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Neue jüdische Presse · 1912-09-11 · Heft 36 (11.9.1912) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 36 (11.9.1912)
Date
1912-09-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 36 schrecken. Der Lohn, der mindestens 2,80 Jk täglich beträgt, bei Akkordarbeit aber auch bis 5 Jk steigt, genügt ihnen ebenfalls, wenngleich er denen, die zn Hause eine große Familie zu versorgen haben, begreiflicherweise „och zu gering erscheint. Der durchschnittliche Monatslohn ist 70—10Ö Jk l!! D. Red.), wovon dank dem Sparsamkeits- und Familiensinn der jüdischen Arbeiter, nach Abzug der Beträge für Beköstigung, Versicherung, Schlafhansmiete nstv. regelmäßig der Rest von ihnen selbst oder durch das Arbeitsamt den Angehörigen zugesandt wird. Die Schichten werden regelmäßig - befahren und die am Sabbat ausfallende in der Nacht darauf eingeholt. Das Verhältnis zn den christlichen Kameraden ist durchweg gut, da diese von den Beamten darauf hingewiesen wurden, sich jeglicher Beleidignng der Inden zu enthalten. Die Vorgesetzten selbst gaben ebenfalls.jh erkennen, daß die jüdischen Arbeiter ihre Pflichten gern und treu erfüllen. Sie loben, daß diese regelmäßiger einfahre», als ein Teil der anderen Ausländer, die zum.Teil zwei Schichten wöchentlich anslassen» und daß sie nicht mal an ihre» strengen Fasttagen feiern. Sie erkennen ihre Sparsamkeit an, die sogar so weit geht, daß sie an der Kost sparen. Ost müssen die Beamten daraus Hallen, daß sie mehr Nahrung zn sich nehmen. Daß sie intelligenter sind als die übrigen Ausländer, wird zngestanden, und vor allem-rechnet man cs ihnen hoch an, daß sie bestrebt sind, durch deutsche Bücher und Zeitungen belehrenden Inhalts sich in unserer Sprache sortznbilden. Nach all dem Mitgeteilten, das ohne Beschönigung wiedergegeben ist, dürfte e§ klar sein, daß die bisherigen Erfahrungen mit den jüdischen Bergarbeitern zn tvciteren Versuchen ermuntern, und vorurteilslose Verwaltungen, selbst aus dem Auslände, lvenden sich an das jüdische Arbeitsamt nm Abgabe tüchtiger Kräfte. Der Umstand, daß einmal ein Trupp von 30 Lodzer Leuten die Arbeit ausgab, ist nicht so merkwürdig; ereignet sich derartiges doch oft ber ausländischen Arbeitern, und den Bergbeamten ist es nichts Neues. Die von manchen Seiten gehegte Befürchtung, die jüdischen Arbeiter könnten im Falle einer Arbeitseinstellung die Rolle von Streikbrechern spielen, ist gänzlich ausgeschlossen. Dagegen spricht zunächst ihre geringe Anzahl und dann die Gewißheit, daß, falls die Häuer mit der Förderung anfhöicn, die übrigen Beschäftigungen von selbst endigen, mithin auch die Inden keine Arbeit mehr haben. . Die „Kattowitzer Ztg." schließt den Bericht mit solgenden Worten: „Gelingt das Werk, so ist beiden Teilen geholfen, mißlingt cs, so hat niemand einen Schaden davon, und es bewahrheitet sich dann bloß der alte Satz,- daß in großen Dingen auch schon der gute Wille anerkannt werden muß." Aus «Mer Meü. Deutsches Reich. Berlin. Oskar Tietz und Frau haben anläßlich ihrer silbernen Hochzeit. eine Million Mark für verschiedene Zwecke gespendet, darunter eine halbe Million Mark für eine Stiftung zur Unterstützung hilfsbedürftiger Personen oder gemeinnütziger Bestrebungen im Deutschen Reiche, 100 000 jk für eine Stiftung zu Gunsten des Personals der Firma Hermann Tietz Und SO 000 Jk für