Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 36 (11.9.1912)
- Date
- 1912-09-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die nächstwöchenttiche Nummer erschein bereits am Donnerstag. Schluß für Juserateu-Auuahme Mittwoch Mittag 2 Uhr: Das Jahr 5672. (Fortsetzung) Der einen europäiWen Mächtegruppe, dem „Drechund",..galt nitser erster Artikel; von 8er Metten Gruppe, dem sogenannten „Znvibund" und Öe$ „Entente ' cordiale", von FrankreW, Rußland, England .soll numnchr die Rede sein, und zwar wollen wir mit England — dem bedeutendsten iM Bunde — beginnen. Das Jahr war in politischer Hinsicht für dieses Land von außerordentlWm Erfolge; die Entente nnt Frankreich und Rußland hat es gefestigt und gleichzeitig die eine Macht des!'Dreibunds Lurch den tripolitanischen Krieg geschwächt und Len größten Rivalen, Deutschland, ntatt gesetzt. NW nur hat Greh die Türken Von Deutschland weg in sein eigenes Fahrwasser gebracht — Laß Kiamil ganz der Mann Englands ist, braucht nicht erst bewiesen zu werden—, sondern er hat es auch Verstanden, die Opfer, die Deutschland in Marokko auf dem Altar der Annäherung mit Frankreich' gebracht' hat, zunichte zu machen. Ansängß wollte es schien, daß unsere Regierung die Oberhand behält, und daß eine Annäherung Deutschlands an Frankreich sowohl wie an Rußland Mttfinden werde. Doch jetzt stellt sich heraus. Laß die Versuche einstweilen fehlgeschlagen sind. Fetzt muß Marschiall von Biberstein sein bewährtes diplomatisches Geschick an England versuchen, wie Lessen Mißtrauen gegen unser Deutschland zerstreut werde und eine Annäherung an jenes' Land' zustande zu bringen sei. Hoffen wir, daß der gute Wille auch Len richtigen Weg ausfindig machen wird! Einstweilen' aber bestehen die Tatsachen, daß das alte Mißtrauen und daher auch die alte Rivalität Mischen Deutschland und England' ungehindert ^stehen und bei dem politischen Wettbebetverb Mischen .unserer Regierung und der englischen die letztere obenauf geblieben ist. Grey hat Grund genug, mit seiner Politik zufrieden zu sein. Ob aber die gesittete Welt sich mit dieser Politik zufrieden gdben.kann, dies bezweifeln wir angesichts der Tatsache, daß die Bündnisse bloß dem Militarismus.und der Reaktion zugute kommen. Diese Zufriedenheit Englands dürfte immerhin wenigstens das eine zur Folge haben, daß die englische Regierung bei ihrer gegenwärtigen dominierenden Stellung im OsmanenreMe ihre frühere unfreundliche Stellung zum Zionismus korrigieren wird. Was die Lage der Juden Englands im verflossenen Fahre anbetrifst, so kann nmn konstatieren, daß' sie keineswegs, eine Besserung erfahren hat. Wohl ist noch, ein Meller Jude Minister geworden; dW was will dies bei einem so kühlen Rechner, wie es der Engländer ist, besagen, der gar wohl auch die glänzende Begabung^ eines [ Juden zu verwerten weiß. Der Gradmesser des' i Verhältnisses eines Landes zu uns Juden zeigt sich in der Hauptsache im Verhältnis seiner Bürger zu uns, und diesbezüglich — kann man sagen — hat eine Erkaltung platzgegriffen, und es ist eine Art -Judenfrage entstanden. Eine Zeitung wie die „Times''' findet es für angebracht, ihren Lesern mit antisemitischen Artikeln aufzuwarten. Hieran wird wohl der Freund und zukünftige Verbündete, Rußland, die meiste Schuld tragen. Rußland hat die Judophobie zuni Brennpunkt seiner inneren Politik gemacht, und Liese innere Zarenpolitik wirft ihre Reflexe auch' auf die äußere Politik. Rußland ist z. B. imstande, wegen der leidigen Paßfrage der Juden sich mit Amerika zu verfeinden, und so kommt es, daß die geschäftigen Engländer dem viel umworb-enen Freund Rußland zuliebe sich im Antisemitismus betätigen. \ Was ^Frankreich betrifft, so muß konstatiert werden, daß keine Verschiebung in der dortigen Lage der Juden wahrnehmbar war. Sind fcojdji die französischen Juden, viel zu gering an Zahl und zu unbedeutend als bewußte Juden, um den Haß der dortigen! Christen heraufbeschwören zu können. Zwar befindet sich in Paris der Sitz der „Alliance", die den großen Namen: >,Alliance Jsräelite Universelle" führt und sich, als ^Vertreterin" der jüdischen Gesamtheit betrachtet, allein, wer noch, wie die Franzosen, weiß so genau, daß die „Alliance" mehr die Interessen der Fr anzo s e n als die der Indien wahrnintmt. Nun kommt der letzte im Bund: Rußland. Doch bei dem Lande der Pogrome braucht man sich nicht lange aufzuhalten! Die Parole der Zären- Regierung gegenüber der Judenheit heißt: .Ausrottung, und so erübrigt es sich all die entsetzlichen Maßnahmen dieser verruchten Regierung zu schildern. Welchen Zweck sollte eine Umschreibung dieser Gräuel auch hckben? Es gab Zeiten, da Man sich in Europa über die russischen.Schandtaten aufzuregen pflegte. Diese Zeiten sind längst dahin. Die Proteste