Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 36 (11.9.1912)
- Date
- 1912-09-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 €cite|är. ... . . ' A«s^e»WeWiffe» VesMgeK E Aam Rofchhafchonohfeste. ' .An. nichts erkennt man den Charakter, die Veranlagung, den Geist eines Volkes besser und deutlicher als an der Art, wie es seine Feste feiert. IM Dasein des Alltags, im harten Kampf ums Brot ist der einzelne zu sehr dem Zwange seiner Umgebung, der harten Not des Lehms unterwarfen, als daß er da seine besondere Art und Weise zur freien Entwicklung und .ungehemmten Entfaltung bringen könnte. An seinen Festestagen jedoch, da er alle Sorge und'allen Kummer von sich schüttelt und sich frei und' heiter der Freude des Lebens und' den Höheren Gefühlen seiner Seele widMet, La erst entfaltet er sein Inneres und' gibt sich ganz, wie er ist. Und wie beim-einzelnen, so ist es auch beim ganzen Wlke. Wer ein Ball tn seinem innersten Wesen, erkennen will, muß es beobachten, wie es die großen Momente seines Daseins feiert. Ein solch großer Moment im Leben eines jeden Volkes, ein Moment, der wie kein anderer geeignet .ist. Len Charakter des Volkes zu offenbaren, ist der Uebergang vom alten Fahre ins neue. Seit den ällesten Zeiten pflegen die Menschen den ersten Tag des neuen Jahres als einen besonders geheiligten zu betrachten, zu empfinden und ihn demgemäß mit besonderer Weihe zu umkleiden. Und nun beobachte man, wie alle änderen Völker von jeher bis heute dieses Neujrchr zu feiern pflegten- und wie wir den Neujochrstag feiern: Im ganzen Bereiche unserer nationalen Handlungen gibt es vielleicht keine, an der Man den tiefen Unterschieds der jüdisches.Wesen von nichtjüdischem trennt, besser wahrnehmen kann. Me an unserer Art, Neujahr zu feiern, an unsereM Roschhaschonoh-Feste. WeM bei den anderen' Wlkern das neue Jichr tzetankonmtt, pflegt alle eine ansgelasfeite Stimmung zu erfassen, wilder, übermütiger Jubel entsteht, die Ernstesten werden zu Possenreißern, man .lärmt, singtzecht und' jubiliert, und unter allgemeinem Geschrei und Geknatter, unter der ungezügelsten Ausgelassenheit läßt man den ersten AugeMickdes neuen Jahres herankommen. Bei uns, im nüchternen Deutschland, geht dies alles noch in Maß und Grenze vor sich, bei den temperamentvolleren südlichen Wlkern ist die Ausgelassenheit noch viel wilder, der Jubel noch .trunkener, und' je weiter wir in der Geschichte zurückgchen bis ins naive Mittelalter und bis in die lckienstrunkene .Antike hinein. Umso maßloser wird die zügellose Stimmung, in 8er das neue Jahr angefangen und.eingeleitet wird. Es ist, als 08 der Mensch in diesem Uebergangsmomente, in diesem.Abschluß einer vergangenen und dem Beginn einer neuen LÄensepoche sich seiner nüchternen Vernunft entkleide und all die instinktiven Triebe und unbewußten . Gesühlssaktoren seines Inneren ungehemmt herrschen lassen will. So schreitet er nicht eigentlich bewußt ins neue Jahr hinüber, vielmehr tanmell er hinüber, seiner selbst unbewußt, ein haltlos Trunkener. Und nun beachte man demgegenüber den Inden, wie er das neue Jahr empfängt. Wenn er Len ersten Neujahrstag Herannahen sicht, wird seine Stimmung Kreits ernster, strenger; früh steht . er auf, betet besondere Gebete, läßt den mahnenden Ton der Schofars an sein Ohr llingen und' nimmt ganz die Haltung eines Mannes ein, der einem wichtigen Moment seines Lebens entgegenschreitet. Und wenn der Tag selbst da ist, hall er in ernster, innerer Zwiesprache mit seiner Seele und feinem Gotte-Rückschau ab über das' vergangene alte Jahr, läßt all sein Tun und Handeln an seinem Auge vvrüberziehen, bereut das Böse, das er verübt, bittet um Verzeihung und' tut Buße, und dann, der allen Sünden entledigt, wendet er den Blick zum neuen Jahre, trägt seine Wünsche seinem 'Gotte Vor und, nachdem er so alles, was zN tun war, getan, schrettä er Heller, aber ruhig, ftoh," aber ernst mit festen Schritten ins neue Jahr hinüber. Welch ein Kontrast! Dort bei den anderen ein trunkener, in wildem Jubel seiner selbst Unbewußter, der schwankenden Schrittes' ins neue Jahr hinubertarmwtt, und