den Hilssvereiu der Deutschen Inden. Bad Nauheim. Das Frauenyeim. welches durch seine erweiterten Räume dieses Jahr in der Lage war, sein segensreiches Wirken zn vergrößern, hat eine sehr erfreuliche Einrichtung für die Wintermonate getroffen. Das Heim soll in beschränktem Maße für schwächliche junge Mädchen und Rekonvaleszenten während des Winters geöffnet bleiben, nnd sollen die jungen Mädchen im Heime zu Handarbejten, Sticken und Nähen angehaltcn werden. Mehrere größere Wäschegeschäfte haben sich bereit erklärt, die so gefertigten Arbeiten anzukaufen und so den jungen Mädchen einen kleinen Verdienst zn sichern. Oesterreich-Ungar». Wien. Eine kleine Anzahl gesetzestreuer jüdischer Akademiker hat den Entschluß gefaßt, nach dem Muster der in Deutschland bestehenden „V ereinigniigen I ü d. A k a d e m i k e r" vorerst an der Wiener Universität, mit der Zeit aber auch in anderen Universitätsstädten Oesterreichs und Ungarns ähnliche Verbände ins Leben zu rufen. Das vorbereitende Komitee wird sich demnächst in einem Aufrufe, in welchem Ziel nnd Bedeutung des zu gründenden Verbandes gewürdigt sein sollen, an die jüdischen Abiturienten wenden. Näheres ist durch stud. jur. Max Jung in Ungar.- Brod zu erfahren. Wie«. .Es^ist bemerkenswert, daß kurz vor dem hier stattfindenden eucharistischen Kongreß der Papst ein Zirkular an die Bischöfe Oesterreich-Ungarns und Rußlands gegen den Antisemitismus! gesandt hat. * Szatmar. Eine unter dem Vorsitz des Reichstagsabgeordneten Dr. S a m u K e l e m e n tagende jüdische j Volks v'd'r sammlung nahm nach den Reden des Ge- [ msindepräses Dr. dldols Klein und der Oberrabbinen Dr. A. Jordan- Szatmar und Dr. B. Singer- Szabadka eine Resolution an, daß die Bestrebungen zur Erringung der - einheitlichen Antonomie der n n g a r i s ch e n Jndenh.cit fortgesetzt werden mögen nnd in deren Rahnien eine Orga- .nisatiön geschaffen werde, die allen Schattierungen der »ngarländischen Judenheit .die rinberührte Beibehaltung und Entwicklung ihrer Institutionen Und Prinzipien sichert. WachywckM MwküHHiß FauMeMaA. Rußland. Petersburg. Die Tab akp flanzer im Rjasauer Gouvernement haben den Handelsministcr T i m a - s ch o w gebeten, daß mit der Ausweisung der Juden anfgehört werden möge, denn es fehlt dadurch an Aufkäufern. Der Handelsminister hat das Gesuch abgewiesen und geraten, daß die Tabakpflanzer eine Berkauss-Bereinignng gründeil; er wolle sie dann bei der Beschaffung von Kredit iinterstützc,,. Kursk, lieber sechzig jüdische Familien sind in den letzten zwei Monaten d ew dl n s w e i s ii n g verfallen, und noch etwa zweihundert jüdische Familien stehen auf der AuSweisungsliste. Amerika. New-Aork. Laut Verfügung des Handelsministers erhalten die Kinder amerikanischer Staatsbürger sofort »ach Verlassen ihres Heimatslandes das S t a a t s b ü r g e r r e ch t. Diese Versügnng ist deshalb von großer Wichtigkeit, weil besonders jüdische Familienväter oft nach Amerika austrandern und erst später ihre Kinder Nachkommen lassen. Bisher kam es vor, daß die Einwanderungsbehörde den Kindern solcher Bürger das Betreten Anierikas verweigerte. Man kann sich denken, welche Tragödien das zur Folge hatte. Schaloin Asch schildert in seinem Roman „Amerika" eine solche Tragödie. Montreal. In Kanada sind in 828 l a >l d Iv i r t s ch a f t l i ch e u Besitzungen 3482 Juden angesiedelt. Ihr Gesaintlandbesitz