich alle erdenkliche Mühe gegeben, alles kostbare, mit Tränen- und Blut schwer erkämpfte Ahnengut dabei verschleudert, ja, alles, alles, das ganze Ich verschenkt, um als die Selbstlo sesten aller Selbstlosen, als Idealisten dazusteben, nur lediglich um der Erlangung der Gleichberechtigung willen, und nun kommt der als geistreicher Gelehrter bekanMe Professor und sucht wissen- - schastlich die Zweckbedachtheit der Juden, ja selbst des' Judentums zu beweisen! Mso die Juden zweckbedacht, das Judentum zweckbedacht, und der Idealismus? Der ist und war garnicht vorhanden! Nicht vorhanden, o Himmel! Siehe, das Gebäude der Gleichberechtigung, das bloß auf unserer; überirdischen Qualifikationen mit so viel Mühe aufgerichtet worden ist, gerät ins Wanken! Doch Sombart verging sich noch mehr und noch schwerer: Es ist nicht lange her, nicht einmal zwei Jahrzehnte, seitdem neue Männer aufgestanden sind ' und sprachen: „Ihr Klugen-Einfältigen! Wozu Eure Selbstloselei und Eure Jdealtuerei? Wozu Eure Selbstverstümmelung und Euer Deutschcln? Wozu dies alles? Ist es nicht schöner und würdiger und vertrauenerweckender, wenn wir unser „Ich" bewahren, wenn wir uns, wie wir sind, geben: gut jüdisch und treue Deutsche, irdisch und menschlich, nicht eitel rein und edel und selbstlos; auch uns haften Fehler an, aber wir besitzen auch Vorzüge, Ihr ^besitzet Eure besonderen Fehler und beson-. deren'Vorzüge, und auch wir besitze^ unsere besonderen Fehler und besonderen Vorzüge, kurzum, wir sind Menschen von Blut und Fleisch, Geist und Materie, wie Ihr alle, und da wir rechtschaffene deutsche Bürger sind und alle Pflichten erfüllen', so wollen wir auch alle Rechte . genießen, wir sind treue, auftechte Männer! Wir halten treu zu uns und treu zu Euch! So sind wir,' und Ihr habt mit uns vorlieb zu nehmen, wie wir sind!" So sprachen damals die neu entstandenen Männer, und so sprechen sie bis! zum heutigen Tag! Und siehe, diese Sprache gefiel allen aufrechten Männern weit mehr als die Redensarten der Konfessionalisten mit und ohne Tradition; auch Sombart findet an ihnen Gefallen gleich den anderen und glaubt, daß diejenigen, die so reden und so handeln, auch die besseren sind, weih besser als die „selbstlosen" . . . Darob der eigentliche Zorn, darob die Proteste und Wutausbrüche. Doch diese Proteste und Wutausbrüche, sind vergebene Mühe, ebenso wie all die .Anfeindungen und all die offenen und versteckten Schikanen gegen das in stetigem Wachstum begriffene Nationaljudentum seitens der Assimilation. . . Die Nationaljuden in ihrem Gros rekrutieren sich aus den eoclsten und opferfähigsten unter dem jüdischen Volk, und ihnen sind keine Opfer zu schwer, und keine Verfolgung schreckt sie zurück. Die Assimilation schafft mit dieser ihrer Handlung nur Märtyrer und fördert dadurch die nationale Bewegung ungemein. - Es ist eine große Verblendung und Narrheit der Assimilation, einer so gesunden nationalen Bewegung, wie der des Nationalismus in einem n ationalen Zeitalter durch Totschweigen oder gar Drohungen und Anfeindungen beikommen zu wollen. Wohl ist es verständlich, daß die radikale, bewußte Assimilation, die denWeg derAuflösung als deneinziggangbaren für das jüdische Volk kennt und billigt, den Nationalismus, der das Gegenteil davon erstrebt, ablehnt. Wir sagen: „ablehnt", denn zu mehr als dies haben auch sie kein Recht und es wäre ungeheuerlich im höchsten Grade, wollten die den; Wfall Züsteuernden sich das Recht nehmen, die anderen, die auftechten Renaissancejuden, zu vergewaltigen! Allein die weitaus überwiegende Mehrheit der deutschen Judenheit will von Abfall nichts hören, vielmehr erstrebt sie, ihr Judentum unter allen Um-

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