hier ein innerlich gefestigter, ernster, durch und! durch seiner selbst bewußter Mann, der nüchtern und' Lar blickend langsam' und fest vom alten J<chr ins neue hinübdrschreitet. Dort flcaadfIttie* FftMiliKschtB MmWenblaü. ein Vorwallen W unbewußt Triebhaften, hier ein Vorherrschen dss Vernünftig-Intellektuellen, - dort die Herrschaft des Triebs über die Vernunft und hier Lw eiserne Bändigung alles Instinktiven durch Len Intellekt; dort der Mensch, der wohl Natur und Tier beherrscht, aber das vornehmste Objett seines Herrscherwillens, sich, selbst, sich noch nicht - unterworfen. Hat, und! hier der Mann, der vor allen Dingen sich in seiner Gewalt hat, dort letzten Endes noch immer der Naturmensch, hier der vollentwickelte Kulturmensch. Wenn wir darum heute sehen, wie alle anderen Nationen an äußeren Errungenschaften uns voraus sind, wenn wir schmerzerfüllt konstatieren müssen, daß unsere nationale Kultur im Ghetto manchen Schaden genommen hat, so darf uns dies ' nicht demütigen und entmutigen. Wir wissen bei alledem: das eine, das Mchtigste, das vornehmste kulturbildende Element, die. volle Herrschaft über sich selbst — und von wem droht dem Menschen und seiner Kultur größere Gefahr als von ihm selbst! — wir möchten sagen: den Kulturinstinkt haben wir in wett höherem Maße, als die anderen. Mas sie als ihr.höchstes Ziel erst erstreben wollen, ist uns durch jcchrhundertelange Erziehung beretts in . Fleisch und . Blut übergegangen,, und es bedarf nur besserer Verhältnisse, damit wir auch an äußeren Errungenschaften ihnen gleichkommen und sie noch überflügeln. Mögq darum auch unsere heutige jüdisch-nationale Kultur noch darniederliegen, ein Kulturvolk, ja das Kulturvolk sind und bleiben wir trotz alledem. Dies : zeigt uns Roschhaschonoh deutlicher als jedes andere Fest. Zugleich über mit dieser Lehre gibt uns Rosch-Haschonoh auch die Mahnung, die diese Lehxe entMt: .Mit allen Kräften zu wirken, tzas, was wir innerlich besitzen, auch nach außen hin vvll entwickeln zu können. Agudas Jisroel und Moria. Bon Referendar Carl Cohn, Altona. Beretts ein Vierteljahr ist seit der Kattowitzer Agudas Jisroel-Versantmlung verflossen. Es ist daher sehr wohl möglich, schön jetzt das Fazit aus ihrer bisherigen Wirsiamkeit zu ziehen. .und .zugleich ihre Zukunftsaussichjten einer Prüfungzu unterwerftn. Es hat sich gezeigt, daß es nicht' so einfach ist, die verschiedenen auseinanderstrebenden politischen Richtungen innerhalb der gesetzestreuen Judenhett zu einer großen Organisation der gesetzestreuen Juden zusammenzuschweißen. Biele nehmen eine reservierte, ja zum Test feindliche Haltung der Agudas Jisroel gegenüber ein. So z. B. setzen die ungarischen Gesetzestreuen ihrem Anschluß Widerstand entgegen, während in Deutschland die Führer der sogenmmten GeMeindeorthvdoxen eine abwartende Stellung einnehmen. ' Es kann wohl kaum geleugnet werden, daß dieser Zustand höchst unerfreuliche ist. Denn selbst, wenn es gelingen sollte, die Widerstrebenden für die Agud'oh zu gewinnen, so wird dennoch ihre Verbindung Mit dem Ganzen nur lose sein. Denn jeder Teil von ihnen wird ängstlich darüber wachsen, daß von Seiten der Agudoh nichts geschieht, was seinen besonderen'Prinzipien zuwid'erläuft. Welch« Richtung soll, um nur ein Beispiel aus der Fülle herauszugreifen, eine in Newyork oder anderswo zu gründende Zeitung vertreten, die der Gemeindeorthodoxie oder die der Trennungsorthodoxie? Ist es 'daher richtig und unbedingt notwendig, in der Weise, wie es die Agudas Jisroel will und wpllte, eine Einigung aller Gesetzestreuen herbeizuführen? Die einige Zett vor der Kattowitzer Agudas' Jisroel-Versantmlung gegründete .Maria-Organisation hat die Schwierigkeiten dieses Weges vorausgesehen. Sie hat erkannt, Laß es unmöglich ist, die Orthodoxie durch ein Programm einen zu wollen, . über dessen einzelne Punkte .innerhalb ihres eigenen Ärgers die weitgehendsten Meinungsverschiedenheiten Herrschen. Diese Unmöglichkeit muß immer dann Vorhänden sein, wenn in das Programm der gesetzestreuen Weltorganisation Aufgaben zur Förderung ausgenommen werden, die