umfaßt 135 534 Acres. Jetzt hat die „Jca" (Jewish Colonisation Association) weitere 4060 Acres Land angekauft, das sie in Ansiedlnugen zu 40 Acres parzellieren will. — In Winnipeg, der drittgrößten Stadt, Kanadas, wohnen unter 170 000 Einwohnern 12—15000 Juden. Es gibt in Winnipeg acht Synagogen und Bethäuser. Die „Jca" unterhält ein Büro, das Juden der Landwirtschaft znführt. Diesem Büro ist es gelungen, zahlreichen jüdischen Einwanderern homstead, d. h. unentgeltlich Land von der Regierung zn verschaffen. Taschentücher I empfehlen in grosser Auswahl und allen Preislagen I F. C. Strubberg & Co. I 25 Nene Mainzerstrasse 25. I Die E. Lion’sche Herrenschneiderei ist infolge Wegzugs des Nachfolgers (W. Stern) anf A. Schalter, Batton- Strasse 4—8 Qbergegaogen, dessen Fachtfichtigkeit tadellosen Sitz nnd feinste Verarbeitung verbargt. 0 leuiMon. © * lor den Toren Prags. Historische Erzählung von A. E. Brachvogel. lFortsetzung). Ein tiefer Seufzer entschlüpft Markus; sein Auge wird feucht, er senkt das Haupt und geht langsam weiter. Am Spitalgäßchen atmet er wieder auf, seine herkulische Gestalt dehnt sich zu ihrer vollen Höhe. „Gott Abrahams sei gelobt!" spricht er gerührt. — Grünes, dichtes Lanbgewirr winkt links, und sonderbar stärkt Bluniendüfte quellen herüber. Endlich winkt ihm in dem Winkel, welchen westwärts die Hompasgasse bildet, das Haus seiner Väter. Im Flur tritt ihm Sara, seine Mutter, entgegen. Sie ist groß, kräftig und voll; man begreift wohl, daß sie die Mutter eines so gewaltigem Sohnes sein könne. Trotzdem sie anfangs der fünfzig steht, zeigen ihre Züge noch Spuren der Schönheit. Um ihr Haupt hat sie nach slawisch-jüdischer Sitte ein rotseidenes gesticktes Tuch wie eine Binde geschlungen, sodaß nur der Scheitel ihres grauen, schlicht gekämmten Haares sichtbar ist. Unter ihrem halblangen Rock werden orientalische Beinkleider und Füße in Pantoffeln sichtbar, um den Hals trägt sie dreifach ihre goldene Brautkette, ein Angebinde ihres Mannes. „Haben wir Dich wieder, Markus?" rief sie bewegt. Markus, der hastig Stock und Ranzen hinweggeworfen hatte, sah sie innig an, streichelte ihr die Wangen, ergriff dann ihre beiden Hände und küßte eine um die andere. „Nur auf kurze Zeit, Mutter! „Wohin willst 'Du nochmals, mein Kind? „Nicht weit, und ich komme morgen zurück. Ich habe mir 'neu Begleitschein vom Statthalter verschafft und bringe zum Abend Vieh herein. Ganze achthundert und billig; ich habe im Durchschnitt fürs' Stück 'n Dukaten gegeben." . . - Seite 3 „Achthundert? — Und wie hastDn's gemacht, daß Dich die Schweden nicht gekriegt haben? — Kommen die Schweden wirklich?" „Sie kommen, kannst es glauben! Ich weiß» von ihnen ein Wort, ein böses Wort, aber ich kann es nicht sagen, es kostet mir sonst 'n Hals! Ich werde reden, wenn's Zeit ist, ich werde -auch handeln, wenn's Zeit ist. Es ist alles Dummheit, Mutter, unter den Christen, Dummheit und Schusterei! — Ist der Vater nicht im Hause?" „Sie haben ihn verlangt aufs Altstädter Rathaus, Markus. Er ist hingegangen, um zu hören, was sie wollen in der Versammlung und was geschehen soll in der neuen Kriegsnot. — Wirst Du nicht die schwere Zeit , hindurch bei Deinen, Ettern bleiben, wenn Du das Vieh herein hast?" „Ich werde bleiben. — Doch jetzt bin ich hungrig!" Frau Sara eilte, das Verlangen ihres Sohnes zu befriedigen, und bald saß er vor