pflegten in erster Linie von Frankreich! und England — besonders von letzterem — zu kommen; doch seitdem Frankreich der Verbündete Rußlands geworden ist und England aus Mißtrauen ^Deutschland Rußland nachzulaufen begonnen hat, seitdem verstummen die Proteste ganz. Das allseitig umworbene Rußland darf jetzt ungestört die scheußlichsten Gräuel verüben; kann .es doch, gewiß sein, daß in Europa sich nichts regen wird. Und noch mehr, es kann sogar auf die Tatsache Hinweisen, daß der Antisemitismus auch in den „gesitteten" und „zivilisierten" Ländern in der Zunahme begriffen ist. Gar oft hat die offiziöse „Rossia" dies konstatiert; sogar das fieie Amerika hat sie als Beweis für ihre Behauptung angeführt. Und siehe! Selbst wir westeuropäischen Juden regen uns nW Mehr über die entsetzlichen Leiden unserer russische Brüder auf. Gar Mancher unserer sogenannten „Führet Lenkt sogar, daß die Lösung der russischen Judenftage Rußland selbst vornehmen werde. Wahrlich, weise Männer sind jene, die so sagen. Rußland betreibt wirklich dieseLösung, nur, löst es sie auf seine echt russische Weise; den einen Teil treibt es der Vernichtung zu, den Metten Teil weist e s aus dem Lande und den dritten und letzten führt es zur Taufe! Und ist von der vierten Duma eine Besserung der jüdischen Lage zu erwarten? Kaum! Finden Loch die Wahlen unter Ausschluß der O eff entkeit und nach den „echt russischen" gesetzlichen Erklärungen und Interpretationen des „echt russischen" Senates statt. Auswanderung und abermals Auswanderung muß also die einzige Lösung sein! ' Vom Kerker Rußland gehen wir zum Lande der Freiheit, zu Amerika, über. Sechs Länder haben wir durchstreift und vergebens nach einem klaren Himmel gesucht. Nun stehen wir vor dem Himmel des fteien, allerfteisten Landes. Wie ist der Himmel dieses Laiches, ist wenigstens dieser klar, ist er wolkenlos? Leider nein! Auch der Himmel des fteien Amerika ist bedeckt mit: ■ dunklen, tief schwarzen Wolken! Hören wir, was ein; Kenner dieses Landes, selbst Amerikaner und im. höchsten Grade zuverlässig, der bekannte Prof. Dr. Richard Gottheil, über die Lage der amerikanischen Juden sagt: „Immer zahlreicher werden die Geschäfte, die keine jüdischen Angestellten engagieren, und gaNW Häuserblocks vermieten keine Wohnungen an JuÄn. Der Ausschluß der Juden aus zahlreichen amerikanischen Badeorten ist eine bekannte Erscheinung. Dieser Antisemitismus ist noch nicht alt. 'Im Jahre 1873, als bloß 100,000 Juden in Lerr Vereinigten Staaten lebten, existierte er noch nicht. Wer Las Schlimmste ist, daß er inMischen auch . in tzie schon amerikanisierten jüdischen Kreise selbst eingedrungen ist. In vielen Privatschulen herrscht bereits — i ganz wie in Rußland! —. eine Prozentnorm firr die Ausnahme jüdischer Schüler, und als der - Direktor einer Schule sich kürzlich weigerte, Liese Prozentnorm dürchzuführen, verließen zuerst alle christlichen Schüler Las Institut, well es ihnen zu .. jüdisch war, und dann — aus demselben Gruntze! — Hie jüdischen Schüler! An den Universitäten sind Wische Studenten von allen geselligen Klubs, ausgeschlossen und haben sW daher Vielfach zu jüdischen Studentenverbindungen vereinigt! Auch sonstige wissenschaftliche und andere Klubs werden „judenrein" gehal- ' ten." Soweit W Aussagen Gotthells. Bis zu welchem Grad der Antisemitismus in Amerika gestiegen ist, beweist 8er jüngste Rewhorker Fall Rosenthal; es genügte, ein paar Wische Namen in einer Verbrecherbande von Christen anzutreffen, um die gesamte Press« Amerikas gegen das Judentum mobil zu machen, sodaß, erschreckt - von der antisemitischen Attacke, sich die Führer der - amerikanischen Judenheit genötigt sahen, die gegen; das gesamte Judentum geschleuderten Angriffe äbznwehren; und in einer unter dem Vorsitze von Dr. I. L. Magnes äbgehaltenen Sitzung er-, hoben die Vorsteher 8er Newyorker Gemeinde lauten Protest. Man sieht also, wie irrig jene Anschauung ist, die da sagt, daß die Freiheit ein SchuMall gegen Vorurteile jntö Rassenhaß bildet. Nur einzelne in der Zerstreutheit lebende und bis zur Unkenntlichkeit assimilierte Juden können sich vor der Judophobie schützen, nicht aber gartze Massen von Juden, die noch etliche; jüdische Merkmale an sich haben, und noch dazu, wie es heute der Fall ist, in ihrer Kurzsichtigkeit selbst antisemiteln. Eine Nation, seit Taufenden von Jahren in alle Welt zerstreut, ohne irgendwo ein eigenes'Heim zu besitzen, bildet eine Anomalie, und ' diese Anomalie ist es, die den Antisemitismus erzeugt! Und doch kann uns das Gespenst des ameri- - konischen Antisemitismus nicht beängstigen, well - Männer, die sich in Freiheit erzogen Habens sich zur Wehr setzen können und durch ungerechte; Anfeindungen nur gestählt, geläutert und selbstbewußter werden. i