in den einzelnen Ländern selbst zu erfüllen sind. Denn dann gilt eben der Satz: „Andere Lander, andere Sitten." Moll wirklich eine Einigung geschaffen werden, so muß eine Aufgabe in den Brennpunkt der Bewegung gestellt werden, die außerhalb sämtlicher Golnsländer zu erfüllen ist und in deren Auffassung und Beurteilung daher innerhalb dieser Länder keine Verschiedeicheit herrschen kann. „ Diese Aufgabe kann aber nur die Kolonisation Palästinas sein; denn nur sie ist außerhalb sämtlicher Golnsländer zu erfüllen, eben in Palästina. Vor ihr verschwinden alle Differenzen mr Gesetzestreuen, so himmelhoch sie sich auch sonst tür-. men^mögen. Sie allein ist imstande, die notwendige . einige und kraftvvlle Organisation der Gesetzestreuen zu schaffen. Haben shchl aber erst einmal die Gesetzestreuen bei der Erfüllung dieser Aufgabe an ein gemeinsames Arbeiten gewöhnt, erst dann kann die Organisation därangehen,' auch alle diejenigen Aufgaben zu übernehmen, die heute das.Agudas Jisroel-ProgramM ausmachen. * Ist aber so die Beschränkung auf die kolonisatorische Tätigkeit in Palästina, auf die Mizwas Jischuw Erez Jisroel, ein- Gebot politischer .Notwendigkeit, so' läßt -.'sich andererseits zeigen, daß die eigentliche Lösung aller derjenigen Probleme, die Man unter' Leut Namen der gesetzestreuen Judenfrage zusammenfassen kann, überhaupt nur auf diesem Wege erfolgen kann. Ein jeder weiß, mit welchen ungeheuren Schwierigkeiten die Ausführung der religionsgesetzlichen. Vorschiriften in den Golusländ'ern verknüpft ist, daß es nur unter großen Opfern und Mühen gelingt -1- und auch dann nicht imMer —, .die Jugend ' in altjüdischem - Geiste zu erziehen und sie vor unjüdischen Einflüssen zu bewähren: Selbst' bei den Besten und Aufrichtigsten erleidet durch; diese Verhältnisse die Erfüllung der Gebote eine Trübung. Es . gibt wohl kaum einen jüdischen ge-, setzestreuen Kaufmann, der nicht nach- Empfang des neuen Luachjs erst einmal nqchjsähe, ob im kommenden Jahre die JoMim Tauwim „gut" oder „schlecht^ fallen". Solange die Juden .im Ghetto lebten und mit der nichtjüdischen Kultur nur in oberflächliche Beziehungen traten, gab es ein.jüdisches, ein gesetzestreues Milieu. Jetzt aber, wo die Gleichherechtigung der Juden in' der Hauptsache durchgesührt worden ist und der Jude von seiner Geburt an bis zN seinem Tode, von morgens bis abends sich in nichtjüdischer Umgebung, in nichtjüdischer Kultur bewegt, sind die' Konflikte im Herzen eines gesetzestreüen Juden zur Naturnotwendigkeit geworden. Es lassen sich Mittel finden, die diese Konflikte Au bekämpfen und auf einMinimum zurückznführen vermögen, wie es die „Freie Bereinigung" für Deutschland ausführt und die „Agudas Jisroel" für die ganze Welt es erstrebt; aber ausrotten lassen sich die Konflikte nicht, Las kann nur dadurch, geschahen, daß man wieder ein .gesetzestreues Milieu schafft, in dem die Juden . ungehindert durch unjüdischx und nichtjüdisch« Einflüsse und' gesetzlichen Beschränkungen ftei und ohne Furcht für nachteilige Folgen den Vorschriften der Tauroh gemäß leben können. 'Ein solches Milieu können wir Gesetzestreuen nur in Palästina aufbauen, mit Gesetzestreuen durch Gesetzestreue. Dieses Milieu wird dann der Born sein, aus dem die Gesetzestreuen der Golnsländer unaufhörlich neue Kräfte schöpfen werden, wenn ihnen selbst der Untergang zu drohen scheint. (Schluß folgt.) Die jüdischen Bergarbeiter in Oberschlefieu. Ucber die Erfolge des Versuches, arbeitslose Juden des Ostens in Oberschlesien als Bergarbeiter zu beschäftigen und zwar unter Wahrung des Sabbats, sind widersprechende Berichte in der Presse erschienen. Es haben nun einige unparteiische Herren aus Kattowitz und Umgegend die Gruben, die jüdische Arbeiter beschäftigen, besucht und sich informiert. Durch Nachfrage an Ort und Stelle gewannen sie, wie wir der „Kattowitzer Ztg." entnehmen, einen umfassenden Ueberblick. Sie erfuhren, daß die Leute, soweft sie auf der Grube arbeiten — die meisten tun es unter Tage — mit der Arbeit im allgemeinen zufrieden sind und vor keiner, auch der ungewohntesten, nicht zurück-