einer Schüssel kalten Fleisches und einem gestillten Kruge. Das Mahl war noch nicht ganz beendet, als es durch unvermuteten Besuch unterbrochen wurde. Nach kurzem, etwas heftigem Klopfen flog die Tür auf, und eine Frauengestalt trat ein. Mutter und Sohn stießen einen Ausruf des Erstaunens aus und erhoben sich rasch. Markus Antlitz erglühte inr Entzücken, aber er senkte es zugleich traurig und beschämt und kreuzte mit tiefer Verneigung die Arme. Die Eintretende war ein Mädchen, denn sie trug ums Haupt nicht das jüdische Weibertuch, sondern auf der Stirn und durch die schwarzen, geringelten, krausen Locken geschlungen eine breite Goldborte mit blitzenden Steinen besetzt, an deren unterem Rande kleine Goldbleche, Perlen und Juwelen wie Tropfen hingen. Sie mochte etwa 23 Jahre sein, war schlank und zierlich gebaut, von unendlicher Zarcheit und dennoch weichen Fülle der Körperformen. Ihr Gesicht aber war von einer edlen Schönheit, die um so bestrickender wurde durch chr großes, schwarzes, wunderbar tiefes Auge, das unter den dunklen, stolzen Brauen lohte, wie durch die Grübchen in ihren geröteten Wangen. Gleich Frau Sara trug sie unter dem Kleide seidene orientalische Beinkleider, und ihr gestickt^ Mieder war halb berdeckt von blitzendem Geschmeide uni» einem Tuch, das sie mantelartig um sich geschlungen ■ hatte. Das war Esther Katz, das schönste, reichste» aber auch stolzeste Mädchen der Prager Judengemeinde. Dem Range nach war sie die erste, höchste Person derselben, mit größerer Ehrfurcht noch betrachtet als Rabbi Spira, des Markus Vater, selbst oder Joach Schamech, der Vorsteher. Wenn auch gerade in diesem Sinne heute nicht mehr, gab es doch ehedem unter den Israeliten auch eine Aristokratie, welche, ebenso herrschsüchtig wie die christliche, insofern aber noch schlimmer, weil' sie sich nicht bloß auf das Vorrecht des edleren Blutes, größeren Besitzes, sondern auch auf das des Wissens stützte, auf die Prätention, die Summe jeglicher Weisheit zu besitzen. Esthers Ahnfrau war ja jene in der jüdischen Welt berühmte Sara Katz gewesen, die 606 nach Christi zu Prag begraben wurde.*) Ihre Voreltern' hatten die Prager Juden nach Jerusalems Zerstörung von Palästina als ihre Stammespatriarchen herbeigeführt und die alte Synagoge gebaut. Diese Priesterfamilie verwahrte auch der Sage nach eine geheimnisvolle kabbalistische Rolle von der „Offenbarung des Anfangs und Endes aller Dinge". Diese heilige Rolle war das einzige, aber auch kostbare Kleinod, das ihre Voreltern aus dem brennenden Tempel Jerusalems gerettet hätten; Esther aber war Erbin dieses Palladiums, und selten, und nur in streitigen Fällen hätte sie denr ehrwürdigen Rabbi Spira gestattet, in diese älteste bekannte Urkunde, einen Einblick zu tun. Ihr ganzes Auftreten bewies, daß sie sich trotz ihrer Jugend sehr wohl ihres Einflusses bewußt war. Ihr schönes, edles Gesicht hatte in diesem Augenblicke dazu noch einen Zug von Zorn und Härte. „Dn tust unserem Hause große Ehre an, Esther Katz," sagte Sara, „daß Du es heimsuchst. Nimm Platz; was bringst Du?" Ohne Markus eines Blickes zu würdigen, setzte sich Esther auf den gebotenen Stuhl und wandte fich zur Frau des Rabbiners. „Ich komme nicht zu Euch *) Ihr Leichenstein, der dieses Datum trägt, ist der älteste unter den Grabmalen des Alt-Neukirchhofes.

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